DE 2020, R: Philipp Klinger, D: Sarah Mahita, Béla Gabor Lenz, Stephan Szasz u.a., L: 94 min., FSK: ab 16
- Veröffentlichung20.10.2020
- Dauer94 Minuten
- GenreSpielfilm
Vorstellungen
Filmkritik
Eine kleine Trauergemeinde auf einem Dorffriedhof irgendwo im Schwarzwald. „Wir wollen einen guten Tag haben“, hat der seltsam emotionslose Vater Michael (Stephan Százs) vorab allen Familienangehörigen erklärt. Nun steht er zusammen mit seiner Frau Christine (Birge Schade) und Tochter Rebekka (Sarah Mahita), umringt von wenigen Freunden und Verwandten, ein weiteres Mal vor der Grabstelle seines Sohnes Dennis, die er wie viele im Dorf regelmäßig besucht.
Vor zwei Jahren hatte sich Dennis (Andreas Warmbrunn), ein schweigsamer junger Mann mit einer Vorliebe für Death-Metal-Musik, ohne Vorwarnung das Leben genommen und ein tiefes Loch in die vermeintliche Idylle gerissen. Seine Eltern wollen die Hintergründe des Suizids nach wie vor lieber verschleiern als aufklären, was wiederum die inzwischen 17-jährige Rebekka in eine schwere Depression stürzte.
„Die Leute reden schon genug“
Es gilt, in dieser spürbaren Zweckgemeinschaft nach außen hin den Haussegen wieder in Ordnung zu rücken und familienintern bloß keine weiteren Fragen zu stellen. Schließlich „reden die Leute schon genug“, mahnt der sich um die Etikette sorgende Michael ein ums andere Mal. Anstatt ernsthaft herausfinden zu wollen, welche Person sich hinter ihrem toten Sohn verbarg, was ihn interessierte und welche Motivation hinter seinem radikalen Entschluss steckten, bemühen sich Michael und Christine permanent darum, Anstand zu wahren, um nicht noch weiter aufzufallen. Das Leben muss eben weitergehen, irgendwie, lautet die Grundüberzeugung des emotional verkrusteten Ehepaars, das sich immer weniger zu sagen hat.
In ihren Augen hatte Dennis keine wirklichen Probleme, sondern lediglich den falschen Umgang. Namentlich: Vincent (Béla Gabor Lenz), ein weiterer Outsider innerhalb der Dorfgemeinschaft. Wie Dennis liebt er es, sich in die Einsamkeit der Natur oder geheime Höhlen zurückzuziehen. Er zeichnet obskure Gestalten, hört ebenfalls Black und Death Metal, zieht sich extravagant an und liest vorwiegend düster-abgründige Geschichten.
Oder vielleicht sogar mehr
Vincent war Dennis’ bester Kumpel. Oder vielleicht sogar mehr, wie es Rebekkas Freunde Sebastian (Gustav Schmidt) und Melanie (Valerie Stoll) andeuten und wie es die psychisch labile Schwester dann auch selbst herausfindet. Trotz aller Widerstände lässt sie sich am Ende sogar auf eine Liebesaffäre mit dem seltsamen jungen Mann ein, der als Einziger dabei war, als sich ihr Bruder von einer Brücke in den Tod stürzte.
Wie gut kann man einen Menschen wirklich kennen? Und wie lässt sich der Selbstmord eines nahen Angehörigen überhaupt verarbeiten? Diese beiden essentiellen Fragen durchziehen das visuell ambitioniert inszenierte und autobiografisch gefärbte Langfilmdebüt von Philipp Klinger. Der 1985 geborene Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg wuchs als Kind in einem alternativ eingestellten Elternhaus in einem kleinen Schwarzwalddorf auf. In „Albträumer“ wollte er nach eigener Aussage vor allem die außergewöhnlich hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen in seiner Heimatgemeinde aufarbeiten und das engstirnige Milieu der Provinz durchleuchten.
Ein Mix aus Drama, Horror, Mystery und Coming-of-Age
Doch der seltsame Neo-Heimatfilm setzt auf recht eindimensionale Charaktere in einem klischierten Drehbuch, das Klinger zusammen mit seinem Ex-Kommilitonen Simon Thummet verfasst hat. Mit entschleunigtem Erzähltempo sowie einem unzusammenhängenden Stilmix aus Drama, Horror, Mystery und Coming-of-Age-Film verliert sich der filmische Hybrid von Szene zu Szene immer mehr.
Selbst die passable Besetzung der Hauptrollen verhilft dem langatmig-zerfaserten Familien-Mystery-Drama nicht über den Status eines Spielfilmdebüts hinaus. Ein blutarmer Film, der lauter brisante Fragen aufwirft, ohne eine einzige überraschend zu beantworten. Unterm Strich nicht viel mehr als eine aufgesetzte Theatralik sowie eine oberflächliche Nabelschau zwischen den Generationen.