Vorstellungen
Filmkritik
Ulrike Schaz war 25 Jahre alt, als sie im Juli 1975 mit ihrem damaligen französischen Freund Jean-Marie in Paris zu einer Abschiedsparty einer Venezolanerin gehen wollte. Als sie die Haustür öffneten, wurden sie von Polizisten in Gewahrsam genommen. Tagelang verhörte man die junge Deutsche. Die französische Inlandgeheimdienst verweigerte einen Anwalt oder den Kontakt zur deutschen Botschaft. Man teilte ihr keinen Grund für ihre Verhaftung mit, sondern schob sie am vierten Tag nach Deutschland ab. Dort musste sie sich zunächst nackt ausziehen, ehe sie erfuhr, dass man ihr eine Nähe zu Terroristen vorwarf.
Im Netzwerk des Verdachts
Erst später fand Ulrike Schaz heraus, dass in der fraglichen Wohnung der als Terrorist gesuchte Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos, kurz davor drei französische Undercover-Agenten erschossen hatte. Für Schaz begann ein Spießrutenlauf. Die Springer-Presse schoss sich in schlecht recherchierten Sensationsartikeln auf sie ein, nannte ihren Namen und bezeichnete sie als Freundin von Carlos. Ein Vermieter kündigte ihr.
Schaz erwirkte immer wieder Gegendarstellungen. Doch auch fast 20 Jahre später wird sie 1993 bei einem USA-Besuch vom FBI verhaftet. Manche Behörde führt sie noch immer als Terroristin.
Es ist ihre eigene Geschichte, die Schaz in „Paris – Kein Tag ohne Dich“ erzählt. Der Film will deshalb mehr sein als ein klassischer Dokumentarfilm. Schaz bringt sich selbst ein, trifft ihren ehemaligen Liebhaber Jean-Marie in Paris, erstmals nach über 40 Jahren. Beide erinnern sich auch an schmerzhafte, irritierende Ereignisse. In einem Schattenspiel werden Schlüsselszenen aus dem Leben von Carlos nachgestellt. Immer wieder arbeitet die Regisseurin mit Zeichnungen, Projektionen oder der Großaufnahme einer Nadel aus einer Nähmaschine (die Mutter war Schneiderin).
Eine exemplarische Geschichte
Dazu ertönt permanent Musik, manchmal melodisch, dann wieder bewusst dissonant. Der Wille, Kunst zu machen, und ein mitunter enervierender Off-Kommentar erschweren jedoch den Zugang zu dieser exemplarischen Geschichte einer politisch engagierten Frau, die sich nie etwas gefallen ließ. Man bekommt ein beklemmendes Gefühl für die hysterische Atmosphäre in Staaten wie Frankreich oder der Bundesrepublik Deutschland, die in den 1970er-Jahren angesichts der Herausforderung durch den Linksterrorismus auf autoritäre Reflexe zurückgriffen. In Paris sind es übergriffige Polizisten oder ein autark agierender Geheimdienst, in Westdeutschland eine reaktionäre Sensationspresse und die bürgerliche Mitte, die glaubt, dass man nicht unschuldig verhaftet werden könne. Das ist typisch deutsch; auch – systemunabhängig – im ständigen Aufruf zu Denunziation.
„Paris - Kein Tag ohne dich“ ist ein engagierter, politischer Film mit interessanten Protagonist:innen aus einer heute historisch anmutenden Zeit des Klassenkampfs, des Feminismus, der freieren Liebe und der Terroristenangst. Inhaltlich sind das die eindeutigen Stärken eines Werks, dass sich durch einen prononcierten Gestus aber einiges davon wieder nimmt.
Lehrstück über blinde Flecken
So begrüßenswert es ist, wenn ein Dokumentarfilm mit tradierten Erzählmustern bricht, so zwiespältig fällt mitunter die formale Umsetzung aus. Im Abspann funkelt dann ein Detail ironisch: Unter den Förderern wird auch das Staatsministerium für Kultur und Medien (BKM) genannt, eine staatliche Institution. Andere staatliche Institutionen, das Innenministerium wie die Geheimdienste, mauern bis heute, wenn es darum geht, alle Akten über Ulrike Schaz öffentlich freizugeben. So gesehen ist diese persönliche Odyssee auch ein Lehrstück über Leerstellen der Demokratie.
