Vorstellungen
Filmkritik
Als Marina (Llúcia Garcia) nicht mehr weiterweiß, geschieht etwas Seltsames. Auf einem Fest trifft sie ihren Onkel, den sie erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal kennengelernt hat – wie auch die restliche große, quirlige Familie ihres früh verstorbenen Vaters, ein wuselndes Durcheinander aus Cousins, Cousinen, Tanten, Onkeln und Großeltern. Die vielen widersprüchlichen Geschichten, die sie seitdem über ihre Eltern gehört hat, passen weder zu dem, was ihr die Familie ihrer ebenfalls früh verstorbenen Mutter, bei der sie in Barcelona aufgewachsen ist, immer erzählt hat; noch zu dem Bild, das sie sich selbst anhand der spärlichen Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter gemacht hat.
In ihrem Tagebuch beschreibt Marinas Mutter die Wohnung, in der Nähe von Vigo an der galicischen Atlantikküste, in die sie mit Marinas Vater Fon in den 1980er-Jahren gezogen ist: mit Blick auf die Ría de Vigo, die Cíes-Inseln und vor allem das Meer, mal „ruhig, blau, friedlich“, mal „wild und rau“. Und so stellt sich Marina („die zum Meer Gehörende“) wohl auch die Liebe ihrer Eltern vor: leidenschaftlich, groß, wild, aber harmonisch.
Tuscheln über schlechtes Blut
Als Marina im Jahr 2004, nachdem sie gerade 18 geworden ist, von Katalonien aus in den spanischen Norden fährt, weil sie für ein Filmstipendium die Sterbeurkunde ihres Vaters benötigt, stößt sie schnell auf Ungereimtheiten. Laut der Sterbeurkunde war Fon kinderlos; ein Fehler, der sich durch einen Notarbesuch ihrer Großeltern recht einfach beheben ließe. Doch der Großvater drückt Marina lieber einen Umschlag voller Geldscheine in die Hand, der das Stipendium ersetzen soll. Fons Geschwister sind sich uneins darüber, wo Marinas Eltern früher gewohnt haben. Ihre Cousins und Cousinen tuscheln etwas von schlechtem Blut und schließlich darüber, dass Fon versteckt worden sei, als er an Aids erkrankt war. Gestorben ist Fon außerdem erst 1992, fünf Jahre später, als Marina annahm. Fünf Jahre, in denen er sich bei ihr hätte melden können.
All das bringt Marina in ihrem Inneren nicht mehr zusammen. So herzlich und innig sie alle aufnehmen und an ihrem Leben teilhaben lassen, als wäre sie bloß ein weiteres Mitglied dieser chaotischen, fröhlichen und neurotischen Familie, so verloren fühlt sie sich bisweilen. Also versucht sie auf diesem Fest, auf das sie sich zusammen mit ihrem gleichaltrigen Cousin Nuno geschlichen hat, von ihrem Onkel Iago (Alberto Gracia), dem schwarzen Schaf der Familie, der nicht weiß, wie er die Miete bezahlen kann und ständig betrunken oder bekifft ist, Antworten zu bekommen. Ihr Vater, erklärt Iago ihr, konnte nicht für sie da sein. Er konnte kein Bruder sein, kein Sohn, kein Vater, weil er ein Junkie war.
In dem Moment, in dem Marina endgültig begreift, dass die Vorstellungen, die sie sich vom Leben und Sterben ihrer Eltern gemacht hatte, falsch waren, geschieht das Seltsame. Eine Katze taucht auf, sieht sie an, als wollte sie ihr etwas sagen oder zeigen. Marina folgt ihr auf einem Weg, der sie in die Vergangenheit führt, zum Hochhaus, in dem ihre Eltern lebten, und von dessen Dach, als habe plötzlich Luis Buñuel die Regie übernommen, eine endlos lange Strickleiter heruntergelassen wird, an der Marina hinaufklettert. Es ist jedoch kein Traum, der sich fortan entfaltet, kein „Marina im Wunderland“. Der Film kippt nicht ins Surreale oder Fantastische, er findet lediglich, ganz unvermittelt und selbstverständlich, eine wunderbare Metapher für Marinas Erinnerungen, die sich verändern.
