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Perfect Blue

81 minThriller, Horror, TrickfilmFSK 16
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Vom Popsternchen zur gefeierten Schauspielerin – so stellt sich die junge Mima ihre Karriere nach ihrem Weggang von der Mädchengruppe CHAM! vor. Doch zunächst muss die angehende Schauspielerin ihr ganzes Können am Filmset unter Beweis stellen. Nach jeweils nur einzelnen Sätzen wird Mima eine Vergewaltigungsszene abverlangt – und um ihren Imagewandel zu bekräftigen, hat sie ein Aktshooting bei einem berühmten Fotografen. Nicht alle ihre Fans sind davon begeistert und sie erhält sogar Drohbriefe. Im Internet stößt die junge Frau auf ihr „Tagebuch“, das von ihrem Alltag berichtet und Details preisgibt, die nur sie wissen kann. In eine ihr fremde Rolle gedrängt, gestalkt und nach dem brutalen Mord an ihrem Drehbuchautor verliert Mima zunehmend den Halt in der Realität. Immer öfter sieht sie Illusionen einer anderen Mima – und auch die Morde in ihrem Umfeld gehen weiter
Was ist wirklich wahr? Satoshi Kons Werk vermischt Cyberspace, Fiktion und Realität, Träume und Illusionen wie eine kunstvolle Trompe l’Œil-Malerei – ein Psychothriller, der bis zuletzt undurchschaubar bleibt. Perfect Blue ist das Regiedebüt von Satoshi Kon, der später mit Filmen wie Paprika, Millennium Actress und Tokyo Godfathers weltweit Publikum und Kritik begeisterte. Als einer der ersten Animationsfilme mit einer authentischen psychologischen Suspense-Geschichte gefeiert, wurde der Film auf internationalen Filmfestivals hochgelobt und kam 1998 in Japan in die Kinos.

Über beruflichen Erfolg kann sich Mima eigentlich nicht beklagen. Das Pop-Trio „Cham“, in dem sie den Part der Sängerin übernommen hat, erfreut sich steigender Beliebtheit. Der bescheidene Wohlstand ermöglicht ihr, zumindest ein kleines Apartment im Zentrum von Tokio zu halten, und von ihrem Bekanntheitsgrad zeugen Plakatwände, Fan-Magazine und eine nicht geringe Anzahl von Fans auf ihren Konzerten. Deren Reaktionen reichen denn auch von Unverständnis bis Bestürzung, als Mima bei einem Konzert ihren Rückzug aus der Pop-Branche bekannt gibt. Sie will endlich Erwachsen werden, weg vom Image der jugendlichen Pop-Queen kommen, weg vom Ruhm mit Verfallsdatum. Den Absprung glaubt Mima zusammen mit ihrer langjährigen Managerin Rumi im Filmgeschäft zu finden. Der Einstieg nimmt mit einer kleinen Rolle in einer Fernsehserie seinen bescheidenen Anfang. Doch die neuen Kollegen und das Autoren/Produzenten-Team scheinen von dem „Teenie-Idol auf Zeit“ nicht sonderlich viel zu erwarten. Mimas Rolle in der Serie, die um einen bizarren Mordfall und Persönlichkeitsspaltung rankt, wird mit immer sexualisierteren Inhalten gefüllt, die bis hin zu einer Vergewaltigungsszene reichen. Für die duldende Mima ist das alles ein Prüfstein auf dem Weg zur seriösen Schauspielerin. Was sie weit mehr verunsichert als die Anforderungen im neuen Beruf, sind seltsame Briefe, die von einem Fan zu kommen scheinen: kryptische Hinweise, die auf eine Internet-Seite namens „Mimas Room“ verweisen. Zunächst neugierig und von den Fan-Aktivitäten fasziniert, muss sie feststellen, dass auf dieser Seite, die immer noch die Popsängerin Mima vergöttert, Details aus ihrem Leben ausgebreitet werden, die niemand außer ihr wissen kann. „Ihr“ Tagebuch auf der Web-Site gibt Gefühle und Probleme preis, philosophiert über Mimas geheime Wünsche, wieder ins Musikgeschäft einzusteigen. Wie im Albtraum beginnt sie, aus dem World Wide Web eine vermeidlich physische Selbständigkeit zu entwickeln, spricht mit der immer verstörteren realen Mima, treibt sie an den Rand des Wahnsinns und lässt sie glauben, dass vielleicht Mima selbst hinter den Morden steckt, die seit ihrer Hinwendung zur Schauspielerei in ihrem unmittelbaren Umfeld geschehen. Oder ist sie doch Opfer einer weit wahnsinnigeren Person, die sich Mimas Leben bemächtigen will?

Mit Staunen nahmen weite Teile des deutsche Feuilletons nach dem „Forum des jungen Films“ der „Berlinale“ 1998 zur Kenntnis, dass japanische Trickfilme nicht zwangsläufig Science-Fiction- oder Fantasy-Abenteuer sind, in denen irgendwelche Heldenepen, angesiedelt in fernen Äonen, vonstatten gehen. Dabei ist Satoshi Kons Anime nur ein weiteres Beispiel für die japanische Meisterschaft, Themen des „realen Lebens“ für ein zweidimensionales, gezeichnetes Format zu fiktionalisieren. Ob Komödien, Tragödien oder Dramen mit dokumentarischen Charakter: das japanische Anime gehört zu der vielseitigsten Gattung, die das Kino zu bieten hat. Kon, der schon als Autor für das Episoden-Anime „Memories“ von sich reden machte, versucht sich hier erfolgreich an dem auch im „lebendigen“ Kino häufig variierten Genre des psychologischen Thrillers. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Sadyuki Murai konstruiert er die „realen“ Ebenen einer Frau, die von ihrem von der Öffentlichkeit determinierten Image wegkommen möchte, gleichzeitig aber mit dem Aufbau ihres neuen öffentlichen Ichs nicht zurecht kommt. Diese Ebene verquicken sie geschickt mit den scheinbar „surrealen“ Ebenen eines zweiten „künstlichen Internet-Ichs“, das zunehmend Oberhand über die reale Mima gewinnt. Stimmig herausgearbeitet sind dabei auch die unterschiedlichen Nuancen der verschiedenen Persönlichkeitsebenen durch das Character-Design von Hideki Hamazu und Kon selbst. Die klassischen Thrillerelemente mit der bedrohlichen „Peeping Tom“-Variation sowie der bizarren Mordserie, die sich wiederum in Analogie mit der im Anime produzierten Fernsehserie befindet, sind zusätzlicher Spannungstreiber in der komplexen, mal verwirrenden, nie aber unübersichtlichen Geschichte. Dass die überraschende Auflösung ein wenig bemüht daherkommt, ist eher eine Krankheit des Genres, das nach dem immer größeren Überraschungsclou sucht. Der filmischen Virtuosität von „Perfect Blue“ als Ganzes tut es keinen Abbruch.

Veröffentlicht auf filmdienst.dePerfect BlueVon: Jörg Gerle (26.3.2026)
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