Vorstellungen
Filmkritik
Was Geld aus Menschen macht, und was Menschen machen, die Geld haben. Der Splatterfilm „Ready or not“ von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett schaut sich das genau an. Eine Nacht lang bewegt sich der Film durch das Schloss der Unternehmerfamilie Le Domas, die in der Brettspiel-Industrie zu Reichtum gekommen ist. Erst wird die Exzentrik der Protagonisten beobachtet, dann ihre Neigung zur Gewalt, um schließlich in den Klassenkampf einzusteigen, so, wie er am meisten Sinn ergibt: mit viel Blutvergießen.
In diesem Schloss sind alle sieben Mitglieder der Familie versammelt. Den Anlass gibt eine Eheschließung: Sohn Alex ist nach Hause gekommen und hat eine schöne junge Braut mitgebracht, die ins Geld einheiraten möchte. Die Eltern sind erfreut, sein Bruder Daniel nicht, aber der ist durchgehend betrunken, da zählt seine Meinung wenig.
Von Anfang an kann man dabei zusehen, wie die Familie ihre Dekadenz auslebt; das zeigt sich gut im Umgang mit den Dienstmädchen. Die werden sukzessive erschossen, aus Versehen natürlich, was mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert wird. Der Ärger der Dienstherren gilt mehr dem ungeschickten Personal als der Todesschützin, die ist mit einem Kokainproblem entschuldigt. Wobei der Respekt vor Todesschützen dem Film grundsätzlich entgegenkommt, denn der Tod ist hier das bestimmende Thema.
Ein tödliches Spiel als Ritual
Entsprechend sieht die Hochzeitsnacht von Alex und seiner frisch angetrauten Gattin Grace aus. Nach Champagner und Smalltalk, bei dem Grace die blasierten Schwiegereltern, die finstere Großtante, Schwäger und Schwägerinnen kurz kennenlernte, gibt es am Abend ein Ritual, das diese Familie bei jeder Hochzeit einhält: Es wird ein Spiel gespielt. Alex hat Grace von dieser Sitte nichts erzählt, wohl in der stillen Hoffnung, dass dies im Lauf der Jahre vergessen worden wäre. Aber Grace ist über die Aussicht geradezu entzückt. Ein Spiel. Familienverbundenheit, Kommunikation, Wettbewerb. Man wird sich danach besser kennen als zuvor. So wird es auch sein, und bis dahin spielt man Verstecken: Alle suchen Grace. Wer sie findet, darf sie töten. Das erfährt sie aber erst beim ersten Schuss, der auf sie abgefeuert wird.
Grace wird von Samara Weaving gespielt, die zu großer Form aufläuft. Im wildesten, aussagekräftigsten Bild des Films reißt sie sich den Saum des Hochzeitskleides ab, das bis dahin so romantisch weit über den Boden schwang. Aber jetzt, auf der Flucht, kann sie Romantik nicht gebrauchen. Wie ihr Kleid verändert sich auch Grace. Nachdem sie auf ihre Opferrolle zunächst ein wenig hysterisch reagierte, wandelt sie sich schnell zum smartesten und lustigsten „Final Girl“ der letzten Jahre. Sie zögert nie, selbst Hand anzulegen; auch das geht schon aus der Bewegung hervor, mit der sie ihre Röcke kürzt. Sie leidet Schmerzen, die man mitfühlt, wenn sie auf der Flucht irgendwo rein- oder drüber- oder hinunterfällt. Sie hat kein Problem mit Brutalität, sofern eine brutale Reaktion notwendiger ist als eine schlaue. Am Ende ist ihr Hochzeitskleid komplett rot vom Blut der anderen, und Grace will die Scheidung.
Unerwartet helle Stimmung
Das Schloss, in dem sich die Jagd über zahlreiche Stockwerke erstreckt, ist voll düsterem Prunk; an Verstecken mangelt es zwischen Geheimtüren und dunkler Täfelung nicht. Die Stimmung ist dagegen unerwartet hell, der ganze Film ist durchzogen von einer lässig altmodischen Leichtigkeit. Gutgelaunt rumpelt die Familie Le Domas durch die Flure, bewaffnet mit Äxten, Armbrust, Jagdgewehr. Endlich was los, scheint ihr Gedanke zu sein, während der Film zur Schau stellt, wer sich den Regeln des Spiels unterwirft und bei wem Loyalität oder ein Hauch Vernunft übrigbleiben. Tatsächlich gibt es dafür Kandidaten, überraschend in der Auswahl, genauso wie die gewaltfreudige Seite plötzlich Zuwachs erhält durch Kinder oder Butler, durch die Unerzogenen und die Devoten.
Am Ende kommt noch kurz der Teufel ins Spiel, ein paar für den Reichtum verkaufte Seelen, ganz archaisch. Mit ihm kann der Film, der bisher in bestem Genreverständnis die Momente des Todes mit Wucht und den Spaß der Reichen mit Ernst gezeigt hat, seinen Blutdurst noch steigern. Der Humor, der von der Dekonstruktion der Figuren über Slapstick bis hin zu Metzger-Witzen reichte, löst sich in die reine Lust an der Zerstörung auf. Das ist noch eine gute Idee in „Ready or Not“: Den Teufel mal auf der richtigen Seite zu haben.