Das Erfinden von Erinnerungen
All das hat einen autobiografischen Kern, weil auch die Eltern der Regisseurin Carla Simón früh an Aids starben und sie beim Versuch, deren Leben zu rekonstruieren, ebenfalls keine endgültigen Antworten fand. Das legt nahe, „Romería“ auch als Film über Film oder überhaupt über narrative Kunst zu deuten. Was ist das Erzählen von Geschichten denn anderes als das Erfinden von Erinnerungen? Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte prägt Simóns bisheriges Werk so stark, dass sie nach „Fridas Sommer“ (2017) und „Alcarràs“ (2022) mit „Romería“ nun einen Zyklus abgeschlossen sieht.
Das alles ist gut zu wissen, lexikalisches Beiwerk, jedoch kein Grund, den Film deshalb mit anderen Augen zu sehen. Umgekehrt aber steckt das echte Leben so sehr in jeder Faser, jeder Szene und Einstellung dieses feinsinnigen Werks und seines Drehbuchs, dass es kaum verwundern kann, dass es nicht am Reißbrett entstanden ist. Immer wieder findet die Handlung an Stellen, an denen eingeübte Sehgewohnheiten eigentlichen einen Plot Point, einen kathartischen Twist mit großer Geste und Selbstfindungsemphase erwarten lassen, einen überraschend natürlichen, unspektakulären Fortgang.
Azurblaues Glitzern, summende Gespräche
Die Figuren um die von Llúcia Garcia mit kraftvoller Aura unterspielte Marina – eine überhaupt nicht außergewöhnliche und doch einzigartige junge Frau, werden anders als in „Alcarràs“ größtenteils nicht von Laiendarstellern verkörpert, wirken aber trotzdem so, als seien sie einfach sie selbst: gemischte, widersprüchliche Charaktere in verschiedensten Schattierungen. Simón verhält sich nicht zu ihnen, sie gibt ihnen Raum. Überhaupt entwickelt sie die Erzählung so behutsam gemächlich (manchmal fast zu gemächlich) zwischen azurblauem Glitzern und summenden Gesprächen, dass man – stünde im Presseheft nicht, dass „Romería“ in Spanien eine Prozession zum Totengedenken, aber auch ein Volksfest bezeichne (was in der magischen Metaphorik nach Marinas Begegnung mit der Katze beides zusammenfällt) – hätte vermuten können, der Filmtitel sei eine Hommage an Éric Rohmer.
Unaufgeregt, gleichsam organisch atmet der Film Kinogeschichte ein und aus: Segelbootbilder wie aus René Cléments „Nur die Sonne war Zeuge“, ein einsamer Strand, das Meer und das nackte, naiv-zerbrechliche Liebesglück aus Ingmar Bermans „Die Zeit mit Monika“ oder Michelangelo Antonionis verschwimmende Wahrnehmungen. Selbst der Wechsel zwischen den sorgsam arrangierten Filmbildern und Marinas verwackelten, rauschenden Videoaufnahmen voller Reißschwenks fügt sich da nahtlos ein.
Dass diese kleine, bezaubernde, Zeiten und Menschen unterschiedlicher Generationen in einer scheuen Umarmung verbindende und von Kamerafrau Hélène Louvart wunderschön fotografierte Geschichte zugleich auch noch etwas über die Vergangenheit Spaniens in den Jahren nach der Franco-Diktatur erzählt, über die Heroin-Epidemie und die Stigmatisierung von Aidskranken, ist, das räumt Simón selber ein, mehr als sie ursprünglich vorhatte. Es passiert, wie so vieles, wenn die Kunst im Mittelpunkt steht, ganz von selbst.









