Vorstellungen
Filmkritik
Sechs Wochen zur Erholung in die Kinderkur, aufs Land, vielleicht sogar ans Meer, das klingt doch eigentlich ganz schön: draußen in der Natur sein, mit anderen Kindern spielen ... Filmemacherin Katrin Sikora interviewt für „Schwarze Häuser“, ihren Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, eine Frau, die sich erinnert, wie ihre Mutter sich freute, als sie einen der begehrten Plätze erhalten hatten. Es war, als hätten sie das große Los gezogen. Die Kinder im Alter von zwei bis vierzehn Jahren, denen von ihren Ärzten oder Ärztinnen ein schwacher, kränklicher Allgemeinzustand attestiert wurde, häufig Untergewicht, wurden „aufgepäppelt“, und die Eltern, die ihre Kinder oftmals unter schwierigen sozialen und finanziellen Bedingungen großziehen mussten, konnten ein paar Wochen lang durchatmen.
Das jedenfalls war das theoretische Konzept der Kinderkurheime, die von 1946 bis in die 1990er-Jahre hinein von Krankenkassen, Wohlfahrtsverbänden, aber auch Kommunen oder anderen staatlichen Stellen finanziert wurden. Die Kuren fanden ohne die Eltern statt. Besuche waren nicht eingeplant. Der Kontakt nach Hause reduzierte sich während des Aufenthalts im Wesentlichen auf Postkarten und Briefe.
Die Bettruhe war strikt einzuhalten
Sikoras Mutter war als Kind zusammen mit ihrem Bruder in einem dieser Heime. Nach über sechzig Jahren, so die Ausgangssituation von Sikoras Dokumentarfilmdebüt, erzählt sie an Weihnachten 2019 das erste Mal davon. Es sind keine schönen Erinnerungen, die sie an die Zeit im niedersächsischen Bad Rothenfelde hat. Sie weiß noch, dass sie einmal nachts ins Bett pinkelte, weil sie sich nicht traute, aufzustehen, um auf Toilette zu gehen. Die Bettruhe war strikt einzuhalten. Wer nicht gehorchte, bekam Ärger, vielleicht sogar Schläge.
Sikora beginnt zu recherchieren und merkt bald: Ihre Mutter war kein Einzelfall. Bis zu 13 Millionen Kinder wurden zwischen 1950 und 1990 bundesweit verschickt. Und viele dieser „Verschickungskinder“ erfuhren dort, wo sie sich hätten erholen sollen, psychische und physische Gewalt. Sie wurden sediert, fixiert, geschlagen, gedemütigt. Fürs Bettnässen wurden sie noch zusätzlich bestraft. Es kam zu Fällen von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch, auch illegale Medikamentenversuche sind belegt.
Das Thema ist freilich nicht neu. Die Kinder- und Jugendbuchautorin Sabine Ludwig hat bereits 2014 ein Kinderbuch dazu geschrieben, das Sikoras Dokumentation den Namen gibt: „Schwarze Häuser“. Die Protagonistin des Buchs hat mit ihren Eltern einen raffinierten Geheimcode verabredet: Fühlt sie sich wohl in der Kur, malt sie bunte Häuser auf ihre Postkarten und Briefe. Geht es ihr allerdings schlecht, bleiben die Häuser schwarz. Auch Ludwig hatte das mit ihren Eltern so verabredet. Aber obwohl sie nur schwarze Häuser gemalt habe, erzählt sie im Film, hätten ihre Eltern sie nicht abgeholt.
Einsatz für politische und historische Aufarbeitung
Sikora begleitet Ludwig zurück zu dem Kinderheim auf der Nordseeinsel Borkum, in das sie als Kind verschickt wurde, und zu einer Lesung für das Jugendensemble des Deutschen Theaters, das auf der Basis von Zeitzeugenberichten und Originalpost ein Bühnenstück entwickelt. Sikoras zentraler Protagonist aber ist Detlef Lichtrauter, der 2019 gemeinsam mit anderen Betroffenen eine Selbsthilfegruppe und schließlich den Verein „Initiative Verschickungskinder“ gründete und sich bis heute für eine politische und historische Aufarbeitung einsetzt. Im Film berichtet er von einem kleinen Jungen, der ihm damals im Verschickungsheim gegenübersaß und sein Essen herunterwürgte, weil er mit Gewalt „aufgepäppelt“ werden sollte, bis er sich schließlich auf seinen Teller erbrach; anschließend wurde er gezwungen, alles, auch das eigene Erbrochene aufzuessen. Auch Lichtrauter wird von der Kamera begleitet: zu Treffen mit anderen Betroffenen, zu Begehungen ehemaliger Verschickungshäuser, bei seinen Recherchen und Vorträgen.
Die in konventionellen Interviews festgehaltenen Erfahrungsberichte verwebt die Regisseurin mit Reportageformaten und ihrer persönlichen Familiengeschichte sowie mit Aufnahmen von den Proben des Jugendensembles, mit Archivbildern und gespenstischen Impressionen der leeren Flure eines verfallenen Kurheims zu einer ebenso berührenden wie aufwühlenden Dokumentation. Dass ihr Film nicht etwa ein abgeschlossenes historisches Kapitel beleuchtet, sondern Fragen aufwirft, die in die Gegenwart hineinreichen und auch für die Zukunft bedeutend bleiben, ist der Filmemacherin so wichtig, dass sie es in ihrem selbst eingelesenen Voice-Over-Kommentar mehrfach betont.
Wie konnte das alles passieren?
Dabei klingt sie mitunter derart beseelt von der Relevanz des eigenen Films, dass etwas mehr Distanz und weniger Rührseligkeit wünschenswert gewesen wäre. Die Fragen, die sie dem Publikum nicht nur vorbuchstabiert, sondern teilweise auch noch beantwortet, hätte sie vielleicht besser offen und so ihren Film für sich selbst sprechen lassen sollen. Wie konnte das alles passieren? Was hat das mit uns zu tun? Könnten Unterbesetzung, fehlende Kontrollen, unzureichende Ausbildung noch heute, etwa in Pflegeheimen, zu ähnlichen Vorfällen führen? Was können junge Eltern aus den Fehlern früherer Elterngenerationen lernen?
Einiges bleibt am Ende doch unbeantwortet. Fast am Schluss ihres Films berichtet Sikora noch von einem Erzieher, der sich erfolgreich über die Missstände beschwert und bewirkt hatte, dass die Leiterin des Kurheims entlassen wurde. Gab es noch mehr solcher Fälle? Gab es auch Kinder, die positive Erfahrungen machten, Kurheime, die vorbildlich geführt wurden? Wie veränderte sich die Situation über die Jahrzehnte hinweg? Wie war die Lage in der ehemaligen DDR im Vergleich zur BRD, auf die sich der Film fokussiert? „Schwarze Häuser“ wirft lediglich ein Schlaglicht auf einen Prozess der Aufarbeitung, der noch lange nicht abgeschlossen ist, und für den es, wie Lichtrauter zu Recht anmerkt, einer unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung bedarf.