









- Veröffentlichung02.09.2004
- RegiePark Chan-wook
- Produktion2003
- TMDb Rating8/10 (9457) Stimmen
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Filmkritik
Erst in der Rache vollendet sich die Rache! Dass der koreanische Regisseur Park Chan-wook („Joint Security Area“, fd 35 488) ein studierter Philosoph ist, merkt man vielleicht erst, wenn man „Oldboy“ Tage nach dem ersten, verstörenden Sehen wieder und wieder bedenkt und versucht, hinter seine scheinbar geheimnisvolle, durch den zeitlichen Abstand aber nun auf das Wesentliche reduzierte Struktur zu kommen. Bei einer derartigen Häufung von Ellipsen und Leerstellen zählt jede Kleinigkeit der Handlung, jedes Detail bekommt etwas Zwielichtiges, verändert wie ein Vexierbild in der Nachbetrachtung entscheidend seine Bedeutung. „Oldboy“ gönnt sich gegen Ende sogar den Luxus, den Zuschauer einen langen Blick in die Mechanismen seines Plots werfen zu lassen – ohne deshalb sein Geheimnis preiszugeben. Was geschieht hier warum und mit welchem Effekt? Ist menschliches Handeln, sind menschliche Emotionen wirklich auf eine derart perfide Art und Weise berechenund instrumentalisierbar, wie es der Film insinuiert? Je systematischer sich die Mosaiksteinchen der Handlung gemäß einer anderen, schwarzen Logik ineinander fügen, desto stärker rückt genau das in den Hintergrund, was das Kinoerlebnis zunächst so nachhaltig als körperliche Erfahrung prägte. Es bleiben zwar Erinnerungen an außerordentliche Gewaltdarstellungen gegen Mensch und Tier – sei es ein Scharmützel auf engstem Raum, das der Protagonist Daesu Oh gegen eine Übermacht von Gegnern dank eines Maurerhammers erfolgreich besteht, sei es das „eklige“ Verzehren eines lebendigen Tintenfisches, dessen Tentakeln sich noch in die Nase Dae-su Ohs winden, als das Tier schon fast heruntergeschluckt ist –, doch diese Attraktionen erscheinen jetzt als spektakuläre Ablenkungsmanöver von einer ungleich subtileren Handlungslogik. Die Gewaltszenen zeugen zwar von einer ausgesuchten Grausamkeit, doch für die Geschichte, die „Oldboy“ erzählt, erweist sich das scheinbar akzidentielle, dabei dramaturgisch genau getimte Klingeln eines Handys als entscheidender – und letztlich ungleich grausamer. Wobei weiterhin gilt: im Kino kommt man kaum zum Nachdenken, weil man damit beschäftigt ist, der extrem komprimierten Handlung voller Löcher und Brüche zu folgen und sich gleichzeitig vor potenziellen neuen, zumeist aber ausbleibenden expliziten Gewaltexzessen zu schützen, so dass man den Saal erschöpft und mit schmerzenden Händen verlässt. Eigentlich, denkt man Tage später, geschieht einem damit sogar Recht: „Oldboy“ ist eine zutiefst skeptische Meditation über Schikksal und Manipulierbarkeit, die die Erfahrung der Manipulation konsequent auf den Zuschauer ausdehnt.
