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Von Scham und Geld

129 minDramaFSK 12
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Hatixhe und Shaban bewirtschaften einen kleinen Hof im ländlichen Kosovo. Sie haben drei Töchter und leben in einer Großfamilie. Durch den Verrat des Bruders verlieren sie über Nacht ihre Existenzgrundlage. Es bleibt nur der Weg in die Hauptstadt. In Pristina nimmt Hatixhes wohlhabende Schwester die Familie auf. Was wie Hilfe aussieht, entpuppt sich als stille Demütigung. "Alles hat seinen Platz, auch jeder Mensch", erklärt der reiche Schwager. Mag sein, aber um den zu finden, brauchen Hatixhe und Shaban erstmal einen Vorschuss — für die drückenden Schuhe der Tochter, für die Medikamente der Mutter, die sie sonst halbieren muss. Erst dann beginnt die Suche nach diesem Platz: im Nachtclub, den sie putzen und dafür kaum bezahlt werden; auf dem Arbeiterstrich, wo sich Shaban als Tagelöhner anbietet; in der Pflege des Schwiegervaters, der langsam vor sich hin stirbt. Leicht zu finden ist dieser Platz nicht. Vielleicht als Sicherheitsmann einer Gated Community?
VON SCHAM UND GELD zeigt, dass in einer Welt, in der Geld die Macht bestimmt, das Menschsein zum teuersten Gut wird.

Mit aller Kraft hämmert Shaban (Astrit Kabashi) Zaunpflöcke in die Erde. Eine ganze Lastwagenladung schwerer Säcke mit Mastfutter schleppt er auf seinem Rücken in die Scheune. Zwischendrin macht er mit seiner Frau Hatixhe (Flonja Kodheli), die im Kuhstall arbeitet, Käse. Der Schweiß rinnt ihm über Gesicht und Rücken und durchnässt sein Hemd. Shaban arbeitet zügig, fast gehetzt, als würde jemand neben ihm mit der Peitsche stehen. Der kleine, im ländlichen Kosovo gelegene Hof wirft gerade so viel ab, um die Großfamilie durchzubringen, das Geld reicht kaum für die Medikamente der verwitweten Mutter.

Still nagt die Scham

Shabans Körper, seine Arbeitskraft, ist sein einziges Kapital – abgesehen von den Kühen. Doch die sind plötzlich weg. Der jüngere Bruder, das schwarze Schaf der Familie, hat sie hinter ihrem Rücken verkauft und ist mit dem Geld davon. „Von Scham und Geld“ nennt sich der neue Film des deutsch-kosovarischen Filmemachers Visar Morina ohne Umschweife. Doch während über Geld von der ersten Szene an ständig gesprochen wird, während Geld auch ständig im Bild zu sehen ist, liegt das Wesen der Scham eben darin, sich nicht unmittelbar äußern zu können. Still nagt die Scham am Wert des Menschen und zersetzt ihn von innen.

Durch den Diebstahl um ihre Existenzgrundlage gebracht, bleibt der Familie nur der Weg in die Stadt Pristina. Hatixhes wohlhabende Schwester Adelina (Fiona Gllavica) vermittelt ihnen eine kleine Wohnung. Doch schon bei der Übergabe beginnen die Demütigungen. Der Vermieter verlangt eine Kaution, Alban, der Schwager (Alban Ukaj), zieht ungefragt ein Bündel Geldscheine aus seiner Tasche. Worauf Shabans Mutter (Kumrije Hoxha) stolz interveniert und eine Goldmünze aus dem Familienbesitz als Pfand hinterlässt.

