Vorstellungen
Filmkritik
Die Gesellschaft der Zukunft ist spirituell verarmt. Die Menschen leben hier ewig, aber sie können nicht mehr träumen. „Phantasmer“ nennen sich jene, die es dennoch tun und dafür ihre ewige, schmerzfreie Existenz opfern, um zur ungezügelten Lebensenergie des Kosmos vorzustoßen, zur Ekstase des Traums, den das immerwährende Wachsein nicht mehr kennt.
Atemberaubende Bilder
Um einen solchen Phantasmer dreht sich „Resurrection“. Seine Träume erschüttern den dystopischen Rahmen, den der Film aufspannt. Der chinesische Filmemacher Bi Gan steht sichtbar auf seiner Seite; die Bilder von Kameramann Dong Jingsong, die in den Träumen des Phantasmers entstehen, sind von einem kompromisslosen Stilwillen geprägt. Es sind atemberaubende Bilder, die allerdings der Ästhetik der Kinogeschichte nachlaufen. Es beginnt mit einem Loch, das sich in die Leinwand brennt. Eine Camera Obscura entsteht. Die Menschen dahinter starren neugierig hindurch auf die nächsten Schritte der Kinematografie. Bald folgt ein Pulverfoto. Dann der expressionistische Film, in dessen Ästhetik „Resurrection“ die Jagd auf den Träumenden aufnimmt, der sich in einer Opiumhöhle versteckt hält. Durch von Zwischentiteln getrennte Kulissen nach Art von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ verfolgt eine von Shu Qi gespielte Agentin den Phantasmer, der sich in Scherenschnitte-Segmente und mit Mohnblumen und Symbolen überfrachtete Leinwand-Gemälde flüchtet.
Entkommen kann er nicht. Die Agentin wird an seiner Seite bleiben, während er, stetig träumend, stirbt. Bis dahin aber malt „Resurrection“ Bilder der Kino-Vergangenheit, imaginiert sich als eine kollektive Erinnerung, die vage auf ein gemeinsames Schicksal und vielleicht sogar eine spezifisch chinesische Historie verweist.
Einmal wird das beinahe konkret. Im Zeitraffer beobachtet die Kamera, wie auf einer Straße zwischen zwei Wohnquartieren eine Leinwand aus Tuch aufgespannt und gemeinsam Kinobilder bewundert werden. Meist aber bleibt der Film opak. „Resurrection“ lebt im Gleitzustand des Traums, der im besten Fall dazu einlädt, gedeutet zu werden, aber in seiner schwebenden Form in erster Linie schlicht erfahren und gefühlt werden will.
Spielen mit Assoziationsketten
Bi Gan bringt ein beeindruckendes Aggregat aus Filmtechniken, ästhetischen Nachformungen und Collagen auf die Leinwand. Immer neue Texturen, Genres und Symbole werden aneinandergefügt. Nicht etwa durch einen Plot – wo es ihn gibt, weiß er schnell wieder unterzutauchen –, sondern durch MacGuffins (mysteriöse Koffer, Rosentränke oder Zähne), mit denen der Film wie Kinder verfährt, die spielerisch Assoziationsketten formen.
„Resurrection“ präsentiert seine Tableaus nicht als Szenen, die über sich selbst oder den ihnen zugewiesenen Platz als Exponate einer Geschichte des Kinos (oder der Geschichte der Volksrepublik) hinausweisen. Am ehesten erklärt sich die seltsame Distanz, die der Film dadurch ausstrahlt, durch das Verhältnis des Filmemachers zum Genre. Wie schon in „Long Day’s Journey into Night“ (2018) taucht auch „Resurrection“ einige Kapitel lang in die Unterwelt ein. Der Film wandelt sich in eine von saftigem Rot erleuchtete blaue Nacht, stellt Spiegelkabinette auf, lässt Männer, die vielleicht Detektive sind, nach einem Koffer suchen, andere ihr Gegenüber mit einem Stich ins Ohr töten und einen Vampir inmitten des modernen urbanen Chinas auferstehen. (Neo-)Noir, düsterer Romantizismus, magische Gossenromantik fügen sich aneinander, doch all das ist recht flüchtig.
Genre als Rohstoff
Bi Gan versteht Genre als Rohstoff, der geformt und ausgestellt wird. Der dazugehörige Film hat dementsprechend keinen Puls; er funktioniert nicht innerhalb des Genres, baut aber genauso wenig ein Spannungsverhältnis dazu auf. Wer auf Vampire, Gangster, Rotlichtviertel, Opiumhöhlen oder eisgekühlte Cocktails aus Blut blickt, sieht Genres etwas so, wie Besucher eines Zoos Tiere sehen. Nichts kann sich frei bewegen, nichts kann sich entfalten, nichts ist frei. Ohne diese Freiheit vermag aber auch die Schönheit, die allen Bildern eingeschrieben ist, nie wirklich aufzublühen.
„Resurrection“ ist zu weit von der inneren Form entfernt, die ein Genre und vielleicht sogar das Kino in sich trägt. Stattdessen bekommen die Versatzstücke ihren Platz wie in einem Sammelband zugewiesen; sie bleiben, so schön sie auch strahlen mögen, immer an den Zweck ihrer Ausstellung gebunden. „Resurrection“ träumt einen verbotenen Traum vom Kino, der nie wirklich frei ist.







