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I Only Rest in the Storm

216 minDrama
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Sérgio reist ins westafrikanische Guinea-Bissau, um dort als Umweltingenieur für eine NGO an einem Straßenbauprojekt zwischen Wüste und Wald mitzuarbeiten. Bei seinen Streifzügen durch die Großstadt lernt er Diára und Gui kennen, die Teil der lokalen queeren Community sind. Während Sérgio miterlebt, wie sich die Kolleg*innen aus seinem europäisch geprägten Arbeitsumfeld oftmals herablassend und sogar gewalttätig gebärden, werden Diára und Gui zu seinem einzigen Zufluchtsort und eine fragile Beziehung entsteht. Aber versucht Sérgio einfach nur der Einsamkeit in der Fremde zu entgehen? Oder kann er seine Rolle als Europäer in einem afrikanischen Land reflektieren und seinen neuen Freund*innen auf Augenhöhe begegnen? Ein quicklebendiger, mäandernder und überraschender Film voller unvergesslicher Bilder, der das Verhältnis zwischen Europa und Afrika sowie die ambivalente Rolle der Entwicklungzusammenarbeit untersucht.

Ob es denn wirklich wahr sei, dass man in Lissabon für die Toiletten Trinkwasser verwende, fragt eine Dorfbewohnerin im westafrikanischen Guinea-Bissau den portugiesischen Umweltingenieur Sérgio (Sérgio Coragem) immer wieder, obwohl er ihre Frage schon beim ersten Mal beschämt bejaht hat. Sie lacht, schaut ihn ungläubig an, schüttelt den Kopf, fragt erneut. Eine internationale Entwicklungshilfsorganisation hat an dem entlegenen Ort, der von Wald umgeben ist, gerade eine erste Latrine installiert. Eine Mitarbeiterin holt Erfahrungsberichte und Dank ein, im Gegenzug gibt es Geschenke, bevor die Delegation zum nächsten Projekt weitereilt. Sérgio, der für eine andere NGO tätig ist, beobachtet die Szene vom Rand aus, als habe er mit dieser Manifestation asymmetrischer Verhältnisse rein gar nichts zu tun. Doch auch wenn seine Position grundsätzlich eher eine des zurückhaltenden „Daneben“ oder „Dazwischen“ ist, kann er doch nichts daran ändern, als ausländischer Akteur Teil dieser Struktur zu sein. Der*die nichtbinäre brasilianische Expat Gui (Jonathan Guilherme) bricht es einmal auf die einfache Formel herunter: „Er hat kolonisiert. Ich wurde kolonisiert.“

Nilpferde und Reisanbau sind zu berücksichtigen

Sérgio soll die ökologischen Auswirkungen eines Straßenbauprojekts evaluieren, das die Küstenregion um die Hauptstadt mit den ländlichen, unterentwickelten Gegenden verbinden soll. Eine gefährdete Art von Nilpferden und der lokale Reisanbau sind dabei nur einige von zahlreichen Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Die Interessen der Befürworter sind nicht immer klar, chinesische Investoren sind im Spiel, aber auch aufstrebende afrikanische Unternehmer wie der schwer fassbare Hóracio, der ihn zum Verhandlungsgespräch auf dem Laufband eines Fitnessclubs empfängt.

Den Überblick, den der geforderte Abschlussbericht nahelegen soll, gewährt „I Only Rest in the Storm“ nicht. Im Gegenteil entwirft der portugiesische Filmemacher Pedro Pinho in 211 Minuten ein zugleich sezierend scharfes wie uneindeutiges Bild der postkolonialen Gegenwart. Verschiedene Landschaften, Begegnungen, Körper und queere Begehrensströme werden übergangslos miteinander verwebt, die mäandernde Erzählung, die durch die mobile Handkamera nie sicheren Boden unter den Füßen bekommt, kehrt dabei in kreisenden Bewegungen immer wieder zu Gesprächs- und Streitszenen zurück. Bereits in Pedro Pinhos dreistündigem Spielfilmdebüt, dem Streik- und Streitepos „A Fábrica de Nada“ (2017), spielten semi-dokumentarische Debattenrunden eine zentrale Rolle. Hier sind sie noch ausufernder und komplizierter, denn in das Geflecht aus kolonialer Schuld, Machtbeziehungen, Korruption und Entwicklungsperspektiven sind auch sexuelle – und potenziell freundschaftliche Beziehungen – verwickelt.

Sie wickeln ihn ein und lassen ihn abblitzen

Die Erzählung folgt Sérgio bei seinem Versuch, sich ein möglichst umfassendes Bild der Lage zu machen, manchmal lässt sie ihn aber auch links liegen, um sich anderen Situationen und Figuren – und Blickperspektiven – zuzuwenden. Etwa dem schillernden, fluiden Duo Diára (Cleo Diára) und Gui, über die der bisexuelle Sérgio in Kontakt mit einer kleinen queeren Community kommt. Sérgios Versuche, in die Gemeinschaft hereinzukommen und Zugehörigkeit zu finden, werden von der Barbesitzerin Diára und Gui mit leichtem Spott kommentiert. Sie wickeln ihn ein und lassen ihn zugleich abblitzen.

Sein Auftrag führt Sérgio in entlegene Dörfer und Clubs, auf Gartenpartys der bürgerlichen Klasse und zu der sich schon in den Startlöchern befindliche Baustelle. Wiederholt findet er sich in Situationen wieder, die völlig unvermutet kippen und ihn in tiefe Verwirrung stürzen. Manchmal verlieren sie sich im Uneindeutigen oder sie münden, ebenso unvorhersehbar, in einer sexuellen Begegnung zu dritt. Pinho filmt sie in einer langen expliziten Szene.

Eskalation wegen Bodenproben im Kühlschrank

An der Straßenbaustelle wird Sérgio von einem europäischen Ingenieur einmal verboten, den afrikanischen Arbeitern Wasser zu geben, später eskaliert die Situation wegen im Kühlschrank deponierter Bodenproben. Eine „Versöhnungsgeste“ führt Sérgio in ein Bordell, wo er mit Reisschnaps betankt mit einer Prostituierten im Zimmer landet, von schlechtem Gewissen impotent. Erneut schlägt ihm die Verachtung für seine vermeintlich moralische Haltung entgegen: „Du interessierst dich für dich, deinen Trost. Was mich am meisten anwidert, sind Männer, die es gut meinen. Wie du.“

Pedro Pinho geht es auch in Situationen wie diesen nie darum, Sérgio zu demontieren. Überhaupt ist „I Only Rest in the Storm“ kein Film, der eine bestimmte politische Agenda mit sich herumträgt, vielmehr zeigt er in aller Nachdrücklichkeit auf, dass Sérgio weder etwas gutmachen noch „gut“ machen kann. Ihm bleibt nur, dem Sturm an Verstrickungen und Widersprüchen ins Auge zu blicken.

Veröffentlicht auf filmdienst.deI Only Rest in the StormVon: Esther Buss (12.5.2026)
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