









- Veröffentlichung08.01.2026
- RegieHIKARI
- ProduktionJapan (2025)
- Cast
- IMDb Rating7.9/10 (3460) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Als Schauspieler hat Philip (Brendan Fraser) es nicht weit gebracht. Der US-Amerikaner lebt in Tokio und hat in Japan bislang nur einen Werbesport für Zahnpasta vorzuweisen. Einmal wird er als Trauergast für eine Beerdigung angeheuert, die sich aber als inszeniert herausstellt. Dabei stößt er auf Shinji (Takehiro Hira), den Betreiber der Agentur „Rental Family“, der einen besonderen Service anbietet. Er bucht Schauspieler, damit diese im Auftrag der Kunden in die Rolle von Angehörigen schlüpfen, um deren Einsamkeit zu lindern oder ein intaktes Familienleben zu simulieren. Aus Geldnot nimmt Philip das Angebot an. Bei seinem ersten Auftrag soll er den US-amerikanischen Bräutigam einer jungen Japanerin spielen. Die ist in Wirklichkeit mit einer Frau liiert, braucht aber eine Zeremonie, um ihre konservative Familie zu beruhigen. Doch kurz vor der Trauung will Philip nicht mehr mitmachen. Er hat Gewissensbisse und Angst, dass das falsche Spiel auffliegt. Dann aber geht alles glatt: Die Eltern und die wirkliche Partnerin der Frau sind zufrieden, und Philip verspürt Stolz und Erleichterung.
Vorgetäuschte Identitäten
In der Folge nimmt er weitere Jobs bei der Mietfamilien-Agentur an. Für den alten Kikuo (Akira Emoto), einen ehemaligen Filmstar mit angehender Demenz, mimt er einen Journalisten, der vorgibt, ein Buch über ihn zu schreiben. Für das Mädchen Mia (Shannon Gorman), das in Japan als „Hāfu“ gilt, weil ein Elternteil nichtjapanischer Herkunft ist, spielt er den lang verschollenen „leiblichen“ US-Vater. Mias Mutter braucht Philip für ein Vorstellungsgespräch an einer Eliteschule, auf die sie Mia schicken will.
Mit anderen Kunden verbringt Philip dagegen einfach nur Zeit, etwa mit einem jungen Mann, mit dem er Videospiele spielt. Doch zu Mia und Kikuo baut er eine echte Beziehung auf. Sein Chef Shinji warnt ihn, dass man den Kunden emotional nicht zu nahekommen solle. Doch Philip findet, dass er Mia und Kikuo etwas schuldet. Mit dem Schauspieler lässt er sich auf ein von der Agentur nicht genehmigtes Abenteuer ein, während Mias Mutter findet, dass er die Beziehung zu der „Tochter“ abbrechen soll.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas schiefgeht oder Philips wahre Identität auffliegt. „Rental Family“ von der Regisseurin Hikari spielt mit dieser Spannung, weshalb sich Philips Gewissensbisse und sein emotionales Überengagement in Form von bösen Vorahnungen auf die Zuschauer übertragen. Denn Philip verschmilzt derart mit seinen Rollen, dass man ihn für einen Method Actor im realen Leben halten könnte. Als er einmal gefragt wird, ob er Kinder hätte, antwortet er, dass er eine Tochter habe, womit er Mia meint. Diese freut sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten über ihren verständnisvollen Daddy und ist stolz, wenn er Schulveranstaltungen besucht. Philip aber kann sich nicht zwischen Job und Emotionen entscheiden, was für alle Beteiligten problematisch ist. Der Grat zwischen Spiel und Betrug ist schmal; das weiß vor allem Shinji. Auch er greift mit seinen Angestellten zuweilen auf Methoden zurück, die moralisch fragwürdig sind.
Produktivität und Einsamkeit
Eingebettet ist diese Geschichte in die übergeordneten Verhaltenskodizes der japanischen Gesellschaft. Aus der Perspektive des westlichen US-Amerikaners entdeckt man Tabus und Wege, wie sie semi-offiziell umgangen werden können. Zuweilen überschreitet Philip ungeschriebene Regeln oder agiert heftiger und emotionaler, als es die japanische Etikette vorsieht. Der Film stellt damit hochentwickelte Gesellschaften in Frage, in denen vor lauter Effektivität und Produktivität Einsamkeit und Anonymität blühen. Ob man das durch solche Services wie in Japan überwinden kann? Oder ist das unmoralischer Schwindel? Und wie steht es um Familie und Wahlverwandtschaften? Anhand der Gestalt von Philip, der auf echte emotionale Bindung jenseits von Blutsbanden setzt, entscheidet sich der Film für eine idealistische Herangehensweise. Das bedeutet aber auch, dass damit eher Symptome kuriert werden; die wahren Gründe für Anonymität und Isolation kann ein Service wie „Rental Family“ nicht beheben.
Unterm Strich optiert die Regisseurin für einen empathischen und damit eher westlichen Lösungsansatz und bleibt damit der Interaktion von fernöstlichen und westlichen Werten und Sitten treu. Brendan Fraser bewegt sich mit seiner bärenhaften Physis und einem sympathischen Gesichtsausdruck souverän durch den Tokioter Großstadtdschungel und wird von überzeugenden japanischen Schauspielern unterstützt.
Am besten funktioniert dieser etwas zu freundliche Film, wenn er weniger auf Moral setzt, sondern stattdessen die „Unfälle“ des Leihfamiliengeschäfts auf die Spitze treibt. Dann entsteht eine gelungene Mischung aus Humor und Reflexion – etwa bei einer Figur, von der man zunächst nicht vermutet hätte, dass sie die Dienste der Agentur in Anspruch nimmt. Oder in einer brenzligen Situation, in der das Spiel mit dem Schein innerhalb der Agentur so unkoordiniert betrieben wird, dass sich verschiedene Aufträge kreuzen – was in eine sehr amüsante Szene mündet. Solche absurden Aspekte gab es auch schon in „Alpen“ von Yorgos Lanthimos, der dem Sujet aber deutlich mehr Nachdruck verlieh.
Die Rollen des Lebens
In „Rental Family“ wird auch die Frage nach der Schauspielerei per se aufgeworfen. Das Geschäft mit den Leihfamilien ist für Philip auch eine persönliche Bestätigung. Im echten Leben spielt er die Rollen erfolgreicher als in der Zahnpasta-Werbung oder einem Historienfilm, in dem er mit Perücke und falschem Bart einen Piraten mimt.
