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Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte

90 minDokumentarfilm, HistorieFSK 16
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Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 versucht die junge Fotografin Libuše Jarcovjáková mit ihren Bildern den Zwängen des repressiven tschechoslowakischen Regimes zu entkommen. Sie will herausfinden, wer sie sein möchte, und geht dafür auf die Straßen von Prag, in verstaubte Kneipen, zur Nachtschicht in eine Druckerei, in die Communities der Roma und vietnamesischen Migrant:innen. Schnappschüsse von Nacktheit, Sex und Alkohol wechseln sich ab mit Bildern von Lethargie und Restriktionen. Als sie wegen Fotos aus einem Schwulenclub Probleme mit der Polizei bekommt, geht Libuše eine Scheinehe ein und zieht nach Berlin. Doch auch die neue Welt ist voller Hindernisse. Mit ihrem letzten Geld fliegt sie nach Tokio, wo ihr der Durchbruch als Modefotografin gelingt. Aber das ist nicht das Leben, das Libuše leben will. Sie kehrt erst nach Berlin und später nach Prag zurück. Ihre Rückschläge und Erfolge, ihre Gefühle und Beziehungen und ihre nie endende Suche nach sich selbst sind festgehalten in ihren Bildern und Tagebüchern.
In welcher Welt lebe ich? Wer bin ich? Wie möchte ich leben? Aus Libuše Jarcovjákovás Werk von zehntausenden Negativen und dutzenden Tagebüchern hat die tschechische Regisseurin Klára Tasovská einen poetischen Filmessay montiert. „Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte“ erzählt von einem besonderen Künstlerinnenleben und einer bewegenden Reise in die Freiheit, die sich über sechs Jahrzehnte spannt und von der sowjetisch „normalisierten“ ČSSR der späten 1960er und frühen 70er über das Ost-Berlin der 80er bis ins Prag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und von heute führt.
  • Veröffentlichung18.02.2024
  • Klára Tasovská
  • Deutschland (2024)
  • 7.7/10 (190) Stimmen

„Greta!“, schallt es durch die Landschaft im sommerlichen Brandenburg. Die alleinerziehende Anja (Saskia Rosendahl) sucht ihre kleine Tochter, die am Rand eines Wäldchens gedankenversunken im Kadaver eines Kleintiers herumstochert. Im Hintergrund stehen Windräder, auf der Bundesstraße schlängelt sich eine kleine Kolonne mit schwarzen Autos durchs Bild. In einem davon sitzt die Berlinerin Isabell (Nina Hoss), die das Wochenendhaus ihrer betagten Eltern ansteuert. Auf dem Fensterbrett liegen lauter tote Fliegen, draußen knallt die Sonne auf die trockene Wiese; ringsherum zirpen die Zikaden.

Schon zu Beginn etabliert die Filmemacherin Ina Weisse eine schneidende Atmosphäre, die zwischen banalem Alltag und der Ahnung eines Abgrunds oszilliert. Von den ersten Bildern an ist klar, dass es in „Zikaden“ zu einer existenziellen Erschütterung kommt – auch wenn die lange auf sich warten lässt. Es weht ein Hauch Berliner Schule durch die deutsch-französische Co-Produktion, was nicht nur am Auftritt von Nina Hoss liegt, sondern auch an der strengen formalen Gestaltung, die Alltägliches auslotet und ihre filmischen Mittel sehr konzentriert einsetzt.

Ein Herr braucht Hilfe

Im Zentrum der Geschichte stehen die beiden ungleichen Frauen Isabell und Anja, deren Verhältnis zueinander nach der anfänglichen Parallelerzählung ihrer Geschichten zunehmend die Struktur und viele Konfliktlinien des Films prägt. Isabell arbeitet als Maklerin für Luxusimmobilien, in diesem Sommer ist sie vor allem die Tochter ihrer Eltern (Inge Weisse, Rolf Weisse), die im Alter nicht mehr alleine zurechtkommen. „Ich kümmere mich doch, ich kümmere mich“, verspricht Isabell am Telefon. Vor allem der Vater ist nach einem Schlaganfall auf Hilfe angewiesen; sein herrisches Wesen steht dem aber entgegen. Dennoch scheint seine Macht über Isabell, wie sie in subtilen Situationen und Aussagen aufblitzt, ungebrochen.

