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Schwesterherz

96 minDramaFSK 12
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Rose hat sich gerade von ihrer Freundin getrennt und zieht übergangs­weise zu ihrem älteren Bruder Sam. Eingespielt teilen die Geschwister die Rituale des Alltags und gemeinsame Zeit mit Freund:innen. Doch die enge Vertrautheit der beiden gerät ins Wanken, als eine Frau Sam beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Für Rose, die im Rahmen der Ermittlungen aussagen soll, beginnt ein innerer Kampf: Zwischen dem Wunsch, ihrem Bruder zu glauben, und der wachsenden Unsicherheit, was tatsächlich passiert ist. Während das Leben um sie herum scheinbar ganz normal weiterläuft, ringt Rose mit der bedingungslosen Liebe zu ihrem Bruder und der moralischen Frage nach Verantwortung.
Mit großem Feingefühl erzählt Sarah Miro Fischer in SCHWESTERHERZ von zwei Geschwistern, deren enge Beziehung durch einen ungeheuerlichen Verdacht erschüttert wird. Das vielschichtige, körperlich nuancierte Schauspiel von Marie Bloching und Anton Weil verleiht dem Liebes- und Gewissenskonflikt mit wenigen Worten präzisen emotionalen Ausdruck. Ein Film ohne einfache Antworten, der berührt und lange nachhallt! Das bewegendes Drama, das Weltpremiere auf der Berlinale feierte, wurde bei den First Steps Awards 2025 als Bester abendfüllender Spielfilm ausgezeichnet.

Als Rose (Marie Bloching) nach der Trennung von ihrer Freundin mitten in der Nacht aus der gemeinsamen Wohnung fliegt, muss sie nicht lange überlegen, wo sie einen Unterschlupf findet. Sie hat einen Schlüssel zu Samis Wohnung. Auf Zehenspitzen tappt sie ins Schlafzimmer ihres Bruders, legt sich ans Fußende seines Bettes und tauscht ein paar Worte mit ihm aus. Vorerst wird Rose bei Sami (Anton Weil) bleiben und auf der Wohnzimmercouch schlafen. Die Mutter fragt missbilligend nach, was denn genau ihr Plan sei. Der große Bruder übernimmt beschützend das Wort: „Ich find‘s schön, dass sie bei mir ist“.

Rose und Sami haben die Vertrautheit eines innig verbundenen Paares. Ihre Routinen sind eingespielt, sie müssen nicht viele Worte verlieren, um sich zu verständigen. Als er sie nach einem Badeausflug auf dem Rücken durchs hohe Gras trägt, und Rose ihren Kopf auf seine Schulter legt, wirken sie fast wie große Kinder. Ein schwebender, fast traumähnlicher Moment und zugleich das erste Anzeichen einer Irritation. Unter den Bildern liegt ein langgedehnter, tiefer, leicht abdämpfter Klang. Der Ton ist in „Schwesterherz“ einerseits Vorbote und atmosphärische Untermalung, andererseits Anzeichen einer selektiven Wahrnehmung. Als Sami eines Nachts eine Frau mit nach Hause bringt, nimmt Rose nur eine dumpfe Geräuschkulisse aus dem Nebenzimmer wahr. Stimmen, ein Stöhnen, ein Rumpeln. Laut und konturiert ist dagegen das Geräusch des tropfenden Wasserhahns.

Ein moralischer Konflikt

Für ihren Abschlussfilm an der Deutschen Film -und Fernsehakademie Berlin (dffb) wählt die Regisseurin Sarah Miro Fischer eine subjektive, ganz auf das Erleben von Rose konzentrierte Perspektive. Im Ton wie im Bild. Close-Ups in Verbindung mit geringer Tiefenschärfe schließen die Geschwister in einen gemeinsamen Raum ein. Das Gefühl von Nähe und Intimität kippt jedoch in Enge und Bedrängnis, als Sami der Vergewaltigung beschuldigt wird und Rose von der Polizei zur Zeugenvernehmung vorgeladen wird. Bei der Befragung spielt sich ein regelrechter Kampf in ihrem Gesicht ab. Rose beschützt ihren Bruder. Zugleich spricht aus jedem Zucken, aus jedem Blinzeln und ausweichenden Blick, aus jedem Wort, das die Alltäglichkeit der besagten Nacht bekräftigt, ein moralischer Konflikt.

„Schwesterherz“ nähert sich dem Komplex sexueller Gewalt abseits, aber dennoch in unmittelbarer Nähe zur Täter-Opfer-Konstellation und stellt, ähnlich wie in „Alles ist gut“ von Eva Trobisch einen bisher nur wenig beleuchteten Aspekt ins Zentrum: dass die Täter mehrheitlich eben nicht die monströsen Gestalten in der Dunkelheit, sondern ebenso im eigenen Umfeld zu finden sind. Indem der Film an Samis Schuld keinen Zweifel lässt, verlagert er das Drama in die Figur der haltlosen Schwester.

Die Verbindung der Vergewaltigung zu anderen Schauplätzen und Situationen verletzlicher (weiblicher) Körperlichkeit wirkt dabei etwas forciert. Rose arbeitet als Arzthelferin in einer gynäkologischen Praxis; abends besucht sie einen Aktzeichenkurs, wo sie einmal auch Modell steht und dabei fast die Fassung verliert. Sie sucht das Opfer in einem Kosmetikstudio auf und liefert sich in einem augenscheinlichen Akt der Selbstbestrafung einem Bikini-Waxing aus. Ihr eigenes Gewaltpotenzial testet sie bei einem One-Night-Stand aus.

Er ist der Körper, der spricht

Trotz dieser Unterstreichungen ist „Schwesterherz“ ein Film der Auslassungen und Lücken. Immer wieder trennt die Kamera von Selma von Pohlheim Gravesen die Protagonistin von ihrem Gegenüber und isoliert sie. Was unter der weggedimmten Geräuschkulisse verborgen war, arbeitet sich nachdrücklich an die Oberfläche. Nichts wird dabei verbal artikuliert. Es ist der Körper, der spricht. Die Sprache hingegen versagt kläglich. Auf einen langen Anlauf folgt nicht mehr als ein hilfloses Stammeln: „Es wäre doch viel einfacher … zusammenzu … so zu … zu reden oder sowas.“ Auf das Zusammen kann sich Rose letzten Endes nicht stützen. Sie muss ihren eigenen Weg finden, für sich.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSchwesterherzVon: Esther Buss (2.1.2026)
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