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Filmkritik
Die Theaterkompanie, der Matias (Gabriel Faryas) und Fabio (Cirillo Luna) angehören, heißt „Tremor“ – Zittern. Das neue Stück steht kurz vor der Premiere. Körper in leuchtend roten Hosen und hellen, gazeartigen Oberteilen ringen miteinander, verknoten sich, greifen sich gegenseitig fest ins Gesicht, fallen zu Boden. Es ist ein Spiel um Macht, Aggression und darum, wer „oben“ ist. Im Finale bewegen sich die beiden Schauspieler auf einem hohen, schmalen Balken aufeinander zu; ihre Körper pressen sie dabei mit dem Rücken an eine hohe Wand. Am Ende des Kampfes fällt einer zu Boden, der andere bleibt oben und hält den Abschlussmonolog. Der Ausgang ist offen, mal schafft es Matias, mal Fabio.
Das Bühnengeschehen ist ein Spiegel des Lebens, nimmt es vorweg. Es geht um Sex, um die Lust, dabei angeschaut zu werden, und es geht um den Aufstieg zu Ruhm, Erfolg und Macht. Über beidem liegt der Suspense eines Film Noirs. Getragen von nächtlichen Atmosphären, betörenden Lichtstimmungen und unheilvoll schwelenden Streicherklängen, steht „Night Stage“ von Beginn an mit einem Fuß im queeren Erotikthriller. Anleihen finden die Regisseure Filipe Matzembacher und Marcio Reolon in der Melodramatik und Extravaganz von Pedro Almodóvar und Brian de Palma. Eine Synthese aus Spannung, Fetisch, Satire und stilistischer Emphase.
Wie im Scheinwerferkegel
Zwei aufstrebende Karrieren werden in dem Spielfilm des brasilianischen Regie-Duos parallelisiert. Der Schauspieler Matias steht am Anfang seines Ruhms; der nicht offen homosexuelle Yuppie Rafael ist dabei, der nächste Bürgermeister von Porto Alegre zu werden und befindet sich mitten im Wahlkampf. Rafael ist aber auch „Discreet 35“, das nächtliche Sex-Date von Matias. In einem herrschaftlichen Haus, in dem sich sein Wahlkampfbüro befindet, fallen sie nach einer Theaterprobe übereinander her. Als von draußen ein heller Lichtschein durchs Fenster fällt, reißt Rafael die Vorhänge auf und die beiden setzen den Sex wie unter einer Bühnenbeleuchtung fort. Eigentlich trifft der Politiker aus Prinzip ein Date nie ein zweites Mal. Doch von Matias kann er fortan nicht lassen. Ganz zum Verdruss von Camilo, seinem unangenehmen Sicherheitsberater.
Eine Casting-Direktorin taucht im Theater auf; sie ist auf der Suche nach dem Hauptdarsteller für eine neue Serie. Ihr Blick fällt auf Fabio; die Figur, für die er vorsprechen soll, ein brutaler, verführerischer Frauenheld, scheint ihm wie auf den Leib geschrieben. Matias dagegen bekommt zu verstehen, dass sein privates Leben zu sehr zum Ausdruck kommt und er deshalb für eine Hetero-Rolle nicht geeignet sei. Doch mit etwas Nachhilfe von Rafael fällt die Wahl der Regisseurin schließlich doch auf den „fluideren“ Matias – was einen hohen Preis nach sich zieht. Denn seine schwule Identität darf, so ist es vertraglich geregelt, nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Wahnwitzigerweise befeuert das Verbot sowohl bei Matias als auch bei Rafael das Begehren, sich in gefährliche Situationen zu begeben.
Der Reiz, ertappt werden zu können
Zum Thriller verdichtet sich „Night Stage“ durch die heimlichen, immer waghalsiger werdenden Sex-Dates von Matias und Rafael, die den Reiz eben darin finden, jederzeit ertappt werden zu können – die Orte sind das Bürgermeisterbüro, Parkplätze, das Auto, der Park. Aber auch durch eine Intrige. Fabio, der den Aufstieg seines Schauspielkollegen eifersüchtig beäugt, versucht mit einem heimlich aufgenommenen Sexvideo die ihm „geraubte“ Rolle in der Serie zu erpressen. Für Camilo, der um die Karriere seines Schützlings fürchtet, ist das ein Anlass, gleich beide Männer aus dem Weg räumen zu wollen.
„Night Stage“ geht ganz in Oberflächen und Fetischismen auf. Licht fällt auf nackte, vor Lust bebende Körper; der Sex hat immer auch etwas von Tanz und Choreografie. Auch Objekte wie der rote Satinblouson von Matias oder seine grobmaschig gestrickten bauchfreien Oberteile werden zu exquisiten Schauwerten fetischisiert. An die wilde Schönheit der Filme von Yann Gonzalez, der in seiner schrägen Genre-Paraphrase „Messer im Herz“ die voyeuristischen Thriller von Brian de Palma appropriierte, kommt „Night Stage“ aber nicht heran. Der „Tremor“ ist eher unterkühlt.










