Vorstellungen
Filmkritik
Das Leben von Man-su (Lee Byung-hun) ist zu schön, um wahr zu sein. Der Angestellte einer Papierfabrik lebt mit seiner Ehefrau, den beiden Kindern und zwei Hunden in einem prächtigen Haus mit Garten. Dort wird gechillt, gegrillt – und im Verlauf von Park Chan-wooks böser Gesellschaftssatire „No Other Choice“ auch so manches vergraben. Denn Man-sus Idylle endet abrupt: Er wird entlassen, weil US-Amerikaner die Papierfabrik gekauft haben. Der Vorzeige-Arbeitnehmer ist am Boden zerstört, da er sich mit seinem Arbeitsplatz und seinem Spezialgebiet, dem Papier, voll und ganz identifiziert hat. Wie soll er seinen Wohlstand halten, wie wird er vor seiner Familie dastehen?
Er schwört seiner Frau Mi-ri (Son Ye-jin), innerhalb von drei Monaten einen vergleichbaren Arbeitsplatz zu finden. Doch ein Jahr später arbeitet er in einem schlecht bezahlten Job im Einzelhandel. Die Familie hat den Gürtel enger geschnallt: Die Hunde wurden zu den Großeltern gegeben, und der Musikunterricht für die hochbegabte Tochter muss eingestellt werden. Auch die Raten für das Haus kann Man-su nicht mehr pünktlich zahlen, und setzt es so aufs Spiel. Nachbarn, die Interesse am Kauf des Hauses haben, benehmen sich bei dessen Besichtigung daneben und verstärken sein Gefühl der Demütigung. Er bewirbt sich weiterhin auf Stellen, muss aber anderen den Vortritt lassen. Dabei entdeckt er, dass eine Handvoll besserer Bewerber ihm auch künftig Konkurrenz machen wird, und beschließt, sie aus dem Weg zu räumen.
Abfolge von aberwitzigen Szenarien
Was nun folgt, ist eine Abfolge von aberwitzigen Szenarien, in denen Man-su seiner verzweifelten, aber kriminellen Energie freien Lauf lässt. Den arroganten Mitbewerber, der den Job ergattert hat, will er mit einem riesigen Blumentopf erschlagen, doch sein Vorhaben wird von einer Zeugin zunächst vereitelt. Ein untreuer Ehemann sowie ein treusorgender Vater, der in Erwartung eines Jobs in einer Papierfabrik als Schuhverkäufer arbeitet, stehen ebenfalls auf seiner „To-do-List“.
Regisseur Park Chan-wook optiert für die Groteske, um seine Kapitalismus-Parabel so kompromisslos wie möglich zu erzählen. Oft sind die Situationen, in denen sich der Protagonist wiederfindet, komisch und erschreckend zugleich. In einer entsolidarisierten Gesellschaft, die auf Wohlstand und Statussymbole setzt, ist der Mensch des Menschen Wolf. Für Man-su bedeutet das: Moral ist zweitrangig; er will vielmehr seine Existenz um jeden Preis sichern. Park Chan-wook bedient sich überzogener Stilmittel: Es wird viel grimassiert, gestikuliert, geschrien, und es kommen die verschiedensten Waffen zum Einsatz. Außerdem gibt es jede Menge Missverständnisse, nicht zuletzt in der Ehe des Paares. Man-sus Heimlichtuerei, seine Vertuschung und die durch das Ausspähen seiner Konkurrenten bedingte Abwesenheit von Zuhause deutet Mi-ri als Untreue. Man-su wiederum bezichtigt Mi-ri der Untreue, da sie mittlerweile aushilfsweise bei einem Zahnarzt jobbt, um die Familienkasse aufzubessern.
Ein unbarmherziges Spiel
Doch der schwarze Humor entschärft keineswegs die Gesellschaftskritik, im Gegenteil. Die Zuspitzung entblößt den Kern von Man-sus Situation. Es geht darum, wie ein Individuum, das machtlos gegen den international vernetzten Raubtierkapitalismus ist, das unbarmherzige Spiel letztlich mitspielt. Nur der Stärkere gewinnt! Man-su hat dies am eigenen Leibe erfahren müssen und will sich gegen seine Mitbewerber nun mit Gewalt durchsetzen.
Der Film stilisiert Man-sus echte oder empfundene Machtlosigkeit zum Motor seiner Handlungen. Also pirscht sich der nach außen hin tadellose Familienvater buchstäblich an seine Rivalen heran und imaginiert fantasiereiche Methoden, sie umzubringen. Eine alte Schusswaffe aus dem Vietnamkrieg, ein Spaten und Alkohol kommen dabei zum Einsatz. Allerdings erweist sich das Morden in der Praxis als schwieriger als vermutet. Etliches läuft schief, und während sich überraschende Allianzen bilden, läuft der verzweifelte Man-su mehr als einmal Gefahr, enttarnt zu werden. Die gesellschaftskritische schwarze Komödie kommt deshalb auch als absurder Krimi daher, bei dem das Publikum wider besseres Wissen und Gewissen mit dem Protagonisten bangt.
Dieser hat Mühe, seine Spuren zu verwischen, und muss sich aus allerlei brenzligen Situationen befreien. Seine Machenschaften bleiben nicht ganz unentdeckt, werden von seiner Familie aber falsch interpretiert. Einmal beobachtet der Sohn, der selber in Drogengeschäfte verwickelt ist, den Vater im Gewächshaus bei einer verdächtig blutigen Aktivität. Doch Man-su schafft es mit mehr Glück als Verstand, seine Spuren vor Familie und Polizei zu verwischen, zumal andere Familienmitglieder den Garten ebenfalls zum Vergraben dubioser Objekte benutzen.
Der Gesichtsverlust wiegt noch schwerer
Der Film basiert auf dem Roman „Die Axt“ von Donald Westlake, der 2005 bereits als Vorlage für Costa-Gavras’ gleichnamigen Film diente. Costa-Gavras, der die Rechte des Romans noch innehatte, bestärkte Park in seiner Bemühung um eine neue Adaption. Insofern ist „No Other Choice“ kein klassisches Remake des französischen Films und außerdem auf die südkoreanische Gesellschaft zugeschnitten. Hier wiegt der Gesichtsverlust, sprich der soziale Abstieg, für den Protagonisten noch schwerer als in westlichen Gesellschaften.
Womöglich ist die Gesellschaftskritik bei Park nicht so pessimistisch wie in „Parasite“ von Bong Joon-ho. Doch die Mechanismen von Konkurrenz, Vereinsamung nach dem Verlust der Arbeit und die dadurch bedingten persönlichen und familiären Folgen bringt Park mit viel Zuspitzung und bösem Humor auf den Punkt. In einer Schlusspointe verweist er zudem auf die sich ändernde Arbeitswelt und jene Branchen, in denen Menschen bald ohnehin nicht mehr benötigt werden.










