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Filmkritik
Marthas Ende ist friedlich. Eine lange Leidensgeschichte liegt hinter der krebskranken Mittfünfzigerin, doch in ihren letzten Augenblicken schläft sie ruhig, mit stoßweisem Atem, aber offenbar ohne Schmerzen. So nimmt es Marthas Tochter Lore wahr, die im zweiten Bett des Zimmers liegt und auf ihre Mutter horcht, bis diese nach einem letzten, seufzerartigen Atemzug verstummt. Unmittelbar nach Marthas Tod folgt für die 25-Jährige der erste von vielen noch folgenden Abschiedsmomenten von der Mutter: Lore streicht über Marthas Wange, greift nach ihrer Hand, küsst ihre Finger, weint an ihrer Brust, summt leise. Ein kurzer intimer Augenblick der Zweisamkeit, bevor Lore die Belegschaft des Hospizes informiert und die offizielle Routine bei Todesfällen einsetzt – der persönlichen Trauer der jungen Frau wird die kühle organisatorische Frage „Was muss ich jetzt tun?“ an die Seite gesetzt.
Individueller Schmerz und institutionelle Vorschriften angesichts eines menschlichen Todes stellt Regisseurin Jacqueline Jansen in ihrem Spielfilmdebüt „Sechswochenamt“ von Beginn an als miteinander verzahnt dar. Von ihren schubweise auftretenden Trauerattacken wird Jansens Hauptfigur Lore immer nur kurz überwältigt, bevor sie sich mühsam zusammenzureißen versucht und den nächsten Schritt in Angriff nimmt. In der mütterlichen Wohnung schlägt ihr die Leere entgegen, und auch das erste Telefonat mit ihrer Schwester, die in einer anderen Stadt lebt, ist kaum beruhigend.
Den Moment des Todes erneut durchleben
Zu beschreiben, wie ihre Mutter gestorben ist, und diesen Moment damit erneut zu durchleben, wird Lore auch weiterhin abverlangt. Denn ob Bestattung, Todesanzeige, Trauerfeier oder Wohnungsauflösung, die Verwandten ducken sich weg bei den zu klärenden Fragen. Wie ist damit umzugehen, dass Martha aus der Kirche ausgetreten, aber trotzdem „sehr gläubig“ war? Was geschieht nach der Einäscherung mit der Urne? Und ganz profan: Sind die schönsten Kleidungsstücke zu schade, um sie der Toten auf ihrem letzten Weg anzuziehen, oder genau richtig? Schuhe oder keine? Kommt es auf die Qualität des Sargs an, wenn er ohnehin verbrannt wird? All das wird allein auf Lores Schultern abgeladen.
Die Gemengelage an Reaktionen, zu denen es nach dem Tod eines Menschen kommt, flicht Jacqueline Jansen in ein vielschichtiges Szenario ein: Allgemeine Beobachtungen, wie der Tod auf Abstand hält und auch eng Betroffene den direkten Kontakt zu vermeiden suchen, um sich selbst Schmerz oder Arbeit zu ersparen, stehen neben dem speziellen Fall der fiktiven Figur Martha Mayer. Aus Bemerkungen der anderen Charaktere entsteht allmählich das Bild einer Frau, die in ihrer Familie Außenseiterin war, weil sie nach ihren eigenen Vorstellungen lebte – was von Marthas Bruder, Schwägerin, greiser Mutter und zweiter Tochter nun auch als Grund genannt wird, sich nicht groß in die Beisetzungsdetails einzumischen. Hinzu kommen besondere Schwierigkeiten, denn „Sechswochenamt“ setzt im März 2020 mit Beginn des ersten Corona-Lockdowns in Deutschland ein: Trauerfeiern unter normalen Bedingungen sind nicht erlaubt, die geschlossenen Geschäfte und Kontaktbeschränkungen prägen jedes Element von Lores Bemühen nach dem Tod ihrer Mutter.
