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Filmkritik
Nach mehr als dreitausend Kapiteln ist die Geschichte zu Ende. Zehn Jahre hat die Webnovel „Three Ways to Survive The Apocalypse“ den jungen Kim Dokja (Ahn Hyo-seop) begleitet, hat ihn durch die schwierige Dekade getragen, die zwischen Kindsein und Erwachsenenleben steht, hat ihm ein Refugium geboten, fern von der herrischen Erziehung des Vaters, dem erbarmungslosen Mobbing durch seine Mitschüler; durch soziale Isolation und den erdrückenden und prekären Alltag des Arbeitslebens. Nun geht alles zu Ende: nicht nur der Webroman, sondern gleichzeitig auch Dokjas Arbeitsverhältnis. Ein unbefriedigendes Ende ist das, nicht nur, weil Dokja nun seine einzige Fluchtmöglichkeit vor der tristen Realität verloren hat, sondern auch, weil die Geschichte von „Three Ways to Survive The Apocalypse“ keinen wirklichen Schlusspunkt gefunden hat.
Der Leser wird Teil der Geschichte
Dass Dokja das sehr persönlich nimmt, hat noch einen anderen Grund. Er ist seit Jahren der einzige Leser des anfänglich durchaus populären Episodenromans. Es ist sein, Dokjas Ende, das eben nicht so geworden ist, wie er, Dokja, es sich vorgestellt hatte. Den Frust darüber teilt er dem Autor des Texts in einer E-Mail mit. Die Antwort ist ein Angebot: Da niemand „Three Ways to Survive The Apocalypse“ so gut kenne wie er, möge er selbst ein passenderes Ende finden. Bevor Dokja seine Fassungslosigkeit darüber überwunden hat, dass der Autor ihm nicht nur antwortet, sondern auch noch eine Rolle in der Erzählung zukommen lässt, ist der Webroman schon keine Fiktion mehr. Noch während Dokja die Nachricht auf seinem Smartphone liest, wird die eskapistische Fantasiewelt real und mit ihr die im Roman erzählte Apokalypse.
Noch bevor Dokja die U-Bahn verlassen kann, beginnt der Weltuntergang. Das Ende der Welt, das „Three Ways to Survive The Apocalypse“ erzählt, ist nicht die Folge des Klimakollapses, eines Nuklearkriegs oder eines Asteroideneinschlags: es ist göttliche Vergeltung. Die Götter des Universums haben genug gesehen von der Verdorbenheit der Menschen. Sie sollen bestraft werden, ihre Welt zur Belustigung der Allmächtigen vernichtet werden. In 99 Spielen geht die Welt zugrunde. Nur die Stärksten und Schlauesten vermögen sie zu überleben. Oder diejenigen, die ahnen, was kommt.
Das zynische Spiel der Götter mit Empathie kontern
Denn noch während das Unheil über die U-Bahn hereinbricht, versteht Dokja, dass er nun selbst eine Hauptrolle in der Erzählung spielt. Denn er weiß, was passiert und weiß, wie man das unerbittliche Spiel der Götter überlebt – zumindest in der Theorie. Die Stärke und Entschlossenheit, die der Protagonist des Romans, ein Einzelgänger namens Yoo Joonghyuk (Lee Min-ho) hat, bringt Dokja nicht auf. Und der erste Verbrüderungsversuch mit ihm offenbart nur, dass der Held des Romans ein brutaler Nihilist ist, der allein für sich spielt.
Dokja muss andere Wege finden. Die erste Prüfung der Götter meistert er nicht mit dem Katana, sondern der eigenen Cleverness. Wer nicht mindestens ein Lebewesen innerhalb der nächsten Minuten tötet, wird selbst sterben, lässt der Herold der Götter, ein kleines, fliegendes Wesen, nach Ankündigung der Apokalypse und der dazugehörigen Spiele verlauten. Statt die Mitmenschen anzugreifen, opfert Dokja ein kleines Terrarium voller Ameisen, um unzählige Menschenleben zu retten. Die durch die gewonnene Prüfung verdienten „Coins“ nutzt er eben nicht, um sich Waffen und anderen Ausrüstungsgegenstände zuzulegen – die Regeln entsprechend ziemlich genau denen, die die meisten Online-Rollenspiele heute nutzen –, sondern setzt sie geschickt dort ein, wo er und andere sie brauchen.
Formwandlerische Zweite-Reihe-Ästhetik
Kim Byung-woos Kino-Adaption der Webroman-Reihe „Omniscient Reader’s Viewpoint“ verschreibt sich voll und ganz der Videospiel-Ästhetik der Vorlage. Für die Prüfungen werden U-Bahn-Schächte und Ruinen mit CGI-Dämonen und mit Coins gekaufter Magie überschwemmt, das Bild allzu oft bis ins letzte mit Effekten und Monstern überschwemmt. Die dazugehörigen Effekte sind trotz des stattlichen Budgets nicht State of the Art, dafür aber umso bunter und erfinderischer in ihrer formwandlerischen Zweite-Reihe-Ästhetik.
Die Menschen mittendrin geben ihr Bestes, fallen aber reihenweise dem Spiel zum Opfer, um all die Coins, die sie gesammelt haben, im Moment des Todes wieder auszuspucken. Es steckt viel Groschenroman und Vereinfachung in dieser Verfilmung. Die Traumata der Protagonist:innen, die im Roman ausschweifend erzählt und eng mit den Monstern und Bedrohungen der Apokalypse verwoben werden, sind in „Omniscent Reader: The Prophecy“ meist eher Andeutungen. Die deutlich konzentrierte Handlung aber bekommt einen sichtbaren Drive. Die zu bestehenden Aufgaben bieten nicht nur Actiongetümmel, sondern stellen ihrem Design nach beiläufig noch die großen metaphysischen Fragen. Was mit Gewehr, Axt, Magie und so ziemlich allen anderen Mitteln der computeranimierten Fantasy zwischen den Überlebenden der Menschheit und den spielleitenden Göttern ausgefochten wird, ist letztlich nichts anderes als die Deutungshoheit über die Conditio Humana.
Viele der Aufgaben sind auf eine brutale sozialdarwinistische Pointe hin zugeschnitten. Die Menschheit soll sich zerfleischen, die Stärkeren die Schwächeren für das eigene Überleben opfern. Um das zerstörerische göttliche Design gestaltet sich ziemlich schnell ein entsprechendes Gesellschaftssystem: ehemalige Abgeordnete und Milliardäre finden Möglichkeiten, andere für sich arbeiten zu lassen, das Sammeln der überlebensnotwendigen Währung auf andere abzuwälzen, um die eigene Position innerhalb des Spiels zu stärken und andere an ihrer Stelle opfern zu können. Dass die (oft hilflosen) Menschen beim Ableben eine Fontäne von Coins ausstoßen, die von erfolgreichen Spielern eingesammelt wird, ist eine so pulphafte wie griffige Kapitalismus-Metapher. Wirklich schlagend wird sie dort, wo der allwissende Leser, der nun wider Willen zum Heros aufsteigt, erkennen muss, dass dieses System selbst für diejenigen, die wissen, auf welches Ende es zusteuert, verdammt schwer aufzubrechen und zu ersetzen ist.