Ausgangspunkt des Films ist eine abgrundtief kafkaeske Konstellation: Ein Mann – Dae-su Oh, glücklich verheiratet, Vater einer bezaubernden Tochter – wird auf offener Straße entführt und ohne erkennbaren Grund eingesperrt. 15 Jahre Isolationshaft in einem fensterlosen Apartment, allein mit einem Fernseher. Unter solchen Zumutungen verändert sich die Persönlichkeit – oder auch nicht: vielleicht tritt sie auch nur in ihrer reinsten Form nach außen. Aus dem Fernseher erfährt Dae-su Oh vom Mord an seiner Frau und auch, dass er – der Verschwundene – aufgrund von Blutspuren am Tatort als Haupttatverdächtiger gilt. Anfangs ringt Dae-su Oh mit dem Wahnsinn, versucht dem Geschehen einen Sinn abzuringen. Er rekonstruiert sein Leben auf der Suche nach einem von ihm begangenen Unrecht, das solch eine Rache legitimieren könnte. Er beginnt seinen Körper zu trainieren und schmiedet Fluchtpläne. Als er dann eines Tages überraschend frei kommt, beginnt er einen Rachefeldzug, der allerdings von Beginn an als Effekt einer Inszenierung zu erkennen ist. Dae-su Oh werden Nachrichten zugespielt, die deutlich machen, dass sein Peiniger weiterhin die Kontrolle über das Spiel behält. Dennoch kommt er mit seiner Suche voran. Er erzwingt Geständnisse, foltert, tötet, verliebt sich in die schöne Mido, doch jede einzelne Begegnung erweist sich nur als ein weiteres Mosaiksteinchen in einem unglaublich diffizilen Racheplan, der auch beinhaltet, dass Dae-su Oh relativ rasch seinem Peiniger gegenüber steht. Diesen „spontan“ zu töten, so wird er belehrt, wäre allerdings fatal, weil das Geheimnis, das Motiv der Bestrafung, auf diese Weise ungelöst bliebe. Stattdessen wird ihm ein Spiel angeboten: Fünf Tage Zeit, um sein Schicksal aufzuklären. Die Spur führt zurück in Dae-su Ohs Schulzeit, als seine Mitteilungssucht ein junges Mädchen in den Selbstmord trieb. Doch gerade, als Dae-su Oh sich am Ziel wähnt, zieht sein Entführer Woo-jin Lee seine beiden letzten Trümpfe aus dem Ärmel.
Wie im Falle von Tarantinos „Kill Bill“ (fd 36 195; fd 36 482) scheint Rache in „Oldboy“ etwas, das für einen Menschen zum alleinigen Lebensinhalt – vom Regisseur übrigens durchaus positiv konnotiert – geworden ist. Doch wo bei Tarantino noch vergleichsweise entlastender, Distanz schaffender, poppiger Überfluss herrscht, arbeitet Park Chan-wook konsequent mit Kompression und einer erstaunlich diffizilen Über-Kreuz-Dramaturgie, deren wechselseitige Resonanzen die Vorstellung eines handlungsfähigen, autonomen Subjekts entschieden in Frage stellen. Tatsächlich scheint es schwierig, den Sündenfall in „Oldboy“ zu bestimmen. Ist es Schicksal, dass Dae-su Oh das junge, inzestuöse Paar einst beobachtete? Ist es Schicksal, dass das junge Paar von einem Jungen mit Mitteilungsdrang beobachtet wurde? Sowohl Dae-su Oh als auch Woo-jin Lee gründen ihre gesamte Existenz auf den Rachegedanken, nur dass letzterer der entschieden reflektiertere Charakter ist, der die Schwächen seines Gegenüber bereits in sein Kalkül einzubeziehen weiß. Dae-su Ohs Rachefeldzug erweist sich deshalb schließlich als umfassende Inszenierung der Rache Woojin Lees, dem es zudem gelingt, Dae-su Oh genau an jenem Punkt zu vernichten, an dem der einst seine eigene Existenz vernichtet hat – im Skandalon des Inzests. So entwirft Chan-wook Park eine skeptische Kathedrale des Fatalismus, die genau dort ansetzt, wo der Mensch noch am ehesten die Möglichkeit annimmt, authentisch und selbstbestimmt zu handeln. Gerade im Affekt erweisen sich Dae-su Oh und auch der Kinozuschauer als höchst manipulierbar. Zugleich aber ist die hohe Kunst der Rache, der sich Woo-jin Lee verschrieben hat, auch nur eine vorübergehend Kraft spendende Handlungsoption des Menschen zu jener, die „Oldboy“ mannigfaltig gespiegelt und variiert vorführt: dem Selbstmord.
