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Filmkritik
In Kreuzberg gibt es seit 2022 einen Rio-Reiser-Platz. Er liegt an der Kreuzung Mariannenstraße und Oranienstraße, direkt gegenüber dem legendären Musikclub SO 36, der nach der früheren Postleitzahl des Kiezes benannt wurde. Wenn die Hausbesetzerszene in den 1970er-Jahren in dem Viertel Demos veranstaltete, ertönten aus den Boxen die Refrains der Lieder von Reisers Band „Ton Steine Scherben“: „Keine Macht für niemand“ oder „Das ist unser Haus“. Rio Reiser, dem Texter der Songs, der damit seine Gegenwart beschrieb und insbesondere Machtverhältnisse und Wohnungsnotstand ansprach, war das irgendwann allerdings nicht mehr geheuer: Er fühlte sich vereinnahmt. Doch bis heute durchweht sein Geist den Kiez zwischen dem „Kotti“, der Oranienstraße und dem Wrangelkiez.
Vor der Wiedervereinigung war das West-Berliner Arbeiterviertel Kreuzberg, das direkt an der Grenze zum Ostteil der Stadt lag und später oft als „Problembezirk“ tituliert wurde, das Zentrum von Protesten, Hausbesetzungen und teilweise auch Straßenschlachten mit der Polizei. Der Dokumentarfilm „Scherbenland“ von Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner lässt diese Zeit durch Archivbilder und Musik wiederauferstehen. Gleichzeitig porträtiert der Film aktuelle Musiker:innen, die in der (Protest-)Tradition Reisers und der „Scherben“ stehen. Heute ist der Bezirk zwar in einen gentrifizierten Teil, das frühere Kreuzberg 61, und die „berüchtigtere“ 36er-Gegend gespalten. Doch soziale Probleme bestehen nach wie vor.
Im Zeichen multikultureller Vibes
Aus dem Wrangelkiez stammt die Crew RapK, ein Trio junger Rapper, bestehend aus Victor, Tariq und Gustav. Sie kennen sich seit Kindheitstagen, erzählen von ihren Streichen als Jungen, wie sie durch die Viertel zogen, mit Holzwaffen spielten, Mercedes-Sterne von Autos schraubten oder später auf Dächern chillten. Ihre Väter stammen aus Frankreich, dem Sudan und Norwegen, und sie stehen ganz im Zeichen des multikulturellen Vibes ihres Viertels. Der Film zeigt sie in Cafés beim Abhängen und Diskutieren, bei Proben, Auftritten und mit befreundeten Künstlern.
Darunter ist auch die Liedermacherin Maike Rosa Vogel. Sie ist älter als die Musiker von RapK und stammt aus Frankfurt am Main. Doch schon als Kind besuchte sie in den 1980er-Jahren beide Hälften der geteilten Stadt Berlin. Musik war für sie ein Ventil, ihren Unmut und ihre Empörung über Konsumwahn, Immobilienspekulation und soziale Ungerechtigkeit zu artikulieren. Sie tritt meist mit der Gitarre in der Hand auf und singt auf den Spuren von Bob Dylan, Bettina Wegner oder Joan Baez unverblümt, aber auch poetisch von aktuellen Ungerechtigkeiten.
Ein blutjunger Rio Reiser
RapK und Vogel führen als musikalische Protagonist:innen durchs aktuelle Kreuzberg. Manchmal nehmen sie vor der Kamera explizit Bezug auf Rio Reiser. Den sieht man im Film in Archivaufnahmen blutjung, sehr schlank und stimmgewaltig in Auftritten mit seiner Band. Interviews aus den frühen 1970er-Jahren weisen ihn als meinungsstarken, aber auch reflektierten Künstler aus. Dann erlebt man ihn als etablierten Musiker, mit der charakteristischen Schiebermütze und barfuß, als Solo-Künstler bei Konzerten. Für Reiser-Fans sind das spannende und berührende Aufnahmen, und ein jüngeres Publikum lernt ihn dadurch als Künstler und Menschen kennen.
Dass die gesellschaftliche Bedeutung von RapK und Maike Rosa Vogel heute geringer zu sein scheint als die von Reiser Ende des 20. Jahrhunderts, liegt nicht nur an ihrer weniger am Rock orientierten Musik. Zwar kann RapK durchaus größere Massen auf Straßenkonzerten anziehen oder auch die Columbiahalle in Berlin-Tempelhof füllen. Doch soziale Massenbewegungen wie vor 40 Jahren gibt es heute kaum noch. Das Publikum der Rapper wirkt deutlich partyorientierter.
„Scherbenland“ arbeitet dennoch eine starke Kontinuität heraus: die der staatlichen Bekämpfung der Hausbesetzerszene. Lagen die Brennpunkte in den 1970er- und 1980er-Jahren noch in Kreuzberg, gerieten nach der Wiedervereinigung die Hotspots im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshain ins Visier von Senat und Polizei. Archivbilder zeigen, wie 1990 die Häuser in der Mainzer Straße gewaltsam geräumt wurden und wie zehn Jahre später Besetzer in der Rigaer Straße & Liebigstraße von Polizisten abgeführt werden. Dazu hört man den Originalton der damaligen lokalen Fernsehsender. Die Skepsis gegenüber der Szene ist dem rbb-Kommentar ebenso anzuhören wie die Überheblichkeit eines SFB-Reporters in den 1970er-Jahren, der sich vor einer Demo in Kreuzberg filmen ließ.
Außerhalb des kapitalistischen Systems
Einordnungen überlässt der Film dabei weitgehend dem Publikum, auch wenn die Sympathie der Macher gegenüber Menschen und Künstlern, die sich außerhalb des kapitalistischen Systems bewegen, immer durchschimmert. „Scherbenland“ wechselt zwischen Gestern und Heute und altem und neuem Berlin. Der Film verfügt über viele Archivbilder, zeigt aber auch Straßen und Panoramaaufnahmen des heutigen Kreuzbergs. In den Interviews mit RapK und Vogel erfährt man auch viel über soziale Realitäten einer immer weniger auf physische Möglichkeiten und familiäre Bedürfnisse ausgerichteten Arbeitswelt.
Aufenthalte der drei Rapper im Kiez werden mit ihrer Musik unterlegt und sind wie Videoclips gestaltet. Trotz aller Unterschiede zwischen dem damaligen und dem aktuellen Kreuzberg gibt es bezeichnende Parallelen. Auch den drei Rappern droht eine Zwangsräumung aus ihrer regulär gemieteten Wohnung. Damals wie heute lautet die Devise, der Spekulation auf dem Wohnungsmarkt zu widerstehen; der Mieter unter ihnen hat sich erfolgreich gegen eine Eigenbedarfskündigung zur Wehr gesetzt.
So bleibt sich das im Filmtitel beschworene „Scherbenland“ treu. Die Probleme, gegen die die „Scherben“ musikalisch ansangen, sind in dem Viertel bis heute präsent. Ob man das als Scherbenhaufen einer verfehlten Wohnungspolitik oder als Aufruf zur Gegenwehr interpretiert, sei dahingestellt. Am Mercedes-Stern stößt sich einer der jungen Rapper immer noch – diesmal funkelt er überlebensgroß aus dem Friedrichshainer „Uber“-Areal über die Spree nach Kreuzberg herüber.
