Vorstellungen
Filmkritik
Donald Trump fantasiert während einer Rede von einer vermeintlich goldenen Zukunft des Gazastreifens als „Riviera des Nahen Ostens“. Anschließend sieht man Hochhäuser, die nach israelischen Raketenangriffen zusammenstürzen. Traum und Wirklichkeit könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. Ihren Film „Once Upon a Time in Gaza“ beginnen die Regie-Zwillinge Tarzan und Arab Nasser mit einem bitteren Kommentar und werfen mit einer Reihe scheinbar unzusammenhängender Bilder gleich auch noch ein paar andere Puzzleteile hin, die sich erst später zusammenfügen. Was hat es beispielsweise mit dem reißerischen Actionfilm im quadratischen Videoformat auf sich, in dem ein Rambo-artiger palästinensischer Held gegen die Israelis kämpft?
Ein verhinderter Gangsterfilm
Die eigentliche Handlung beginnt im Jahr 2007 als verhinderter Gangsterfilm. Osama (Majd Eid) betreibt mit dem jüngeren Yahya (Nader Abd Alhay) einen Falafel-Laden und dealt nebenbei mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Dabei kommt ihm der korrupte Polizist Abou Sami (Ramzi Maqdisi) in die Quere, der Osama als Informanten anwerben will und Rache schwört, als dieser sich verweigert. Damit ist ein klassischer Genre-Plot etabliert, doch der Film bleibt hartnäckig statisch und entschleunigt.
Die in Jordanien gedrehte internationale Co-Produktion „Once Upon a Time in Gaza“ blendet zwischendurch Zeitungsüberschriften oder Radionachrichten ein, die sich um die Angriffe Israels und die Dämonisierung der Palästinenser drehen. Einmal erzählt Yahya seinem Geschäftspartner, wie lange er seine Schwester im Westjordanland nicht mehr besuchen konnte, weil die Israelis ihn nicht passieren lassen.
Dass die Bewohner Gazas hoffnungslos eingesperrt und ausgeliefert sind, drückt sich weniger inhaltlich als durch die stillgelegte Inszenierung aus. Zwar gibt es im Film archetypische dunkle Gassen mit dampfenden Gullys und klassische Spannungsmomente, etwa als Yahya ein gefälschtes Rezept in der Apotheke einlösen will. Doch so wie die Handlungsfähigkeit der Figuren bleibt auch die Action auf ein Minimum reduziert. Teilweise sind die Szenen so ausdrucksarm und lakonisch, dass man sich fast wie in einem Film von Aki Kaurismäki fühlt. Allerdings erweist sich dieser reduzierte Stil hier weniger produktiv. Gerade auch, weil der verspielte Soundtrack von Amine Bouhafa mit seinen Western-Anleihen und arabischen Einflüssen sehr viel lebhafter ist als das, was auf der Leinwand passiert.
Resigniert und verwahrlost
Die Gangstergeschichte bricht abrupt ab, als Osama von Abou Sami erschossen wird und die Handlung zwei Jahre in die Zukunft springt. Der mittlerweile resignierte und verwahrloste Yahya, der den Mord mitansehen musste, soll in einem vom Kultusministerium finanzierten Propagandafilm mitspielen, der bereits zu Beginn zu sehen war. Am Set trifft er auf Abou Sami, der ihn erkennt und bedrängt. Doch an dem Thriller, den die Handlung von nun an vorgibt, zeigt sich „Once Upon a Time in Gaza“ nur bedingt interessiert.
Vielmehr entwickelt der Film einen doppelbödigen Humor, der im Graubereich zwischen Wahrheit und Fiktion angesiedelt ist. Als bei den Dreharbeiten ein als israelischer Soldat verkleideter Schauspieler einen jungen Statisten mit Füßen tritt, stürmt sein entrüsteter Vater vor die Kamera, der nicht versteht, dass das alles nur gespielt ist. Am Set werden zudem echte Maschinengewehre verwendet, weil man sich keine Attrappen leisten kann. Genau wie der Genre-Plot von den realen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gelähmt wird, dient der propagandistische Actionfilm letztlich als Inspirationsquelle für den schüchternen Yahya, der sich ein paar Eigenschaften seiner furchtlosen Filmfigur aneignet, um Vergeltung zu üben.
In der Zeitung wird ein Held geschaffen
„Once Upon a Time in Gaza“ beginnt und endet mit den Aufnahmen einer Druckerpresse. In der Zeitung wird ein Held geschaffen, eine Fiktion und eine willkommene Lüge konstruiert. Wie der Film in seiner Meta-Erzählung populäre Handlungsmotive mit Reflexionen über die aussichtslose Lage der Palästinenser verbindet, ist durchaus spannend. Doch es entsteht kein schlüssiges Werk daraus, sondern alles kommt nicht über eine grobe Skizze hinaus. Die Figuren sind zu blass, die Handlung zu zerpflückt, und die verschiedenen Ebenen zu lose miteinander verbunden. In Erinnerung bleiben ein paar stimmungsvolle Aufnahmen, Galgenhumor und eine sanfte Hoffnung. Etwa wenn am Schluss über den Dächern von Gaza nicht das klassische „The End“ eingeblendet wird, sondern ein vorsichtig optimistisches „It will end“.





