Vorstellungen
Filmkritik
Neuperlach ist außerhalb Münchens wahrscheinlich kaum noch bekannt. Einstmals eines der ambitioniertesten Städtebauprojekte der alten Bundesrepublik, jetzt Trabantensiedlung ohne besonders schlechten Ruf. In Sonja Maria Kröners „Pferd am Stiel“ stellen zwei der Protagonistinnen ihren Stadtteil direkt vor, in die Kamera hinein.
Denn natürlich haben hier die Jugendlichen alle ihre eigenen Videokanäle. Sarah (Manon Debaille) und Dilek (Chiara Kitsopoulou) haben nicht allzu viele Abonnent:innen und würden das gerne ändern. Also machen sie mal eine kleine Videotour durch ihr Viertel: hier der Dönerimbiss von Dileks Familie – der Bruder träumt von einem Imbisswagen mit veganem Döner –, da das Nagelstudio von Sarahs Mutter Jenny (Lana Cooper).
Lass uns Steckenpferde bauen!
Die coolen Mädchen aus ihrer Klasse haben einen Channel, auf dem sie ihre Tänze präsentieren, aber das tun, was alle machen, findet Sarah doof – sie würde lieber etwas zeigen, was sie richtig gut können. Dilek fällt dazu nichts ein: „Was denn bitte? Wir können halt nix.“ Eher zufällig stößt Sarah auf Clips zum Thema „Hobby Horsing“ – in Finnland gebe es dazu sogar richtige Wettbewerbe! – und ist Feuer und Flamme: Lass uns Steckenpferde bauen und damit Reitparcours durchlaufen, -schreiten und -springen!
Schon von Anfang an ist die Sollbruchstelle klar, denn Dilek ist eher skeptisch; als ein paar Jungs aus dem Viertel die beiden beim Training filmen und zum Gespött der Schule machen, will sie nicht mehr mitmachen. Die beiden streiten sich, und Sarah findet schließlich in Beatrice (Aurelia Ott) eine neue Freundin, Tochter einer wohlhabenden Familie in der Umgebung und Turnierreiterin. Die wiederum hat Lust darauf, etwas zu tun, was ihre strenge und erfolgsgetriebene Mutter Katharina (Valerie Neuenfels) nicht billigen würde, und organisiert heimlich für sich und Sarah Flugtickets zur Meisterschaft in Finnland.
„Hobby Horsing“ ist ein realer Sport, der vor allem von Mädchen und jungen Frauen ausgeübt wird; Dressur mit wohlgesetzten Schritten gehört ebenso dazu wie das Springen über Hürden von bis zu 1,30 Metern Höhe. Anfang Mai 2026 – kurz nach dem Kinostart von „Pferd am Stiel“ – findet nach 2024 bereits die zweite Deutsche Meisterschaft statt. Vor knapp zehn Jahren hatte die finnische Regisseurin Selma Vilhunen in ihrem Dokumentarfilm „Hobbyhorse Revolution“ den Sport in ihrem Heimatland zum Thema gemacht.
So richtig diszipliniert wirkt ihre Durchführung nicht
Doch obwohl der Film spürbar an diese Bewegung andocken will, spürt man nichts davon in der tatsächlichen Handlung, vor allem nichts von den Mühen des Alltags und sportlicher Ernsthaftigkeit. Sarah und Dilek nähen sich einfach mal schnell recht stabile Steckenpferde zusammen, Beatrice nimmt dann zwar Sarahs Training in den Blick, aber so richtig diszipliniert wirkt ihre Durchführung selbst dann nicht, als es darauf ankommt.
Das spiegelt eine generelle Oberflächlichkeit, die auch den Umgang mit den Figuren prägt. Die Freundschaft zwischen Sarah und Dilek wirkt seltsam fix und wird auch über den Streit nicht wirklich weiterentwickelt, die Dialoge bestehen im Austausch stereotyper Gemeinplätze. Und die Dynamik zwischen Sarah und Beatrice wird leider auch nur durch die Handlung erahnbar, nicht durch die eher hölzerne Interaktion der Charaktere. Schlimmer noch: Es wirkt vor allem so, als würde Beatrice, mit ihren finanziellen Ressourcen und ihrem Hintergrund als Dressurreiterin, rein funktional eingesetzt, um die Geschichte voranzutreiben.
Denn die sozialen Unterschiede zwischen den Mädchen, Fragen von Geld, Habitus, Möglichkeiten und all diesen nicht-trivialen Dingen, spielen kaum eine erkennbare Rolle. Ein wenig interessant wird es, als Jenny und Katharina ihren Töchtern nach Finnland nachreisen. Da gibt es einen kurzen Austausch, der klarmacht, dass Sarah und Beatrice unterschiedliche Schulkarrieren haben („Die geht aber nicht aufs Albrecht Dürer?“ – „Nee, die geht auf die Real.“), die eng mit ihrem sozialen Status zu tun haben – und Jenny macht gleich klar, was jetzt zu tun ist: „Wir fahren da hin – und Sie zahlen.“
Ein Zelt wird geteilt
Dann gibt es selbstverständlich ein wenig Bonding der Mütter an einer einsamen Bushaltestelle in Finnland, Fingernägel werden lackiert, ein Zelt geteilt. Aber all das bleibt ebenso stereotyp wie der grimmig aussehende, aber äußerst freundliche Finne mit Bart, geschorenem Schädel und reichlich Tattoos, der gerne härteste Metal-Musik hört und Luftgitarre spielt. Sein Sohn nimmt auch beim Hobby-Horsing-Turnier teil.
„Pferd am Stiel“ könnte ein Sommerfilm sein, zeigt dafür aber zu wenig Interesse an der Welt um sich herum, auch ein Sportfilm, aber dafür fehlt das Interesse am sportlichen Anteil und auch an der genauen Beobachtung des Reitens. Die Handlung macht reichlich übertrieben dramatische und meist nicht besonders nachvollziehbare Wendungen, und am Ende ist alles gut: Es gibt ein großes Fest, wie sich das für einen deutschen Kinderfilm gehört, der nicht wirklich weiß, wohin er mit seinen Ideen laufen soll, und stattdessen im Kreis galoppiert.