Shaban und Hatixhe beginnen drei Tage die Woche als Putzkraft in Albans Club zu arbeiten. Jede Bitte um einen Vorschuss oder weitere Arbeitsmöglichkeiten gerät zu einem Akt der Herabwürdigung. Mehrfach wimmelt Alban Shaban mit einer unwirschen Handbewegung ab und fordert seinen „CV“. Der Landwirt Shaban traut sich natürlich nicht, nachzufragen, was das überhaupt ist: ein CV. Hatixhe wiederum schlittert in die Rolle einer unbezahlten Pflegekraft für Adelinas schwerkranken Schwiegervater. Als die Familie aus ihrer Wohnung geworfen wird, geht noch der letzte Teil ihrer Selbstständigkeit verloren. Vorerst kommt sie in einem kellerartigen Provisorium unter. Visar Morina inszeniert den nächtlichen Gang zur Toilette fast wie eine Thriller-Szene. Die Taschenlampe wirft Schatten auf die Wände eines Gangs, erst nach einer Weile wird klar, dass sie in Albans schickem Haus herumtappen. Das neue Quartier ist ein auf dem Grundstück gelegener Schuppen, von außen sieht er aus wie ein modernes Apartment, innen ist es dunkel, die Matratzen liegen neben Regalen auf Holzpaletten.

Die ökonomische Logik beherrscht nahezu jede Beziehung

„Von Scham und Geld“ ist ein beklemmend spannungsgeladenes Lehr- und Passionsstück über den Wert des Menschen. Geradezu seriell reiht der Film Szenen aneinander, die vorführen, wie nahezu jede menschliche Beziehung von der ökonomischen Logik beherrscht wird. In sozial ungleichen Verhältnissen kann sich Großzügigkeit eigentlich kaum artikulieren, ohne das Gegenüber zu beschämen. Aber es ist auch die Verinnerlichung der Hierarchie, die die Ordnung intakt hält. Vermeintlich gut gemeinte Hilfe zeigt sich als gönnerhaft, egal ob Adelina ihrer Schwester ein Geschenk macht oder Alban bezahlte Gartenarbeit anbietet. „Alles hat seinen Platz. Auch der Mensch“, belehrt Alban einmal. Als Shaban sich auf dem sogenannten Arbeiterstrich anbietet, fürchtet der Schwager um seinen guten Ruf. „Sich zu schämen ist ein Luxus“, meint Hatixhe darauf angesprochen zu ihrer Schwester. 

Die Kapitalisierung der Gesellschaft schreibt sich im Film auch tief in die Topografie hinein. Wenn Shaban und Hatixhe mit ihren schweren Einkäufen nach Hause gehen, durchqueren sie gewissermaßen die Klassengesellschaft. An vielbefahrenen Straßen entlang führt der Weg auf einen Hügel zu den nobleren, umzäunten Vierteln. Unten in der Stadt verlaufen die Trennlinien chaotischer. Einmal senkt sich die Kamera von einem in Bauarbeiten befindlichen modernen Apartmentblock über einen Bretterzaun auf den Boden. Fast geisterhaft zieht sie an den wartenden Tagelöhnern vorbei, bis sie mit einem Blick nach oben auf einer Statue von Bill Clinton endet.

In der Umklammerung von Systemen

Der Film setzt Blickökonomien wirkungsvoll in Szene, folgt dem stillen Erdulden wie der physischen Bewegung. Die Kamera ist eng an den Körpern, oft folgt sie Shabans schweißdurchtränktem Rücken, beißt sich regelrecht an seinem Nacken fest. Die Figuren sind in der Umklammerung von Systemen, ihr Handlungsspielraum ist auf ein Minimum beschränkt. In der Umklammerung ist aber auch der Film, der jenseits seiner Deklinationsform Scham und Geld wenig Raum lässt. Spürbar steuert er auf eine zumindest potenzielle Eskalation zu.

Während Hatixhe versucht, zwischen den verschiedenen Positionen und Ansprüchen zu vermitteln und die Familie zusammenzuhalten, wird Shaban immer stiller und betäubter. Er fühle sich, als würde er gar nicht existieren, sagt er einmal. Dass er am Ende einen besser bezahlten Job als Wachmann einer Gated Community antritt, ist eine bittere Pointe. Seine Aufgabe sei folgende: „arme Schlucker wie uns fernhalten.“

Veröffentlicht auf filmdienst.deVon Scham und GeldVon: Esther Buss (16.9.2026)
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