Vorstellungen
Filmkritik
Eine geschwungene Stirn, angestrahlt nur von den Lichtern der Großstadt. Ein paar Haarsträhnen, in deren Schatten ein erster Kuss implodiert. Eine Träne, so nah gefilmt, dass sie direkt aus dem Nachthimmel zum Filmzuschauer zu fließen scheint: Alles, was sie über diese Welt wissen will, findet im Langfilmdebüt „Ninja Motherf*cking Destruction“ von Lotta Schwerk die Kamera von Fion Mutert in den Gesichtern der Protagonistinnen.
Wen liebe ich, wer braucht mich?
Sie übernimmt damit mit bejahender Neugierde deren Perspektive. Es sind die ersten Jahre des Erwachsenwerdens, in jener kinobildgroßen Ära zwischen Abi und ersten Trennungen, die Zeit, in der sich die besten Freundinnen Marlene (Merle von Mach) und Leonie (Emma Suthe) noch ihrer Freundschaft sicher sind. Doch mit Macht wollen Fragen nach der eigenen Identität beantwortet sein: Wen liebe ich, wer braucht mich? Will ich das? Wer bist du, wer bin ich? Ergibt das schon ein Wir? Was passiert, wenn in den Kreis jemand Drittes tritt?
Probeweise und gönnend wird nacheinander mit demselben Jungen geknutscht, man albert herum in erfundenen Insider-Spielen. Emma Suthe arbeitet brillant jene kleinen Brüchigkeiten im Intimen heraus, die mehr Fragen aufwerfen, als dass sie ein eindeutiges Begehren definieren: Wenn ihre Leonie lieber doch nicht mit dem „ganz netten“ Paul (Yildiz Tiryakioglu) schlafen mag, scheint sie selbst nicht so genau zu wissen, woran es liegt. Sehr klar, aber doch auch sehr leise sagt sie „nein danke“, als er sie höflich fragt, ob sie ihn dann aber vielleicht „kommen sehen“ möchte.
Das Glück, das aus ihrem Lächeln spricht
Bald verliebt sich Leonie in die erwachsener wirkende Naomi, und das Glück, das aus ihrem Lächeln spricht, braucht keine Begriffe, vorläufig. Marie Tragousti spielt diese Naomi mit jener Mischung aus Souveränität und Undurchschaubarkeit, die sie schon in „Nackte Tiere“ von Melanie Waelde (2020) als eine ihrer Stärken kultivierte. Hier wirkt sie nur auf den ersten Blick tough. Naomi ritzt sich bei depressiven Schüben und lächelt später entschuldigend darüber. Leonie aber will ihr helfen und ihr zugleich Freiraum lassen. Gefangen in dieser selbst auferlegten Verpflichtung, verliert sie allmählich ihre beste Freundin Marlene, eigentlich auch sich selbst. Sie zieht weg aus Berlin und beginnt eine Ausbildung als Gemüsebäuerin.
Zunächst als Kurzfilm verwirklicht, war die Geschichte der jungen Frauen für Regisseurin Schwerk noch lange nicht auserzählt. Mit ihrer Crew vereinbarte sie jährliche Dreh-Treffs. So entstand über einen Zeitraum von acht Jahren, in denen auch im realen Leben die Freundschaften wuchsen, ein kraftvolles, berührendes Porträt weniger einer Generation als höchst unterschiedlicher junger Frauen. Zwar geht mit dem Langzeit-Aspekt tatsächlich auch die eine oder andere erzählerische Länge einher. Doch das zeitweise Stagnieren der Handlung schmälert nicht das Interesse an den Figuren und daran, wie sie sich entscheiden, welche Auswege sie finden, wie sie einander wieder näherkommen.
Mitten aus einem lustigen Moment heraus
Improvisiert wirkende, dabei situativ sehr genaue Dialoge und eine die Gesichter und Körper immer wieder an die Unschärfe verlierende Kamera lassen durch ihren dokumentarischen Charakter bisweilen das Fiktionale vergessen. Abrupte Schnitte mitten aus einem lustigen Moment heraus in eine ambivalente Situation erzeugen jenes latente Schwindelgefühl, das einen als junger Mensch erfassen kann beim Blick auf dieses zu gestaltende Leben, das da vor einem liegt.
Die soghafte Wirkung des Films liegt auch in dieser inhaltlichen Beschränkung: Die Welt, das sind für die Heranwachsenden zuallererst sie selbst. Tastend arbeiten sie aber am größeren Ganzen, indem sie die so bedrohlich wie verheißungsvoll vor ihnen liegende Zeit auszufüllen beginnen, mit Körpern, Liebe, Freundschaft, Abschied und Verzeihen – und manchmal auch mit Gemüseanbau.

