Vorstellungen
Filmkritik
Der Konjunktiv hat in einer Filmkritik eigentlich nichts verloren. Dennoch: Es hätte ein so großartiger Film werden können! „Niñxs“ hat das Zeug zu einem Meilenstein, und in gewisser Weise ist er das auch. Kani Lapuerta erzählt in seinem Dokumentarfilmdebüt die Geschichte des trans Mädchens Karla, das er acht Jahre lang mit und abseits der Kamera begleitet hat. Karla ist erst sieben, als sie in die Dreharbeiten einwilligt, ohne zu ahnen, wie lange diese dauern werden. Geplant ist ursprünglich ein deutlich kürzerer, überschaubarerer Film.
„Niñxs“ bildet im Spanischen die geschlechtsneutrale Variante des Begriffs „niños“, die alle Kinder einschließt. Der Film richtet sich an alle Kinder und Jugendliche – egal ob trans, nonbinär, cis, genderfluid oder was auch immer. Dennoch ist es kein Zufall, dass eine trans Protagonistin im Mittelpunkt steht und ein trans Filmemacher Regie führt. Lapuerta geht es nicht zuletzt auch darum, den filmischen Blick auf trans Menschen nicht denjenigen zu überlassen, die aus einer cis-Perspektive vor allem das Andere, das Spezielle, das Außergewöhnliche beleuchten und dadurch bewusst oder unbewusst zum sensationsheischenden Pathologisieren neigen.
Von trans Menschen für alle Menschen
„Niñxs“ soll also ein Film von trans Menschen über trans Menschen sein, inszeniert mit lässig selbstbewusster Selbstverständlichkeit, aber nicht nur für trans Menschen, sondern für alle. Und da alle Menschen einander ähnlicher sind, als sie es manchmal glauben (wollen), lässt sich, wie in jeder guten Geschichte, aus Karlas Einzelschicksal etwas Allgemeinmenschliches ableiten, in dem sich alle wiederfinden können.
Denn wer wüsste nicht, wie schwierig es manchmal ist, als Kind, als junger Mensch oder überhaupt seine eigene Identität zu finden. Und wie tröstlich dabei die utopische Vorstellung wirken kann, dass dieser Prozess irgendwann zu einem befriedigenden Ende gelangt. Die persönlichen Erfahrungen aus Karlas Heranwachsen in der mexikanischen Kleinstadt Tepoztlán hätten sich also durchaus zu einem Sinnbild des „Coming of Age“ weiten können. „Niñxs“ hätte das Zeug dazu gehabt. Aber dafür hätte der Film zuerst die Geschichte von Karla erzählen müssen.
Bei rund 50 Drehtagen sammelten sich laut Lapuerta in acht Jahren etwa 300 Stunden Filmmaterial an. Verwendet werden davon in „Niñxs“ aber vor allem Aufnahmen aus den letzten Jahren. Darunter sind einige prächtig fotografiert, etwa von der Majorette-Parade, an der Karla teilnimmt. Einige eindringliche, wenn Karla und ihre Mutter nebeneinander schaukeln und die Mutter ihrer Tochter einschärft, dass sie sich gegenüber niemandem erklären oder rechtfertigen muss. Oder wenn eine Mitarbeiterin der Schulbehörde im Video-Call vor Karlas Rückkehr in die Schule nach der Coronapause erklärt, die Transidentität wie ein Filter funktioniere; sie halte die schlechten Menschen von einem fern.
Bloß kein tragischer Film
Vor allem aber versammelt der Film viele nette, lustige, lebendige, quirlige Impressionen, in denen Karla mit ihren Freundinnen zusammen ist, mit denen sie über Gott und die Welt, Schminke und Glitzer und Geschlechteridentitäten tratscht, streitet, lacht. „Was wünscht du dir von den Zuschauern dieses Films“, fragt Lapuerta die Protagonistin einmal, woraufhin Karla antwortet: „Ich möchte, dass sie lachen.“ Es solle bloß kein „tragischer Film“ werden, keiner von denen, in denen die trans Protagonistinnen am Ende Sexarbeiterinnen werden oder als Mordopfer enden. Karla will am Ende einfach glücklich sein.
Aus dieser unerschrocken positiven Haltung heraus blendet der Film manches aus oder streift es nur am Rande. In kaum mehr als einem Satz aus dem Off geht Karla darauf ein, dass es für sie jahrelang die Hölle war, durch die Stadt zu gehen. Oder dass sie nie durch die Straßen laufen konnte, ohne zumindest einmal beleidigt zu werden. Doch nicht nur diese lediglich angedeuteten negativen Erlebnisse reißen Lücken in Karlas Biografie, die aus dem Off gefüllt werden müssen. Die einzelnen Aufnahmen formen Bilder einer schillernden, charismatischen jungen Persönlichkeit mit einer natürlichen Leinwandpräsenz und einer glitzernden, wunderbar selbstironischen Aura, die den Film trägt.
Die einzelnen Szenen und Sequenzen verbinden sich allerdings nie zu einem nachvollziehbaren Erzählstrang. Dass Tepoztlán ein Touristen-Hotspot für Hippies ist, erfährt man nur am Rande; dass Karla als kleines Kind an Asthma litt und ihre Eltern deshalb aus Mexico Stadt nach Tepoztlán gezogen sind, ebenso. Auch dass sie offen und liebevoll von ihren Eltern erzogen wurde, lässt sich nur erahnen. Am Ende des Films ist einem Karla dennoch nahe. Sie wirkt so fröhlich, energiegeladen und sympathisch, wie überhaupt der ganze Film sympathisch und liebenswert wirkt. Aber man weiß kaum etwas über sie und ihr Leben.
Fragmentarische Collage
Wer ist sie jenseits der Maske, die sie für die Dreharbeiten aufsetzt? Ihr Coming-of-Age-Prozess zerfällt zu einer fragmentarischen Collage, deren Leerstellen nur behelfsmäßig durch nachgespielte Szenen und eine gewollt komische metafiktionale Erzählebene überbrückt werden. Das Geschehen wirkt dadurch recht zeitlos und anachronistisch. Karla erscheint zudem seltsam erwachsen, wie eine junge Frau, kaum wie eine Jugendliche, fast nie wie ein Kind. Kein Heranwachsen ist zu spüren, kein Reifeprozess. Darüber wird nur und viel geredet. Kani und Karla, Regisseur und Protagonistin, kommentieren aus einer fiktiven Erinnerungsschaltzentrale im campy Plastikdesign heraus den Film und seinen Entstehungsprozess vom Vorspann bis zu den Schlusscredits. So als könnte diese offensive Selbstreferentialität darüber hinwegtäuschen, dass das Voiceover den nötigen dramaturgischen Klebstoff liefern muss, der die losen Szenen zusammenhält.
Ein potenziell bahnbrechender, mitreißender Dokumentarfilm ist so am Ende lediglich ein interessanter Beitrag geworden, auch wenn er immerhin ein bedeutender geblieben ist.







