Vorstellungen
Filmkritik
Die städtische Mall ist das Jagdgebiet. Hier lungert der Polizist Lucas Brennan herum, in Zivil, die blauen Augen verträumt auf andere junge Männer gerichtet. Sofern die zurückblicken, beginnt er einen unauffälligen Flirt, der sich erst später als hochgefährlich entpuppen wird. Die Männer folgen Lucas ins öffentliche Klo, mit minimalistischen Gesten nimmt er Kontakt zu ihnen auf, ein halbes Lächeln, ein kaum sichtbares Blinzeln, bis sie bereit sind, das Verbotene zu tun: Sie glauben an ein schnelles schwules Abenteuer, die Unschuld und die Sinnlichkeit von Lucas’ Gesicht besänftigen jedes Misstrauen – und sie machen ihre Hose auf. Damit ist der Flirt schlagartig zu Ende. Lucas’ Kollegen schwärmen ins Pissoir, sein Gegenüber wird verhaftet.
Eine Lockvogel-Geschichte
Die öffentliche Toilette ist Dreh- und Angelpunkt des Films „Plainclothes“ von Carmen Emmi. Er legt ihn in seine Geburtsstadt Syracuse im Staat New York, irgendwann in den 1990er-Jahren, in eine Zeit, in der Homosexualität in den USA noch strafbar war. Unter diesen Bedingungen entwirft Emmi eine Lockvogel-Geschichte, in der man sieht, wie die Polizei Homosexuelle sucht und festnimmt. So angestrengt sind die Cops hinter den Schwulen her, dass klar wird, dass sie keinesfalls unparteiisch sind. Sie teilen mit ihren Aktionen das Bild einer Zeit, in der Homosexualität in großen Teilen der Bevölkerung als Perversion oder als Krankheit galt, und der Hass auf jede sexuelle Orientierung, die nicht der heterosexuellen Konvention entsprach, ungeheuerlich war. Damit bietet der Film gleichzeitig eine Messlatte für die Furcht, die auf der anderen Seite herrschte.
Lucas und seine Kollegen bekommen Lehrfilme gezeigt wie Großwildjäger, all die Tricks zur Schwulenjagd, die in ihrer Stadt angewendet werden. Die ist kompliziert, da es noch nirgends flächendeckende Überwachungskameras gibt – dafür aber Einwegspiegel, Videoaufnahmen, verkleidete Polizisten, die verdächtige Männer im öffentlichen Raum so lange umschmeicheln, bis die erste strafbare Handlung stattfindet. Man kennt diese Bilder, wenn man Sebastian Meises „Große Freiheit“ gesehen hat, man weiß dann auch, dass es in Deutschland nicht besser war – es hörte nur eher auf. Seit 1994 ist Homosexualität hierzulande nicht mehr strafbar, in den USA passierte das je nach Bundesstaat teils erst 2003.
Die Konstellation von Jägern und Gejagten verändert sich
Die Befreiung allerdings interessiert Carmen Emmi wenig. Er widmet seinen Film dem Druck. Damit der auch auf die Zuschauer übergreift, verändert er die Konstellation von Jägern und Gejagten: Lucas, der hübsche junge Lockvogel, ist schwul. Heimlich natürlich, gut verborgen vor der Familie, im Job sowieso, denn dort aufzufliegen wäre das Ende seiner beruflichen und der Beginn einer Knastkarriere. Man sieht jedoch von Anfang an, wie seine Taten ihn so heftig in emotionale Krisen stürzen, dass er nach jeder Festnahme mit einer Panikattacke kämpft. Er fühlt sich schuldig, und es kommt schlimmer. Er trifft in der Mall, die sein professionelles Jagdrevier ist, einen Mann, der ihn beeindruckt. Das ist Andrew, mittleren Alters, sichtlich verheiratet, trotzdem für Lucas erkennbar schwul. Er lockt ihn ins Klo, aber er verhaftet ihn nicht, im Gegenteil.
Es kommt zu einem konspirativen Treffen zwischen den beiden, im pompösesten, glamourösesten Kino von Syracuse, und zum ersten Mal wird Lucas seine sexuellen Wünsche überhaupt richtig wahrnehmen. Andrew zeigt ihm ein kurzes Glück, sehr viel weiter kommt es nicht, alles zu gefährlich. Aber die Verbindung der beiden bleibt eine Weile bestehen, hauptsächlich damit klar wird, was alles nicht möglich ist für Männer in jener Zeit. Beide trösten sich mit Verweisen darauf, dass es ja San Francisco gibt, die eine Stadt, in der man ohne Geheimnisse leben kann. Was einen zeitgeschichtlichen Hinweis liefert für die legendäre Anziehungskraft Kaliforniens, nicht nur als Traum der Hippies, der Musiker, der Drogenfreunde. Die vielzitierte freie Liebe beinhaltete auch gleichgeschlechtliche Liebe, in Kalifornien straffrei seit 1976.
Aus ihren Geheimnissen kommen sie nicht heraus
Diese Zahlen und Daten erfährt man nicht während des Films. Aber man würde sie gern wissen, man will dringend eine Bestätigung, dass die Verhältnisse sich in der Gegenwart geändert haben. Denn was „Plainclothes“ erzählt, ist schwer auszuhalten. Die zwei Männer, die sich hier treffen, haben eine kurze, anrührende Beziehung, nicht bloß Sex. Aus ihren Geheimnissen jedoch kommen sie nicht heraus. Sie arrangieren sich schamhaft mit den Verhältnissen, auch wenn ihr Schweigen für sie stetes Unglück bedeutet. Bei Lucas, dem deutlich jüngeren der beiden, zeigt der Film den emotionalen Tumult, in dem er sich meistens befindet, durch einen ähnlichen Tumult in der visuellen Ästhetik. Man wird bombardiert mit Formatwechseln, VHS-Optik, Rückblenden, engen oder weiten Bildern, vor allem mit vielen, zärtlichen Nahaufnahmen.
Damit trägt Lucas’ Gesicht diesen Film, und es ist ein Gesicht, das so etwas kann. Der Schauspieler Tom Blyth spiegelt die Zerbrechlichkeit, die Lucas’ Figur innewohnt, und zeigt gleichzeitig die vielen Strategien, mit denen Lucas versucht, jedes Gefühl zu ignorieren. Die plötzliche Erotik, die zwischen ihm und Andrew hochkocht, macht Blyth an seinem Blick sichtbar, der sich nach innen richtet, als fände er dort völlig fremdes Terrain. Die Verzweiflung, die ihn überwältigt, weil er weiß, dass es kein Happy End geben wird, nimmt mit seinen nassen Augen die ganze Leinwand ein, so nah ist die Kamera auf ihn gerichtet. Diese visuelle Dramatik wirkt manchmal exzentrisch, aber sie funktioniert: sie betont das Melodram, auf das Emmi mit seinem Film hinsteuert, bis jeder Zuschauer es mitfühlen kann.









