Vorstellungen
Filmkritik
Der Stammbaum der Familie ist ein Rosenbusch, der getrimmt werden muss. So zumindest erklärt es Ed (Callum Turner). Er muss es wissen. Denn er schneidet die Rosen im Garten und masturbiert auf ihre Blätter. Wobei es sich noch um die harmloseste der zahllosen Perversionen handelt, die die überreiche Familie in ihrer spanischen Luxusvilla auslebt. Es braucht in „Rosebush Pruning“ nicht viel, um zu verstehen, dass der mit der Familie assoziierte Rosenbusch nicht gestutzt gehört, damit sein gesunder Stamm wieder kräftige Triebe hervorbringen kann. Er gehört zurückgeschnitten, weil sein Innerstes gänzlich verrottet ist.
Die Zahnpasta schäumt über
Die ersten überdeutlichen Hinweise gibt es bei einem Familienessen. Eds Bruder Jack (Jamie Bell) hat seine neue Freundin Martha (Elle Fanning) eingeladen. Sie soll die Familie kennenlernen, vor allem den Vater (Tracy Letts), der schnell die ersten Fragen bei der Hand hat. Da er blind ist, möchte er gerne wissen, welche Handtasche sie besitzt, welche Schuhe sie trägt, vor allem aber, welche Körbchengröße sie hat. Die Antworten gibt Martha nicht selbst, sondern Anna (Riley Keough), die eifersüchtig ist – im rein sexuellen Sinne. Das Dinner ist nur die Spitze des Eisbergs, den „Rosebush Pruning“ sukzessive freilegt. Die Geschwister haben nicht nur inzestuöse Verhältnisse untereinander; auch der Vater zwingt seine Kinder zum Sex. Die Zahnpasta schäumt in seinem Mund über, als er Ed nötigt, ihn mit der Hand und schließlich oral zu befriedigen.
Absolution für die eigene Verdorbenheit erkauft sich die Familie wöchentlich in Form eines Opferlamms, das aus der Vakuumverpackung geschnitten und den Wölfen im Wald zum Fraß geworfen wird. Ein Brauch, den die Familie pflegt, um die Raubtiere zu besänftigen, seitdem sie angeblich die Mutter (Pamela Anderson) verschlungen haben. Dass diese offenbar nicht tot ist, sondern ein neues Leben fernab des Missbrauchs durch den Vater angefangen hat, beschleunigt den schon zu Beginn unabdingbaren Untergang der Familie.
Für eine kompromisslos boshafte und konsequent vorgetragene Satire ist „Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz aber dennoch äußerst statisch und weitgehend leblos. Auf dem Papier ist der Film ein loses Remake von „Mit der Faust in der Tasche“ (1965). Statt des italienischen Bürgertums, das Marco Bellocchio in seinem Erstlingsfilm seinerzeit unter Beschuss nahm, ist es die Kaste der Überreichen, die das Drehbuch von Efthymis Filippou, dem Stammautor von Yorgos Lanthimos, ins Visier nimmt.
Widerlichkeiten als Augenweide
Die dazugehörigen Bilder von Hélène Louvart präsentieren die Widerlichkeiten als Augenweide, greifen mal aus nächster Nähe die schönen Details des verdorbenen Gesamtbilds ab, fangen das Sonnenlicht ein, als sei es fluoreszierend und basteln Tableaus der gelangweilt fläzenden Geschwister.
Nicht allein optisch ist hier alles von jeglicher Lebensrealität abgelöst. Die Wirklichkeit der Überreichen findet ausschließlich in der Vitrine statt – ein Außen gibt es von Beginn an nicht. Aus dramaturgischer Sicht noch problematischer ist, dass hier von Anfang an alles irreparabel ist. „Rosebush Pruning“ kommt nicht vom Fleck. Der Film durchläuft stur seine Zyklen von Missbrauch und Degeneration.
Thematisch reiht sich der Film damit in den Trend des psychosexuellen Eat-the-Rich-Kinos der letzten Jahre ein. Doch im Unterschied zu „Saltburn“ ist „Rosebush Pruning“ nicht um die Ekstase der Perversion bemüht, noch ist der Film an einer politischen Haltung wie „Eddington“ oder „One Battle After Another“ interessiert. Hier ist alles reine Bestandsaufnahme. Die Transgression ist immer als Resultat gedacht, der dazugehörige Prozess interessiert nur als Mechanik, die Aïnouz mit der nächsten Transgression verzahnen kann.
Laut dröhnende Technobeats
So hangelt sich der Film von Koketterien mit Menstruationsblut, erotischer Abtastung von Tierkadavern und den überall verteilten Spuren des Missbrauchs bei der Zahnhygiene durch eine satirische Abrechnung mit den Perversionen spätkapitalistischer Wohlstandsverwahrlosung. Laut dröhnende Technobeats versuchen einen Herzschlag in den Film zu pumpen, können den Film aber ebenso wenig beleben wie das inszenatorische Blendwerk, mit dem Aïnouz die Substanzlosigkeit des Ganzen auszukleiden versucht.