Isabell, deren Ehe mit dem Franzosen Philippe (Vincent Macaigne) vor dem Aus steht, sucht Isabell eine neue Pflegekraft für ihre Eltern und kümmert sich um das leerstehende Wochenendhaus in der brandenburgischen Provinz. In dessen Nachbarschaft lebt Anja mit ihrer jungen Tochter Greta vorübergehend wieder bei ihren Eltern. Im Gegensatz zur wohlhabenden Isabell hält sich Anja nur notdürftig über Wasser, aktuell als Bedienung im Bowlingcenter. Vom ersten Aufeinandertreffen der beiden an taut die introvertierte Isabell bei Saskia auf, was sich sogleich wie mehr als nur eine lockere Bekanntschaft anfühlt. Vieles bleibt ungesagt, schwingt aber mit. Doch das soziale Gefälle steht wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. Beim Ausflug zu einem Badesee blafft Anja ihre neue Bekanntschaft an, weil Isabell ihrer Tochter ein paar Schwimmflügel besorgt hat. „Glaubst du, du kannst Greta kaufen?“ Auf Dauer behindert dies ihre Annäherung aber nicht.

 

Biografische Anklänge

Mit Nina Hoss und Saskia Rosendahl hat Regisseurin Ina Weisse zwei talentierte Schauspielerinnen verpflichtet, welche die langsam entfaltete Dynamik zwischen den Figuren nonverbal greifbar werden lassen. Mit der präzisen Nina Hoss hat Weisse bereits 2019 in dem Charakterdrama „Das Vorspiel“ zusammengearbeitet, in dem Hoss eine strenge Geigenlehrerin mimt, deren Beziehung zu ihrem Sohn höchst angespannt ist und die wie in „Zikaden“ in einer angezählten Ehe mit einem französischen Mann lebt. Eine Verbindung besteht auch zu Weisses Regiedebüt „Der Architekt“ (2008), in dem Josef Bierbichler einen Architekten spielt, der an den realen Vater der Filmemacherin angelehnt ist; auch der pflegebedürftige Vater von Isabell in „Zikaden“ hat als Architekt gearbeitet und studiert noch immer seine Baupläne. Er und die Mutter werden überdies von den Eltern der Regisseurin gespielt, was die losen biografischen Anklänge in der Besetzungsliste fortschreibt.

Weisse konzentriert sich ganz auf ihr drei Generationen umfassendes Ensemble. In einer Kette von kleinen lebensnahen Momenten, die hier und da mit kleinen Lügen aufwartet, aber auch stille Wahrhaftigkeit ausstrahlt, entsteht nach und nach ein verästelter Figurenreigen mit Isabell und Anja im Zentrum.

Die Kamerafrau Judith Kaufmann stellt ihre gelegentlich von schwermütigen Klavierklängen untermalten Bilder nicht in den Vordergrund, sondern schafft visuell aufgeräumte, oft lichtdurchflutete Alltagsbeobachtungen, in denen die Fassade allmählich rissig wird. Über allem aber schwebt die eingangs etablierte und immerfort genährte Erwartung eines großen Knalls. Der kommt dann in Gestalt einer totenstillen Sequenz. Wie Weisse die Anspannung mit reichlich Ambivalenz und einfachsten Mitteln ins Extrem steigert, hallt lange nach.

Veröffentlicht auf filmdienst.deNoch bin ich nicht, wer ich sein möchteVon: Christian Horn (10.11.2025)
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