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Insider

157 minDrama, ThrillerFSK 6
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Der CBS-Journalist Lowell Bergman wittert eine gute Story für seine investigative Nachrichtensendung '60 Minutes' im Fernsehen, als er den Wissenschaftler Jeffrey Wigand, entlassener Manager der Tabakindustrie, vor das Mikrofon bekommt. Wigand weiß einiges, vor allem über den Zusatz von Suchtmitteln zu dem normalen Zigarettentabak. Leider hat er auch eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnet und gefährdet seine Existenz und die seiner Familie.Doch der Drang zur Wahrheit ist stärker und Wigand gibt das entscheidende Interview. Doch dann geht alles schief: Wigands Familie zerbricht unter dem Druck und dem Terror des Tabakgiganten und CBS hält den Beitrag aus Furcht vor einer Milliardenklage zurück. Bergman, der noch nie einen Informanten sitzengelassen hat, muß sich entscheiden: seine Karriere oder seine Berufsethik...
  • Veröffentlichung27.04.2000
  • Michael Mann
  • 7/10 (1879) Stimmen

Fernseh-Moderator Mike Wallace ist zutiefst verwirrt, als die Ehefrau des Interviewpartners schon beim Vorgespräch für das brisante Interview zusammenbricht: „What kind of people are these?“, fragt er Lowell Bergman. Der antwortet lakonisch: „Ordinary People under extraordinary pressure“, sagt er und nennt damit das zentrale Thema von „The Insider“. Der Chemiker Jeffrey Wigand fungiert als Kronzeuge in einem Muster-Prozess des Staates Mississippi (und weiterer 49 Bundesstaaten) gegen die sieben großen Tabakkonzerne der USA, in dem es um die wissentliche Manipulation des Nikotinanteils in Zigaretten und das meineidliche Bestreiten solcher Manipulationen vor einem Untersuchungsausschuss geht. Ist Rauchen eine Sucht? Bewirkt Rauchen Krebs? Weiß die Tabakindustrie darum? Weiß der einzelne Raucher darum? Wenn es bei der Beantwortung solcher Fragen um einen geschätzten Streitwert von ca. 246 Mrd. Dollar geht, ist es auch eine sehr amerikanische Form der Politik. Nicht gerade ein dankbarer „Stoff“ für einen außergewöhnlichen Film!

Doch Michael Mann ist es gelungen, aus diesem schwierigen Stoff mit seinen vielen Dialogen, seinen juristischen Finessen und seiner komplexen Figurenpsychologie einen packenden, intelligenten, zum Teil atemberaubend spannenden Thriller zu machen, ohne dabei simplifizierende Kompromisse einzugehen. Damit unterstreicht er seinen Status als (noch immer unterschätzter) Hollywood-Auteur eindrucksvoll. „The Insider“ übersteigt mit seiner handwerklichen Intelligenz und seinem thematischen Reichtum in vielem die Konventionen Hollywoods, was vielleicht neben seiner noch aktuellen politischen Brisanz das niederschmetternde Ergebnis bei der diesjährigen „Oscar“-Preisverleihung erklären mag. Nur einige Aspekte seien thematisiert. Zunächst: „The Insider“ ist ein Schauspieler-Film. Zu Beginn verliert Jeffrey Wigand seinen Führungsposten in einem der Forschungslabors der Tabakindustrie und erlebt hautnah die individualbiografische Kehrseite des flexiblen Kapitalismus. Plötzlich müssen die Wigands sich um ihre medizinische Versorgung und die schulische Ausbildung ihrer Kinder sorgen, was gar nicht zu jener austauschbaren sauberen Suburb zu passen scheint, wo die Geschichte beginnt. Für den psychisch labilen Jeffrey führt die Situation zu einer veritablen Identitätskrise, zumal seine Ex-Firma ihm ganz konkret mit Repressalien droht, sofern er sich nicht an die Loyalitätsklausel des Arbeitsvertrags hält. Russell Crowe, kaum wieder zu erkennen gegenüber seinen Rollen in „Romper Stomper“ (1992) oder „L.A. Confidential“ (fd 32 868), spielt diesen untersetzen, verschlossenen Mann mit lichtem Haar und unvorteilhafter Tropfenbrille: ein verunsicherter, aggressiver Koloss mit einer Biografie aus kleinen Lebenslügen, dessen größte Schwäche seine Angst vor der Einsamkeit ist, und der am Ende so einsam sein wird, dass sein Auspacken vor Gericht als Alternative zum Selbstmord durchgeht. Jeffrey ist kein Held, sondern jemand, der aus verschiedenen Gründen (darunter auch seine Vorstellung von Männlichkeit) in ein „Spiel“ hineingezogen wird, das mehrere Nummern zu groß für ihn ist.

