Vorstellungen
Filmkritik
Es bleibt Oskar Roehler vorbehalten, die Zuschauer:innen von „QRT: Zeichen Zombie Teqno – Ein Nekrolog“ vom Anspruch dieses Kessels verschmitzt vorgetragener Anekdoten aus den heroischen Berliner Jahren rund um den Mauerfall zu entlasten: „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!“
Objekt des von Manuel Stettner arrangierten Nekrologs für sieben Stimmen ist Markus Wolfgang Konradin Leiner (1965-1996), der Sohn einer Konstanzer Patrizierfamilie mit eigener Apotheke. Nach dem Abitur verwarf Leiner, philosophisch-künstlerisch veranlagt, die von seiner Familie präferierte Option eines Pharmaziestudiums. Stattdessen brach er mit seiner Herkunft und ging nach West-Berlin, um dort als Punk, Performer, Kulturtheoretiker, Autor, Schauspieler und Exzentriker in der dortigen Bohème zu reüssieren. In Gesprächen mit Freunden und Weggefährten wird überzeugend herausgearbeitet, dass Leiner, der sich in Berlin den Künstlernamen „QRT“ (Kurt) zulegte, durchaus als „verdichtete Existenz der 1990er-Jahre in Berlin“ verstanden werden kann.
Eine Berliner Bohème-Figur
QRT entwarf sich als Kunstfigur unter den Bedingungen des künstlichen Bohème-Paradieses West-Berlin und gehört damit ins Archiv der Westberliner Subkultur. Das hatte durchaus auch intellektuelle Konsequenzen. Im Nachwort zur Textsammlung „Schlachtfelder der elektronischen Wüste“, die 1999 im Merve Verlag erschienen ist, heißt es etwa: „Schnell merkte QRT, dass das geisteswissenschaftliche Fundament, das er aus seiner Heimatstadt Konstanz mitgebracht hatte, den Erfordernissen des polymorphen Urbanismus nicht standhielt. Er legte Kant und Heidegger ins Archiv und rüstete vehement auf Baudrillard, Foucault, Lacan und Virilio um, den maitre penseurs der Zeit.“
In den Anekdoten, die der dokumentarische Film versammelt, spielen legendäre Orte der Westberliner Subkultur eine zentrale Rolle, etwa die Ruine am Winterfeldtplatz, das Cafe M, das Ex&Pop, aber auch Personen wie Nick Cave, Blixa Bargeld oder GG Allin. Dort konnte man QRT antreffen, der sich der Intensivierung seiner Erfahrungswelt verschrieben hatte, gerne als „Rabauke“ auftrat und über ein Repertoire sozial inkompatibler Verhaltensweisen verfügte, die im Film von den zumeist männlichen Gesprächspartnern schmunzelnd-nostalgisch erinnert werden. Those were the Days!
Als manischer Kinogänger arbeitete QRT am Entwurf einer Zombologie, die als ein Gegenentwurf zur Anthropologie gedacht war. Auch präsentiert „QRT: Zeichen Zombie Teqno – Ein Nekrolog“ Ausschnitte der „Moleküle einer Theorie der Gewalt“, die um die Figuren des Helden und des Heiligen kreist. Die Referenzen zu Baudrillards „Der symbolische Tausch und der Tod“ sind in den mit großer Geste aus dem Off vorgetragenen Texten von QRT nicht zu überhören. Einem Ausflug mit Friedrich Kittler und seinem akademischen Anhang nach Peenemünde verdanken sich einige bildmächtige Reflexionen zum Verhältnis von Rakete, Totenreich und nationalsozialistischem Technik-Schamanismus. Dass es QRT nicht an Selbstbewusstsein mangelte, belegt ein Ausschnitt aus einem gefilmten Interview, dass er mit Jean Baudrillard führte. Im Rückblick fällt dabei auf, dass QRT seinen Spiritus Rector zunächst recht insistierend mit den Thesen seiner eigenen Magisterarbeit konfrontierte, was für das Gespräch nicht besonders förderlich war.
Das Andere der Provinz
Zur Suche nach Intensitäten gehört auch, dass QRT polytoxisch unterwegs war. Seinen Drogenkonsum hatte er meist unter Kontrolle, weil er die Drogen auch erkenntnistheoretisch als Probant seiner selbst einzusetzen versuchte. Für die Zeit nach 1989, „als in dieser Stadt das Licht des Realen angeknipst wurde“ und QRT noch eine Reihe anderer Arbeitsfelder als Comic-Autor, Filmkritiker, Konzepter einer Event-Agentur und Schauspieler in Filmen von Oskar Roehler („Gentleman“) und Horst Markgraf („Jenseits der Gleise“) bescherte, interessiert sich der Film weniger. Stattdessen geht es mehr um die Drogensucht und, nach der Überdosis im Oktober 1996, um die letzte Inszenierung, als der „verlorene Sohn“ in Konstanz eine Beerdigung erhielt, die den Ruf der Familie nicht tangierte, aber trotzdem „Berlin“ noch einmal triumphal als „das Andere“ der Provinz erscheinen ließ.
Auf QRTs Grabstein steht „Lage“, was auch als „Egal“ gelesen werden kann. Was von QRT bleibt, sind ein paar aus dem Nachlass edierte Bände, die ebenfalls im Merve Verlag erschienen sind. Tom Lamberty, der aktuelle Verlagsleiter und frühere Kumpel von QRT, blättert dort etwas indifferent in den Kisten mit QRTs ungeordnetem Nachlass, der teilweise noch mit der Schreibmaschine produziert wurde, und hadert mit dessen weiterem „Schicksal“.
Am Ende des Films ahnt man: Das war alles möglich, damals! Da die Kamera den (wenigen) Gesprächspartnern so nahegekommen ist, dass man alle Zeit hatte, in diesen von der Berliner Subkultur gegerbten Gesichtern zu lesen, während sie Anekdoten von überkommenen Männlichkeitsritualen von sich gaben, liegt es nahe, nach dem Abspann einigen Spuren und Namen nachspüren – zum Beispiel in dem von QRT so nachdrücklich verachteten Internet. Durchaus mit Gewinn.






