Vorstellungen
Filmkritik
Dies Meisterwerk des Regisseurs Andrej Wajda ("Der Kanal") läßt den Glauben erstarken, daß der Film, trotz allem, noch eine "moralische Anstalt" im Schillerschen Sinne sein könnte. Gänzlich ohne Pathos erhellt Wajda eine Notzeit ohne Moral, und tief in der Asche der Verzweiflung läßt er wie nebenbei den "gestirnten Diamanten" eines unsterblich Guten aufblitzen, die Verwandlungskraft der Liebe. Sachlich ist der Film eine Tragödie nationalen Ausmaßes, gespiegelt in einigen Charakteren der jungen Generation. Formal ist er große Kunst, die das Grauen einer schicksalschweren Wirklichkeit zu bändigen weiß, indem sie die Not zum bitteren Lachen bringt und die Hoffnung bis zum gespenstischen Ende in zarteste Poesie bettet. Der Film besingt (anders kann man kaum sagen) Fürchterliches: die ersten, schwersten Wiedergeburtswehen Polens, das heißt, den chaotischen Zeitpunkt, als die Deutschen eben vertrieben waren und die russischen Befreier das kommunistische Regime mitbrachten. Der Krieg war aus, doch der Kampf um die eigene Volkheit begann erst, und die jungen, dem angestammten katholischen Glauben völlig entfremdeten Partisanen, die nichts anderes gelernt hatten, als auf Deutsche zu schießen, wurden nun auf die Liquidierung bolschewistischer Funktionäre angesetzt; andere, opportunistisch gesinnte junge Leute lernten, auf zwei Schultern zu tragen. Krisensituation einer Zeitspanne, eines Volkes und einer wahrhaft "verlorenen Generation" - dies ist der Hintergrund und eigentliche Inhalt des Films, der in Polen vielleicht nur deshalb nicht verboten ist, weil er, obwohl ohne Zustimmung zum späteren Zustand des Satellitenstaats, den damaligen Fluß der Dinge ohne Haß noch Bekenntnis so zeigt, wie er ablief. Der kommunistische Funktionär, ein älterer Intellektueller, trägt menschlich anrührende Züge, und der untergetauchte nationalpolnische Partisanenmajor bleibt in seinem Fanatismus verständlich. Dazwischen bewegt sich eine Schicht wohlabgetönter Repräsentanten beider Richtungen: reaktionäre Nationalisten, karrieremachende Mitläufer, Typen der geschickten Anpassung. Davor und dazwischen agieren die Jungen im Bodenlosen: der nette Bursche, der immer noch Partisan und nichts anderes ist, der jahrelang aus dem Hinterhalt auf die westlichen Eroberer schoß und nun auf östliche Befreier schießen muß. Ferner der getarnte Leutnant mit messerschmalen Lippen, Soldat im Zwiespalt, der sich jetzt gegen andere Gegner kommandieren läßt. Weiter der junge Ministersekretär, der dem russophilen Chef gehorcht und gleichzeitig den Partisanen Informationen gibt. Haltlos alle, ein jeder auf seine Weise sich abfindend: der Partisan in kreatürlicher Gedankenlosigkeit, ein unbeschwerter, ja harmloser Mörder; der Ex-Leutnant wie erstarrt an den Gehorsam geklammert; der waghalsig-dumme Sekretär erfüllt von seinem angstvollen Ehrgeiz. Hauptfigur bleibt der brillentragende Partisan, den in einer Kneipe die Liebe zu einem hübschen, doch farblos resignierten Büfettfräulein trifft. Es ist beiderseits eine herbe Liebe auf den ersten Blick, die ohne Überschwang und ohne Hoffnung sogleich ihre auch körperliche Erfüllung findet. Sie bleibt tatsächlich nicht an der Oberfläche, sondern öffnet dem Jungen jäh die Augen: Das Leben bietet mehr als Schießen, man kann etwas lernen, arbeiten, in Frieden existieren. Doch die kurze Vergangenheit hält ihn fest: Er hat (eingangs des Films) den Falschen erschossen, nun muß er die Untat am richtigen Opfer nachholen. Er tut es in abschließender Konsequenz - und flüchtet. Versehentlich schießt eine Patrouille auf ihn. Mit seinem Lungenschuß rennt er weiter, um schließlich auf einem Müllabladeplatz scheußlich und sinnlos wie eine Ratte zu verenden. Dies geschieht im selben Morgendämmer, in dem eine übernächtigte Gesellschaft im Hotel ihre Befreiungsfeier mit einem maskenhaften Schreittanz beendet, unter Führung eines Conferenciers und zu den betrunken verstimmten Klängen von Chopins A-Dur-Polonaise. Die Atmosphäre dieses miesen Hotels, in dem oben der prokommunistische Minister ein Bankett gibt, unten die Nationalpolen feiern, desgleichen die Trümmer einer Kirche, in die der junge Partisan mit seinem Mädchen vor dem Regen flüchtet, um die Leichen der versehentlich Liquidierten aufgebahrt zu finden: Eindrücke dieser Art in kaum glaublicher Fülle erläutern mitrein filmischen Mitteln dichterisch alles, was das Wort ausspart. So versteht man den polnischen Dialog allein aus dem Optischen; seine Wirkung bei geglückter Synchronisation wird sich kaum noch erhöhen lassen. Ohnedies kann der Betrachter nicht übersehen, daß das mehrschichtige Verhängnis durch die Abwesenheit des Glaubens erst voll zum Durchbruch kommen konnte, und daß auch der Rohdiamant der Liebe erst durch den "Schliff" christlicher Auffassung hätte zum vollen Strahlen gelangen können. Insofern ist der leidvoll-unverklärte Ausgang auch aus christlicher Sicht berechtigt.