Exakte Rekonstruktion der Rahmenbedingungen
Unter den Belastungen der Corona-Zeit waren die einschränkenden Regeln für Trauerprozesse und Beerdigungen zweifellos für Betroffene besonders schwer zu ertragen; im Kino aber haben sie wie viele Aspekte im Corona-Komplex bislang kaum eine Rolle gespielt. Nachdem Jansen sich jedoch entschlossen hatte, den Tod ihrer eigenen Mutter als „filmische Autofiktion“, wie sie „Sechswochenamt“ nennt, zu verarbeiten, strebte sie eine möglichst exakte Rekonstruktion der Rahmenbedingungen an. So übernimmt sie nicht nur die zeitliche Verortung im Frühjahr 2020 von der Wirklichkeit, sie lässt ihren Film auch in ihrer niederrheinischen Heimatstadt Erkelenz spielen und setzt den regionalen Dialekt als Authentizitätsverstärker ein. Das schlägt sich vor allem im Einbezug von schauspielerischen Laien bei einigen Nebenrollen effektvoll nieder, namentlich bei Lores Großmutter und beim Bestatter, deren rheinische Unverblümtheit die aufgewühlte Gefühlslage der Hauptfigur weiter anheizt.
Denn Lore macht immer wieder ähnliche Erfahrungen: Die organisatorische Last und damit auch die Verantwortung liegen zwar bei ihr, zurückhaltend mit Tipps und kritischen Anmerkungen ist ihr Umfeld aber ganz und gar nicht. Lores Einsatz, die (wenigen) Vorgaben ihrer Mutter in deren Sinne umzusetzen, wird zwar vorgeblich anerkannt („Machet, wie du et willst!“), aber nie, ohne zugleich jede Abweichung von der Norm zu brandmarken („So jehört sich dat nit.“). Reaktionen, die es der ohnehin wenig selbstsicheren jungen Frau nur immer noch schwerer machen, ihre Entscheidungen durchzuziehen.
Völlig aus der Zeit geworfen
Detailgenau entfaltet Jacqueline Jansen den doppelten Kampf ihres filmischen Alter Egos gegen die Widerstände, die sich auftürmen, und gegen die eigene Überforderung. Die Corona-Pandemie ist dabei letztlich nur der Hintergrund für die zentrale Geschichte um das Abschiednehmen. Den Pandemie-Kommentar „Die Welt ist verrückt geworden.“ überträgt der Film jedoch nahtlos auf den Seelenzustand der Hauptfigur, die sich völlig aus der Zeit geworfen und ihrer Trauer ausgeliefert sieht. Die junge Darstellerin Magdalena Laubisch ist phänomenal in ihrer ersten Kinohauptrolle, in der sie in jeder Szene zu sehen ist. Zwischen Trostlosigkeit, Frust, Erschöpfung, Pragmatismus, Trotz und Wut verdeutlicht sie glaubwürdig eine Höchstzahl an emotionalen Nuancen. Über die Konzentration auf die Protagonistin gelingt es „Sechswochenamt“, ungewöhnlich tief in die überwältigenden Auswirkungen eines menschlichen Ablebens auf die Hinterbliebenen einzutauchen.
Jacqueline Jansen hat sich ihr inszenatorisches Können übers Hintergrundwirken auf Filmsets erarbeitet, „Sechswochenamt“ entstand ohne Geld aus den üblichen deutschen Fördertöpfen, sondern wurde allein durch branchenfremde Investoren verwirklicht. Dieser ungewöhnliche Entstehungsprozess ist dem Ergebnis nicht unbedingt anzumerken, Jansen orientiert sich durchaus an gängigen Erzählstrategien, inszeniert etwa mit (sparsam eingesetzter) Musik und markanten Montagesequenzen. Einen auch formal radikalen Zugang, wie ihn ihre Kollegin Jessica Krummacher bei dem thematisch anschließbaren Film „Zum Tod meiner Mutter“ wählte, bietet „Sechswochenamt“ damit nicht. Gemeinsam ist beiden Werken jedoch der Mut, dem Sterben unverdrossen nahekommen zu wollen – und dabei anzumerken, welche Herausforderung auch im Weiterleben liegt.