An diesem Punkt kommt Lowell Bergman ins Spiel, ein Journalist, der für die Nachrichtensendung „60 Minutes“ arbeitet und Jeffrey kontaktiert, um eine Einschätzung von ihm zugespielten Geheimmaterial über die Tabakindustrie zu hören. Bergman ist ein Mannscher „Professional“, und merkt schnell, dass Wigand selbst die gute Geschichte ist, die er sucht. Er überredet ihn zum Fernsehinterview, hat aber offenkundig die juristische Dimension des Falls unterschätzt. Weil Jeffrey ihm wichtige Details aus seinem Vorleben verschwiegen hat, die jetzt zu seiner öffentlichen Demontage seiner Person benutzt werden, kann Bergman Wigand nicht schützen. Als der Sender vor der Ausstrahlung des Wigand-Interviews zurückschreckt, weil eine finanziell ruinöse Klage droht, wird „The Insider“ zum heroischen Statement eines unabhängigen investigativen Journalismus, dessen Tage aufgrund ökonomischer Verflechtungen gezählt sind. Hier waltet Pathos von Oliver Stoneschen Gnaden, und es ist eine amüsante Koinzidenz, dass binnen weniger Wochen Al Pacino nach zwei letzten Triumphen des „alten Amerika“ auf den Gebieten „Football“ und „liberaler Journalismus“ die Brocken hinwirft.

„The Insider“ ist eine Reflexion über den Bedeutungsverlust der Familie. Jeffreys Denken und Handeln zielt zunächst ganz traditionell auf die Existenzsicherung seiner Familie, doch im Lauf des Films wird deutlich, dass diese Familie der enormen Belastung nicht gewachsen ist. Bergman seinerseits agiert vor dem Hintergrund eines erweiterten Familienverbands, den er im Film einmal „modern marriage“ nennt: einige Kinder mit wechselnden Partnerinnen. Damit variiert Michael Mann nicht nur ein Motiv, das auf unterschiedliche Weise bereits „Blutmond“ (fd 26 032) und insbesondere „Heat“ (fd 31 814) geprägt hatte, sondern es weist auch nachdrücklich (und entgegen aller Konvention) auf das mysteriöse Verschwinden Jeffreys, der in den letzten Minuten des Films schlicht „vergessen“ wird und damit den kleinen Sieg Pacinos zusätzlich schal schmecken lässt. Wenn man sich daran erinnert, dass der Film im Nahen Osten mit einer Interview-Sequenz mit einem Hisbollah-Führer begann, kann man diese bedenkenswerte „Cloture“ auch als galligen Meta-Kommentar zur Beziehung zwischen Individualschicksal und Medienöffentlichkeit begreifen.

Die Dekonstruktion der gängigen Schlussapotheose bestimmt auch die Differenz des Films zu den letztlich optimistischen Post-Watergate-Polit-Thrillern der 70er-Jahre. Wigand erhält Morddrohungen per E-mail, eines Tages findet er eine Patrone in seinem Briefkasten. Unklar bleibt, wie sie dorthin kam, denn die Ambivalenz der Figur Wigands eröffnet auch die Möglichkeit, dass er selbst sie dort hinterlegt haben könnte, um sein Gefühl der Bedrohtheit seiner Familie zu vergegenständlichen. Der Film bezieht seine Spannung aus den Anleihen, die er bei den Paranoia-Thrillern der 70er-Jahre wie „Zeuge einer Verschwörung“ (fd 19 259) oder „Die drei Tage des Condors“ (fd 19 592) macht. Wenn man über Genrewissen verfügt, befürchtet man über lange Strecken des Films das Schlimmste für Jeffrey oder seine Familie und teilt damit deren Hysterie, die konkrete Gewalt überflüssig macht. Dieser eigentümliche (letztlich nie objektivierte!) Transfer von Paranoia zwischen Figur und Zuschauer verdankt sich insbesondere der Kameraführung, die immer wieder ganz nah an die Figuren herangeht und damit eine Raumorientierung verhindert. Es ist genau dieser Perspektivwechsel vom aufklärenden Journalisten hin zur Erfahrungswelt des „normalen“ Kronzeugen, der das - letztlich ohnehin recht konventionelle - Ex-post-Pathos von „Die Unbestechlichen“ (fd 19 971) unterminiert. Nicht länger geht es um die Aufklärung der Wahrheit durch Gespräche in dunklen Tiefgaragen, sondern vielmehr um deren Veröffentlichung gegen den Widerstand hochprofessioneller Anwaltsbüros. Dass Bergman bei der Durchsetzung des Interview-Sendung schließlich auf das ältere Medium der Zeitung (und die nächtliche Informationsübergabe) zurückgreifen muss, passt ebenso zum desillusionierten Pessimismus von „The Insider“ wie die Tatsache, dass der permanente Einsatz modernster Kommunikationstechnik (der im übrigen auch zu einer bewundernswert abstrakten Montage-Gestaltung des Raums führt) letztlich dann in Momente von Face-to-Face-Kommunikation mündet, die eine Authentizität suggerieren, die längst nicht mehr einlösbar ist. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, verweigert Jeffrey Wigand während des gesamten Films jeden offenen Blick in die Kamera.

Veröffentlicht auf filmdienst.deInsiderVon: Ulrich Kriest (12.5.2026)
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