Vorstellungen
Filmkritik
Linda (Rachel McAdams) erlebt zum ersten Mal, dass ihre Fähigkeiten zählen. Auf der einsamen Insel sind nicht ihr Äußeres, ihr Charme und ihre Beziehungen von Bedeutung; es ist allein ihr Können, das sie und ihren Chef Bradley (Dylan O’Brien) am Leben erhält. Der aber will das nicht wirklich einsehen, obwohl Linda ihn vom Strand aufgekratzt, zum Unterstand geschleift und dort mit Wasser und Nahrung versorgt hat. Ein Flugzeugabsturz allein reicht offensichtlich nicht aus, um alteingesessene Hierarchien gänzlich zum Einsturz zu bringen.
Der Rest der sexistischen Führungsriege des Unternehmens, für das Linda arbeitet, ist in dem privaten Firmenjet zerschellt. Doch der Chef klammert sich weiterhin wie ein renitentes Kind an die Machtposition, von der auf der einsamen Tropeninsel nichts mehr geblieben ist. Linda hilft mit ihren eigenen Erziehungsmaßnahmen nach. So lässt sie den durch eine Beinverletzung bewegungsunfähigen Chef zwölf Stunden in der prallen Sonne gären, bis er fürs Erste die Deutungshoheit abgibt.
Erzwungene Runden der Selbstreflexion
„Send Help“ spielt diese Dynamik wieder und wieder durch. Der dazugehörige Film lässt sich dennoch nur unvollständig entlang dieser durchaus überkonstruierten Versuchsanordnung beschreiben. Die anfangs mit aller Überdeutlichkeit im Großraumbüro illustrierte Klassen- und Geschlechtshierarchie wird zwar nicht weniger deutlich (und blutig) überworfen, aber Regisseur Sam Raimi arbeitet nicht zielgerichtet auf die platte Pointe hin, die etwa „Triangle of Sadness“ ansteuerte.
Ganz entfällt sie freilich nicht. Das ehemalige Mauerblümchen aus der Abteilung für strategische Planung gibt sich, wenn sie nicht gerade Sushi-Menüs zaubert, exotische Möbel aus Palmen designt oder Flora und Fauna auf andere Art untertan macht, bald ebenso tyrannisch wie ihr Chef. Der kann trotz einiger erzwungener Runden an Selbstreflexion nicht vom Sexismus lassen. Mit einem katastrophenbedingten Führungswechsel ist die Malaise der spätkapitalistischen Gesellschaft keinesfalls aus der Welt.
Doch was Raimi am Überlebenskampf interessiert, ist eben nicht primär die Gegenwartsvermessung als Gerüst für die mannigfaltigen Arten, mit denen sich Chef und Survival-Expertin das Fell über die Ohren zu ziehen versuchen. Sein Metier ist der Horror, und eben dahin führt der Regisseur das Drehbuch von Damian Shannon und Mark Swift. Jeder Streit, jedes Zerwürfnis zwischen den Gestrandeten, die sich, so sehr sie es eigentlich sollten, nie freundschaftlich oder gar romantisch annähern, ist hier eine Chance, eine kleine fiese, groteske oder komische Idee umzusetzen.
Eine enthemmte Energie
So wird die aufgestaute Wut beim Jagdausflug an einem monströsen Eber ausgelassen, der sich durchbohren und enthaupten lassen muss. Oder, ein wenig pointierter: Der Chef wird zwar wiederbelebt, aber nicht, ohne dass die von Beeren vergiftete Linda sich dabei unaufhörlich auf sein Gesicht übergibt. Das ist ebenso wenig subtil wie der satirische Überbau, spielt aber deutlich die Stärken Raimis aus. Der tief im Horror/Splatter und Humor verwurzelte Filmemacher versteht sich auch nach einigen Dekaden im Filmgeschäft weiterhin darauf, der satirischen Robinsonade eine ungeahnt enthemmte Energie einzuimpfen.
Selbst im Großraumbüro entfaltet sich die stereotypisch herablassende Dynamik zwischen der fleißigen, aber links liegen gelassenen Mitarbeiterin und dem ahnungslosen, schlicht in den Job hineingeborenen Chef nicht entlang fader Dialoge. Stattdessen wird sie mit einem fast comichaft anmutenden Crash-Zoom auf die Essensreste in Lindas Gesicht zementiert.
Rachel McAdams und Dylan O’Brien schaffen es recht souverän, ihre Figuren aus dem Modell-Typus-Dasein zu befreien. Was die auf der Insel immer neue Zyklen durchlaufende Beziehung aber spannend und unberechenbar macht, ist der Wille, über die Stränge zu schlagen. Passgenaue Schnitte schlagen mit bizarrstem Humor Brücken zwischen der Dschungel- und der Geschäftsrealität, und Lindas Albträume zerren den Film aus dem Ruder. Ein nicht enden wollender Fluss von Körperflüssigkeiten gibt dem, was ein spröder Versuchsaufbau einer Gesellschaftsdiagnose sein könnte, eine ungeahnt fiese und fantasievolle Genrefilm-Schlagseite.









