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Filmkritik
Das große Rattern. Züge haben, lernt man aus dem Film „Trains“ von Maciej J. Drygas, einen Hang, immer stur weiterzufahren, auf den ihnen vorgegebenen Gleisen, wo auch immer diese hinführen, was auch immer um sie herum geschieht, wer oder was auch immer sich in ihnen aufhält. Das hat mit ihrer schieren Größe zu tun, mit dem massiven, klobigen und doch zu dynamischer Mobilität fähigen Material, aus dem sie bestehen. Ganz am Anfang sieht man, wie sie gefertigt werden. Oder vielleicht eher geboren werden, als Kinder des Schwerindustrie-Zeitalters. Neben den Eisenkolossen wirken die Menschen, die sie zusammenlöten und aufs Gleis setzen, zwerghaft und hilflos. Dass der Mensch die Züge steuert und kontrolliert, ist jedoch ein Trugschluss. Das zeigen bereits die ersten Szenen des Films. Vielmehr sind es die Züge, die uns steuern. Die eine Bewegung in Gang setzen, von der nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Menschheit erfasst wird.
„Trains“ ist ein Film aus Filmen. Regisseur Maciej J. Drygas hat für sein Werk keine eigenen Filmaufnahmen angefertigt, sondern sich in Archive versenkt. In Dutzende Filmsammlungen aus der ganzen Welt hat er Bewegtbilder geborgen, die mal unmittelbar, mal mittelbar mit Zügen in Zusammenhang stehen. Sie stammen durchweg aus den ersten paar Jahrzehnten des Kinos. Die Züge, die man hier sieht, sind schwarz-weiß und rußverschmiert, lärmig und vermutlich für diejenigen, die in ihnen sitzen, ziemlich stickig. Definitiv sind das nicht die blitzsauberen, lautlos durch die Landschaft gleitenden Züge, mit denen in Deutschland bald die Verkehrswende vorangetrieben wird.
Stilisierte Eisenbahn- und Alltagsgeräusche
Drygas stellt dem Film ein Kafka-Zitat über existenzielle Hoffnungslosigkeit voran; ansonsten kommt „Trains“ ohne erklärenden Kommentar aus. Auf der Tonspur sind nur sehr gelegentlich menschliche Laute zu erahnen. Was es stattdessen zu hören gibt, hat es freilich in sich: Der Sounddesigner Saulius Urbanavicius und der Komponist Paweł Szymański weben einen dichten Tonteppich aus stilisierten Eisenbahn- und anderen Alltagsgeräuschen sowie sphärischen, flächigen Instrumentalklängen, die sich nie allzu eng an die Bilder anschmiegen, sich eher wie eine distanzierende, das Gezeigte verfremdende Schicht über sie legen.
Man gleitet an den Bildern entlang, anstatt in sie einzudringen. Was keineswegs gegen einen Film spricht, der in beeindruckender Manier die Entmündigung des Menschen durch Technik ins Bild setzt. Eine Entmündigung, zu deren historischen Agenten nicht nur die Eisenbahn-, sondern auch die Filmtechnik zählt. Auch Kameras sind allzu oft Maschinen, die etwas in Gang setzen, dessen Eigendynamik von denen, die sie bedienen, nicht einmal im Ansatz eingehegt werden kann. So gesehen sind die Bilder, die Drygas aneinandermontiert, Zeugnisse eines doppelten Kontrollverlusts.
Der Regisseur kann aus dem Vollen schöpfen. Gerade dem noch jungen Medium Film waren die imposanten Züge und ihr gleichmäßiges, wuchtiges Bewegungsmoment eines seiner liebsten Sujets. „Trains“ entfaltet ein ganzes Kompendium des Eisenbahnbildes: Schnelle und langsame Züge, Eisenbahntunnel und Eisenbahnbrücken, Schaffner und Lokführer, Luxuswaggons und Dritte Klasse, fröhliche und traurige Passagiere, allein und in Gruppen. Die meisten Aufnahmen entstammen wenig bekannten, oft dokumentarischen Filmen. Nur sehr gelegentlich tauchen bekannte Gesichter wie etwa das von Charlie Chaplin auf. Oder auch, sicher nicht zufällig kurz nach Charlie, das von Adolf Hitler.
Orientiert an den beiden Weltkriegen
Der Film ist nicht strikt, aber tendenziell chronologisch montiert. Die Dramaturgie orientiert sich an der Abfolge der beiden Weltkriege. Zivile Züge tauchen zwar auch reichlich auf, aber es gibt doch ein gewisses Übergewicht des Militärischen. Zweimal fahren Züge junge bewaffnete Männer an die Front und transportieren Krüppel und Leichen zurück. Einmal fahren Züge mit Menschen beiderlei Geschlecht ins Lager. Rückfahrt ausgeschlossen. Die Züge nach Auschwitz sind, man ahnt es lange, bevor sie tatsächlich auftauchen, der Fluchtpunkt – wenn auch nicht der Schlusspunkt – des Films.
Als historisches Argument ist der Film vielschichtig und keineswegs auf griffige Thesen reduzierbar. Ein Nahverhältnis zu Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ liegt freilich nahe. Züge sind zumindest auch stahlgewordene instrumentelle Vernunft, Medien einer verabsolutierenden, individueller Handlungsmacht nicht länger zugänglichen Herrschaft des Menschen über den Menschen. Wer sich den Zügen in den Weg stellt, wird ohne Federlesen zermalmt. Ob sie, einmal in Bewegung gesetzt, je wieder zum Stillstand gebracht werden können, weiß der Himmel.







