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Filmkritik
Die im Nordosten Brasiliens gelegene Hafenstadt Recife gestern und heute: Alte Schwarzweiß-Fotos und historische Filmclips wechseln sich mit aktuellen Aufnahmen ab, während das Format wild zwischen quadratischen und breiten Bildern hin- und herspringt sowie zwischen pulsierenden analogen Pixelfeldern und der gestochenen Schärfe digitaler Kameras. Um den langjährigen Wandel seiner Heimatstadt zu veranschaulichen, konzentriert sich Regisseur Kleber Mendonça Filho auf wenige Orte. Wo sich etwa einst ein großzügiger Platz mit Kirche befand, ragen heute nur noch Wolkenkratzer in die Höhe. Vor allem interessiert sich der Filmemacher aber für die Geschichte seines eigenen Zuhauses: eines luftigen, modernistischen Appartments, in dem Mendonça als Jugendlicher erste Amateur-Horrorfilme drehte und später auch Kinofilme wie sein Debüt „Von großen und kleinen Haien“.
Wie Kunst die Wirklichkeit verzerrt und dabei doch konservieren kann
Mendonça ist in seinen Fünfzigern und hat bisher vier Spielfilme gedreht. Dass er im Essayfilm „Pictures of Ghosts“ sein Leben und sein noch recht überschaubares Werk ins Zentrum rückt, kann man selbstbewusst finden oder auch ein bisschen eitel. Die biografischen Elemente weisen allerdings meist über eine reine Nabelschau hinaus. Wenn die hypnotische Montage private Aufnahmen und Clips aus Mendonças Filmen ineinanderfließen lässt, offenbaren sich nicht nur die realen Erlebnisse, die fiktive Szenen inspiriert haben, es wird auch deutlich, wie Kunst die Wirklichkeit verzerrt und dabei doch konservieren kann.
In „Pictures of Ghosts“ zeigt sich, wie sich eine Stadt durch demographische Veränderungen und Gentrifizierung verändert. Durch den mehrfachen Umbau der Familienwohnung zeichnet sich ab, wie sich das Sicherheitsgefühl über die Jahrzehnte verändert hat. Wo früher alles nach außen offen war, stehen heute Gitter und Stacheldrahtgirlanden. Die baulichen Veränderungen des Appartments sind aber auch bedeutend für den Film, weil sie stellvertretend für den Wandel der Stadt stehen. Die Wohnung mutiert kontinuierlich zu etwas Neuem und bleibt zugleich ein Monument der Vergangenheit.
Über die Verzahnung von Gesellschaft, Kultur und Politik
In drei Kapiteln setzt „Pictures of Ghosts“ thematisch immer wieder neu an, bewegt sich in verschiedene Richtungen und zeigt dabei, wie untrennbar Gesellschaft, Kultur und Politik miteinander verzahnt sind. Die titelgebenden Geister stehen dabei sinnbildlich für Dinge, Orte und Menschen, die längst verschwunden sind, aber Spuren in der Gegenwart hinterlassen haben. Das Motiv zieht sich als Variation durch den gesamten Film, bis zu einer inszenierten Begegnung, in der der Regisseur auf einen Taxifahrer mit übersinnlichen Fähigkeiten trifft.
„Pictures of Ghosts“ etabliert viele Themen, die Mendonça zwei Jahre später in seinem Spielfilm „The Secret Agent“ wieder aufgreifen wird. Etwa als es um seine alleinerziehende Mutter geht, die sich als Historikerin auf mündliche Überlieferungen spezialisierte und damit die Lücken herkömmlicher Geschichtsschreibung füllen wollte. Zudem behandelt der Film den in Recife sehr populären Karneval, die Repressionen unter der brasilianischen Militärdiktatur und sehr ausgiebig auch die Rolle der Kinos als Rückzugsorte zum Träumen und Bastionen des Widerstands. Das Musical „Hair“, erfahren wir einmal, durfte zwar unter der Diktatur trotz seiner pazifistischen Botschaft gezeigt werden, bekam aber ein Jugendverbot.
Einblicke in ein goldenes Zeitalter der Kinos
Sehenswert ist „Pictures of Ghosts“ schon allein wegen seines reichen, bunt zusammengewürfelten, jedoch nie beliebig wirkenden Archivmaterials. Besonders die schlierigen alten Video-Aufnahmen der noch mit Ornamenten und Mosaiken geschmückten Filmpaläste, die bereits ihren ursprünglichen Glanz verloren haben, geben uns wertvolle Einblicke in ein goldenes Zeitalter der Kinos. Projektionist Alexandre, über den Mendonça 1992 als junger Mann bereits einen Kurzfilm drehte, teilt dazu seinen reichen Erfahrungsschatz und seine Erlebnisse mit der Zensurbehörde.
Recife ist im Film ein dynamischer Organismus, der sich unaufhörlich wandelt und zugleich wie ein historisches Freilichtmuseum funktioniert, bei dem man nur genau hinsehen muss, um Rudimente der Vergangenheit zu erkennen. Die Kamera leitet unseren Blick, schaut in Gassen, Gänge und entlegene Winkel, in denen es vermeintlich nichts zu sehen gibt. Doch sie zeigt uns, wie verschiedene Zeiten mal nebeneinander, mal übereinander koexistieren: im abbröckelnden Häuserputz, in alten Porträts, verschmierten Graffitis, verblichenen Kino-Aushangfotos oder architektonischen Überbleibseln.
Spiegel der Geschichte
In einem Exkurs erzählt Mendonça, wie die Nazis während des Zweiten Weltkriegs einen nur teilweise realisierten Ufa-Palast in Recife bauen wollten. Heute sieht man an dem türkisen Gebäude noch die Säulen des urpsrünglichen Entwurfs. Kinos interessieren „Pictures of Ghosts“ insbesondere als Spiegel der Geschichte. Viele schließen über die Jahre, manche werden zu Kirchen der sich im Land zunehmend ausbreitenden Evangelikalen oder verwandeln sich, einer unvermeidbaren kapitalistischen Logik folgend, in Einkaufszentren. Wie auch in seinen anderen Filmen, die sich oft um Unterdrückte und politische Dissidenten drehen, setzt Mendonça Hoffnungen in den Widerstand aus dem Volk. In „Pictures of Ghosts“ kommt diese Rolle dem São Luiz Cinema zu, das den Glanz alter Filmpaläste bewahrt hat, die Funktion des Kinos als sozialer Schmelztiegel am Leben hält und sich mit einem ambitionierten Programm in die Gegenwart gerettet hat.










