Zum Hauptinhalt springen

On vous croit

78 minDrama
Tickets
Szenebild von On vous croit 1
Szenebild von On vous croit 2
Eine Frau kämpft vor Gericht um das alleinige Sorgerecht für ihre beiden Kinder, während ihr geschiedener Mann Einspruch erhebt. Da die Kinder selbst keinen Kontakt mehr wünschen, setzt sie alles daran, zu verhindern, dass sie erneut in seine Obhut geraten. Ein packendes Gerichtsdrama.

Ein gehetztes Atmen ist zu Beginn von „Wir glauben euch“ zu hören, und in diesem Stressmodus wird die 40-jährige Alice (Myriem Akheddiou) fast bis zum Ende bleiben. Als ginge es um alles, versucht sie gerade, mit ihren beiden Kindern eine Straßenbahn zu erreichen. Doch der Jüngere, Etienne (Ulysse Goffin), wirft sich schreiend aufs Straßenpflaster. Die Mutter versucht verzweifelt, ihn mit sich zu ziehen, ruft zugleich ihre Tochter, die womöglich schon eingestiegen ist - Chaos. Pépin Struyes nahe Kamera lässt keinen Überblick zu, zieht uns mit hinein in die aufwühlende und unerklärte Situation, in den Tunnel, in dem Alice sich befindet.

Diese überschießende Energie der ersten Sequenz von „Wir glauben euch“ könnte in keinem größeren Kontrast stehen zu dem Kammerspiel, das daraufhin folgt. Alice und ihre beiden Kinder, der zehnjährige Etienne und die 17-jährige Lila (Adèle Pinckaers), müssen nämlich vor Gericht zu einer Anhörung erscheinen. Es geht um einen Sorgerechtsstreit mit dem Vater, der wieder Umgang mit den Kindern haben will. Doch die geben an, keinen Kontakt zu ihm zu wünschen. Im Wartebereich vor dem Verhandlungsraum treffen sie auf ihn, Alice rastet aus, Etienne ebenso.

Eher ein Büro als ein klassischer Film-Gerichtssaal

Kernstück des 78 Minuten kurzen Films ist die fast einstündige Gerichtsverhandlung in einem modernen, kühl eingerichteten Hochhaus mit breiter Fensterfront, eher ein Büro als ein klassischer Film-Gerichtssaal mit Holzvertäfelung. Draußen liegt die Stadt im gleichgültigen Mittagslicht. Mit nur drei Kameras in Echtzeit gedreht, sprechen neben dem Schauspiel-Team (die zerbrochene Familie sowie die Richterin) nur reale Anwältinnen und ein realer Anwalt: Marion de Nanteuil, die den Vater vertritt, Alisa Laub an der Seite von Alice und Mounir Bennaoum als Verfahrensbeistand der Kinder. Dieser argumentiert vorhersehbar männerrechtlerisch, dass Kinder immer beide Elternteile bräuchten und dass die Mutter diese von ihrem Vater entfremdet habe.

Das findet auch dessen Anwältin: Alice habe ihre Kinder in ihre eigenen mentalen Probleme hineingezogen und halte sie in einem „Kokon“ gefangen; die Stuhlinkontinenz des Sohnes und die nachlassenden schulischen Leistungen Lilas seien deren Folge. Hat sie Recht? Zumindest klingt es angesichts Alices „Neigung zu Ausbrüchen“, wie es heißt, und den Ausrastern im Wartebereich nicht komplett aus der Luft gegriffen.

Ein ungeheuerlicher Verdacht steht im Raum

Noch dazu wirkt der Vater (Laurent Capelluto) nett und zurückhaltend. Er erzählt unaufgebracht seine Version von einem plötzlichen und ihm nicht erklärbaren Kontaktabbruch vonseiten der Kinder. Alice wiederum berichtet von einer körperlichen Verletzung Etiennes nach einem Besuch beim Vater und einer eindeutigen Situation, die der Sohn seitdem „sieht“. Der ungeheuerliche Verdacht des Missbrauchs steht im Raum. Die Richterin (Natali Broods) hört mit kühlem Blick zu, unterbricht, wenn jemand zu weit abschweift, und unterbindet die wenigen Unterbrechungsversuche mit knappen Worten.

Das belgische Regie-Duo Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers (beide auch für das Drehbuch verantwortlich) hat in seinen ersten gemeinsam inszenierten Film Devillers’ Erfahrungen als Pflegefachkraft einfließen lassen. „Wir glauben euch“ sei zudem von ihrer „Perspektive als Frau und Mutter inspiriert“, sagt die Regisseurin. Darin liegt die große Kraft dieses Werks, zugleich aber auch seine dramaturgische Unentschiedenheit.

Dass vor Gericht eine Stimme nach der anderen angehört werden muss und sich das, was die Wahrheit sein könnte, erst nach und nach, Schicht für Schicht eröffnet und oft wieder revidiert werden muss, nutzen Dufeys und Devillers als bewusste stilistische Begrenzung. Dabei gelingen ihnen konzentrierte Momente des Unbehagens und der Ungewissheit. Etwa wenn die Kamera stoisch auf Gesichtern verharrt, während jemand anderes spricht, ohne Zoom, Musikuntermalung, Rückblenden oder sonstigen emotionalisierenden Schmuck. Doch innerhalb dieses selbst gewählten Korsetts bleibt die Perspektive der Mutter diejenige, um die sich der Film eigentlich dreht. Die der Kinder wird mehr oder weniger durch sie miterzählt, sie bekommen kaum eigenen Raum.

Bewusst nicht in Eindeutigkeit aufgelöst

Im Gegensatz zu anderen Gerichtsdramen, in denen das Urteil immer auch einer Erlösung für das strapazierte, wissbegierige Publikum gleichkommt, fordert „Wir glauben euch“ die Ambiguitätstoleranz bis zum Ende heraus. Bewusst wird der Konflikt nicht in Eindeutigkeit aufgelöst. Der Film lässt spüren, dass der Unglauben und das Entsetzen ihre wortreichen Auftritte haben, wenn ein Kind so eine Aussage gemacht hat. Dem Kind selbst wird zu wenig zugehört.

Veröffentlicht auf filmdienst.deOn vous croitVon: Cosima Lutz (22.4.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de