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Scham

86 minDramaFSK 16
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Vier Jahre lang haben sich der 28-jährige Aaron und seine Mutter Susanne nicht gesehen. Als er sie erstmals wieder besucht, möchte er ins Gespräch kommen. Ihre Beziehung, die von vielen nie bearbeiteten Konflikten geprägt ist, aufarbeiten. Aaron ist nach jahrelanger Funkstille bereit, sein Schweigen zu brechen und wirft seiner Mutter vor, ihn als Kind nicht beschützt zu haben. Er will die Gespräche mit ihr filmen, festhalten. Susanne willigt ein, und geht überraschend in die Offensive, statt sich zu verteidigen. Trotz gegensätzlicher Standpunkte und harter gegenseitiger Anschuldigungen ringen beide bis an ihre Grenzen um Wege, wieder zusammenzufinden.

Aaron (Til Schindler) ist gekommen, um sich zu beschweren. Er, Mitte zwanzig, ein schwuler Künstler, reiste allerdings nicht allein aus Berlin in die bayerische Provinz. Er hat sein Notizbuch und sein Smartphone in sein Elternhaus gebracht. Damit will er dokumentieren, dass seine Mutter Susanne (Heike Hanold-Lynch) eingesteht, dass er sich „okay“ entwickelt habe. Vier Jahre Funkstille gilt es zu kompensieren. Aaron beschreibt sich selbst als höflich, nett und als guten Zuhörer. Alles Qualitäten, die seine Mutter doch einmal bemerken und positiv bewerten könnte. Doch die reagiert auffällig skeptisch und ahnt mit Blick auf das Smartphone, dass sie vorgeführt werden könnte. Schließlich greift sie selbst zum Smartphone. Smartphone-Kameras als Schwert und Schild.

Frag mich was!

Mit einem „Frag mich was!“ eröffnet die Mutter ein enervierendes Kammerspiel, das sich im Überbietungsmodus Schicht um Schicht tiefer in zwei Biografien bohrt: „Hätt’ste jetzt nicht gedacht?“ Aaron konfrontiert seine Mutter mit Vorwürfen, dass sie ihn als Kind psychisch wie physisch aufs Übelste missbraucht habe. Jeder Konflikt sei von ihrer Seite mit Gewalt oder Verachtung „gelöst“ worden. Er, Aaron, sei damals doch noch „ein Kind“ gewesen und habe sich dagegen nicht wehren können.

Aaron und Susanne filmen sich aus unerfindlichen Gründen – vielleicht zur Sicherung von Beweismitteln – gegenseitig mit ihren Smartphones, was dem ebenso ambitionierten wie rücksichtslosen Hochschul-Abschlussfilm von Lukas Röder mit verwackelten und verpixelten Bildern eine Dosis Intensität und Authentizität verleihen soll, andererseits aber durch Splitscreens und eine bewegliche Kamera zugleich für Dynamik sorgt. Dem Zuschauer wird so die Möglichkeit eröffnet, im Verlauf der sich steigernden Auseinandersetzung Aktion und Reaktion in den Gesichtern und Körperhaltungen zu registrieren und Wirkungstreffer wahrzunehmen.

In deutlichem Gegensatz zu den dynamischen, aber auch unscharfen Bildern bewegen sich die detaillierte Verfügbarkeit und auch der druckreife Vortrag widersprüchlicher Erinnerungen. Die Bilder des Films mögen zwar schwanken, doch im Wortwechsel stehen sich Mutter und Sohn zumeist diszipliniert Rede und Antwort. Aaron macht den Anfang, rekapituliert das ungleiche Gewaltverhältnis zur Mutter, rechnet die Deformationen und Traumata seiner weiteren Biografie dagegen, fragt, warum er keine positiven Erinnerungen an seine Kindheit und überdies nie gelernt habe, wie Beziehungen geführt werden. Als Siebenjähriger sei er von einem älteren Jungen missbraucht und sexualisiert worden, habe Pornos geguckt und sich an anderen Kindern vergangen. Aber seine Eltern hätten dies ignoriert; sie hätten nicht geholfen und sich schuldig gemacht.

Die „normale“ Familie in Frage gestellt

Susanne weist Aarons Invektiven als „Gejammer“ zurück und bestreitet die Vorwürfe zunächst vehement. Was zu Dialogen wie „Nein!“ – „Doch, Mama!“ führt, wobei das „Mama“ immer etwas irritiert, weil damit von Aaron nachträglich eine nicht näher definierte Rolle eingefordert wird. Später beschimpft die Mutter ihren Sohn als „Monster“, das seine Mitschüler:innen drangsaliert und einem Mädchen den Arm gebrochen habe, weil dieses „normal“ gewesen sei: „Wir haben uns so geschämt!“

Je länger „Scham“ dauert, desto nachdrücklicher bestätigt der Film die Rede von der Kleinfamilie als „Terrorzusammenhang“, in den man Kraft, Geld und Liebe investiert, um Anerkennung und Liebe zurückzuerhalten. Zur Unschärfe des Films gehört, dass der Rest der Familie – der Vater sowie die Geschwister Astrid und Melchior – im Off verbleibt. Mehrfach droht das Gespräch abzureißen, mehrfach schafft der Film kurze Atempausen für die Zuschauer, wenn Aaron mit der Kamera die Umgebung seines Elternhauses erkundet.

„Scham“ dreht die Spirale der Gewaltverhältnisse noch weiter, wenn die Täterin Susanne sich ihrerseits als Opfer outet und tief in die Familiengeschichte eintaucht. Da warten dann ein gewalttätiger Vater, ein erpresserischer Reitlehrer und nicht zuletzt Aarons Vater, 24 Jahre älter als Susanne und sexbesessen.

Ihr Leben für die Kinder geopfert

Das Wort „sexbesessen“ lässt aufhorchen. Hatte nicht Aaron davon gesprochen, dass seinem Bruder Melchior im Elternhaus Sex strengstens untersagt wurde? Hat man es hier etwa mit unzuverlässigem Erzählen zu tun? Susanne schildert, dass ihr Leben bis zu Aarons Geburt ein Martyrium gewesen sei. Doch sie sei bei der Familie, bei den Kindern geblieben, habe ihr Leben für die Kinder geopfert und nichts zurückbekommen – „außer einen weiteren Perversen!“ Als Aaron mit dieser Erzählung von der intergenerationellen Weitergabe von Traumata konfrontiert wird, fragt er lapidar: „Warum hast du mir das nie erzählt?“

Das Lachen bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn Susanne antwortet: „Weil ich nicht an der Vergangenheit klebe! Weil ich nicht so weinerlich bin wie du!“ Als Aaron daraufhin wissen will, ob auf der Basis dieser Konfrontation vielleicht ein neues Mutter-Sohn-Verhältnis denkbar sei, rätselt man, mit welchen Absichten er die Reise nach Hause, in seine Kindheit, eigentlich angetreten hat.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSchamVon: Ulrich Kriest (27.1.2026)
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