ORCA

105 min | Drama
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Der Film "Orca" porträtiert Menschen aus der Mittelschicht in unterschiedlichen Lebensphasen und beleuchtet ihre jeweiligen Situationen während der Covid-19-Pandemie.
In einer Welt erzwungener Selbstisolierung ringt eine Gruppe von Individuen mit den tiefgründigen Fragen des Lebens und navigiert durch die Herausforderungen von Liebe, Verlust und Verbindung.

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Filmkritik

Wenn Frauen im Iran eine Sportart betreiben wollen, sind sie der Willkür des Sportministeriums ausgesetzt. Denn die Körper der iranischen Sportlerinnen müssen nach den strengen sittlichen Gesetzen des Landes immer komplett verhüllt sein – bis auf das Gesicht. Einige Disziplinen gelten als für Frauen ungeeignet: Schwimmen ist eine solche heikle Disziplin.

Das muss auch die Rettungsschwimmerin Elham Asghari (Taraneh Alidoosti) erfahren. Die sportliche Frau wurde von ihrem Mann fast zu Tode geprügelt und lag nach zahlreichen Operationen lange Zeit im Krankenhaus. Als sie schwer traumatisiert ins Landhaus ihrer Eltern am Kaspischen Meer zieht, will sie sich in den Fluten das Leben nehmen. Doch ihr Körper belehrt sie eines Besseren. Stundenlang schwimmt sie in dem eisigen Wasser und will einfach nur weiterleben.

Mächtige Gegenspieler

Allmählich findet Elham, die früher Kindern das Schwimmen beibrachte, wieder Gefallen an dem Sport. Da sie als Frau aber nicht ohne weiteres tagsüber im Meer schwimmen darf, übt sie nachts bei dürftiger Beleuchtung. Die Leiterin der Frauenabteilung im Sportministerium, Nazar Abadi (Mahtab Keramati), will Elham keine Lizenz zum Schwimmen erteilen. Davor hatte sie schon das Kickboxen für Frauen verboten. Elham lässt sich allerdings nicht entmutigen. In einem dicken Ganzkörperanzug schwimmt sie ihren ersten Langstreckenrekord über 12 Kilometer im Kaspischen Meer. Das Ministerium will den Rekord allerdings nicht anerkennen und verbietet nebenbei noch drei weitere Sportarten für Frauen, darunter auch Basketball. Da es keinen existierenden Rekord auf der Strecke gebe, so Abadi, gebe es keinen Vergleich.

Elham aber macht unverdrossen weiter. In einem Dorf am Meer mietet sie sich in einem Hotel ein und kann auf die Unterstützung der Inhaberin und ihres Sohnes zählen. Während sie tagsüber als Rettungsschwimmerin tätig ist, trainiert sie nachts lange Strecken. Doch die Küstenwache torpediert prompt Elhams Versuch, einen neuen Rekord aufzustellen. Die Männer verfolgen sie mit einem Motorboot und verletzen sie damit schwer.

„Orca“ ist nicht der erste Film, den die iranische Regisseurin Sahar Mosayebi über Sportlerinnen im Iran gedreht hat. Bereits in ihrem Dokumentarfilm „Platform“ folgte sie drei Schwestern, die erfolgreiche Martial-Arts-Kämpferinnen sind und von der Bevölkerung ihrer Heimatstadt respektiert werden. In „Orca“ zeigt Mosayebi, angelehnt an das Schicksal der realen Ausdauerschwimmerin Elham Asghari, das Spannungsfeld zwischen staatlicher Bevormundung, dem Wunsch nach individueller Entfaltung und der oft positiven Resonanz in der Bevölkerung. Einige männliche Figuren machen dabei durchaus eine Wandlung durch. Während ihr Vater seinen Schwiegersohn ablehnte, entwickelt er sich später zu einem ihrer größten Unterstützer. Auch Saeed (Masoud Karamati), der Sohn der Hotelbesitzerin Maahal (Mahtab Nasirpur), begegnet Elham zunächst mit Ablehnung, wird jedoch von seiner Mutter zurechtgewiesen und mit der Zeit zu einem Freund von Elham.

Ein Rekord im Guinness-Buch

Meist bewahren sich die Zivilpersonen in „Orca“ ihren gesunden Menschenverstand sowie ein Herz und folgen nicht blind den Anweisungen der Behörden, auch wenn das für sie Konsequenzen haben kann. So wird der örtliche Sportfunktionär am Kaspischen Meer wegen seiner Unterstützung für Elham gefeuert. Doch sobald ein gewisser (Lokal-)Patriotismus ins Spiel kommt, entwickeln sich die Menschen vor Ort zu begeisterten Anhängern der Schwimmerin. Diese wagt am Ende des Films einen merkwürdigen Rekord. In der Kategorie des Ausdauerschwimmens mit durch Handschellen gefesselten Händen existierte bereits ein Rekord im Guinness-Buch. Also kann Elham einen Versuch unternehmen, diesen Rekord zu brechen, so absurd – und unsinnig schwierig – diese Schwimmdisziplin dem Kinopublikum auch erscheinen mag.

Es ist nicht immer leicht, der Chronologie von „Orca“ zu folgen. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre. Daten und der Abstand zu wichtigen Ereignissen in Elhams Leben (der Fast-Totschlag, ihr Selbstmordversuch, der erste Rekord) werden penibel angegeben, obgleich sich der Film nicht als biografisches Werk über die Schwimmerin versteht. Für westliche Zuschauer ist es ebenfalls befremdlich, in welchem Outfit sich die iranische Athletin ins Wasser begibt. Der Ganzkörperanzug weist eine Tauchhaube sowie eine Art Cape auf, welches das Schwimmen erheblich erschwert. Schwarzer Anzug und weißes Cape lassen Elham tatsächlich wie einen Schwertwal erscheinen, das für Freiheit stehende Meerestier, mit dem Maahal die liebgewonnene Elham vergleicht. In Zeitlupe gefilmte Traum-Sequenzen unter Wasser bebildern Trauma und Emanzipation der Heldin gleichermaßen.

Ohne Hidschab auf Insta

In der Hauptrolle glänzt Taraneh Alidoosti, die vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Asghar Farhadi bekannt ist. Die mutige Schauspielerin musste vor einem Jahr einige Wochen im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis verbüßen, weil sie gegen die Hinrichtung von Regimekritikern protestierte und auf Instagram ohne Hidschab posierte. Sie verkörpert in dem bereits 2021 gedrehten Film Elham als eine Frau, die sich trotz Selbstzweifeln, erheblicher Schicksalsschläge und staatlicher Einschränkungen nicht einschüchtern lässt und tapfer ihren Weg geht.

Erschienen auf filmdienst.deORCAVon: Kira Taszman (8.11.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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