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Rains Over Babel

111 minDrama, Komödie, FantasyFSK 16
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Ein wildes, verspieltes Debüt aus Lateinamerika: Rains over Babel spielt im neongetränkten queeren Club „Babel“, wo La Flaca mit den Seelen ihrer Gäste um Lebenszeit spielt. Seelenfänger Dante sucht einen Ausweg, Roma und Darla bereiten sich auf die Drag Wars vor, Pastor Don Alfonso wettert dagegen, und Timbi muss mit La Pitonisa und dem sprechenden Salamander Rosa den Leadsänger von The Black Mamba finden. Gala del Sol liefert eine schweißtreibende, glittergeschwängerte Tropical-Punk-Extravaganza, bei der Figuren und Bass gleichermaßen explodieren.

El Boticaro (Santiago Pineda) spaziert lässig, mit aufgeknöpftem Hemd und weiter Hose, durch die Straßen der kolumbianischen Stadt Cali. Er ist auf dem Weg in den Nachtclub „Babel“, seinen Arbeitsplatz. El Boticaro arbeitet als Barkeeper und ist außerdem so etwas wie der gute Geist dieses Films, nicht wirklich eine handelnde Figur, eher eine Art Zeremonienmeister, der die Geschicke in Cali auf untergründige Weise lenkt.

Auf dem Weg in den Club grüßt er links und rechts lauter Bekannte, die allesamt mindestens so extravagant aufgetakelt sind wie er selbst. Sie haben, so darf man sich das vorstellen, eine lange, aufregende Nacht hinter sich. Das Tageslicht kann die Atmosphäre der Verruchtheit, die die ganze Stadt im Griff zu haben scheint, nicht vertreiben. „Rains Over Babel“ ist ein Film, der sich am wohlsten fühlt, wenn die Leinwand bis in die letzte Ecke von künstlichem Licht illuminiert ist, von farbigem Licht, das Leuchtröhren oder Scheinwerfern entspringt, auf glatten Fußböden reflektiert wird und Räume wie Schwerter durchschneidet. Licht, das nicht die Welt, sondern sich selbst sichtbar machen möchte.

Das Nachtleben ist nah am Tod gebaut

Die kolumbianische Regisseurin Gala del Sol tritt in ihrem Debütfilm selbstbewusst in überlebensgroße Fußstapfen. „Rains Over Babel“ ist eine sehr freie Adaption von Dante Alighieris „Inferno“, die von der sicher nicht ganz falschen Ahnung inspiriert ist, dass das Nachtleben, gerade in seiner verzweifelten Vitalität, nah am Tod gebaut ist. Im Nachtclub „Babel“ reichen sich Halbwelt und Unterwelt die Hand, quicklebendige Leiber tanzen einen ewigen Totentanz, und über allem regiert La Flaca (Saray Rebolledo), ein äußerst verführerischer Todesengel.

An der extravagant-lustvollen Höllenvision sind, unter anderem, ein Geist namens Monet beteiligt, der sich nach einer tödlichen Überdosis nicht von seinem physischen Leib trennen möchte, eine Rumtreiberin namens Uma, die mit La Flaca eine Rechnung offen hat, ein Pastorensohn namens Jacob, der ohne Wissen seiner Eltern eine Karriere als Drag-Performer anstrebt. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie unruhige Seelen sind und nicht allzu viel anfangen können mit den geradlinigen Lebenswegen und – vor allem – den strikt binären Geschlechterrollen, die ihnen die Gesellschaft vorschreibt.

Vor dem Neon-Kreuz in der Kirche

Diese nimmt zwar nicht viel Raum in „Rains Over Babel“ ein, aber sie hat ein paar Vertreter in den Film entsandt. Insbesondere Jacobs Vater Don Alfonso, der in seiner Kirche vor einem Neon-Kreuz fast genauso verrucht-glamourös ausschaut wie die Nachtschwärmer, deren unsittlichen Lebenswandel er verdammt. Die „Squares“ richten in der Welt des Films zwar durchaus echten Schaden an; in ästhetischer Hinsicht haben sie jedoch von Anfang an keine Chance.

Mit La Flaca & Co. durch die kolumbianische Neonnacht zu driften, macht eine Weile durchaus Freude, nicht zuletzt, weil die Regisseurin sich als geschickte Erzählerin erweist, die sich darauf versteht, Geschichten elegant nebeneinanderherlaufen zu lassen. Ästhetisch lässt sie sich vom Kino der 1990er-Jahre inspirieren, vom poppig-artifiziellen Queer Cinema der Zeit, aber auch von den damals stilbildenden Kultfilmen aus Hongkong. Insbesondere die düsteren Hochglanz-Affektbilder von Wong Kar-Wais „Fallen Angels“ schwingen immer wieder mit. Sogar einige ausgewachsene Martial-Arts-Kampfszenen hat „Rains Over Babel“ zu bieten.

Aus dem moralischen Schattenreich

Schade ist jedoch, dass gegen Ende alle im doppelten Sinn diversen Handlungsstränge in einer ziemlich gleichförmigen Metaerzählung münden. Eine Erzählung, die zweifelsohne das Herz am rechten Fleck hat. Denn der Film nimmt Partei gegen Ignoranz und Intoleranz und für ein selbstbestimmtes Leben sowie für die Solidarität der Marginalisierten. Hehre Ziele, allesamt. Aber um sie zu erreichen, werden die Figuren aus dem aufregenden moralischen Schattenreich zwischen Leben und Tod, Lust und Schmerz, Liebe und Hass entlassen; der Film führt sie, einen nach dem anderen, einer Erlösung zu.

Die Utopie einer besseren, sexuell befreiten Welt besitzt in „Rains Over Babel“ aber nur so lange eine Strahlkraft, wie sie im schummrigen Nachtclublicht das Denken und Fühlen der noch nicht ganz Verdammten beherrscht. Als realisierte Utopie wird sie zur bloßen, allzu harmonisch erdachten Wunscherfüllungsfantasie.

Veröffentlicht auf filmdienst.deRains Over BabelVon: Lukas Foerster (26.11.2026)
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