Vorstellungen
Filmkritik
Vor einigen Jahren gab es eine kleine Welle von Filmen, die davon erzählen, welch wunderbare Effekte sich erzielen lassen, wenn sozial und kulturell marginalisierte Menschen mit der Wunderwelt der Kreativität konfrontiert werden. Und dann im Chor, auf dem Theater, beim Tanz oder in der Musik plötzlich erfahren, welch unerhörtes Potenzial ihnen zu eigen ist, von dem zu träumen sie nie gewagt oder gewusst hätten. Es waren dokumentarische Filme wie „Rhythm is it“ oder „Tanzträume“ sowie im fiktionalen Bereich etwa „Der Chor - Stimmen des Herzens“, die im Geist einer ziemlich alten Schule der Kultur einen Kranz zu flechten wussten.
Zur Begegnung mit der Kunst zwingen
Wenn man so will, greift „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ von Nicolas Steiner dieses Konzept noch einmal auf, allerdings gleichsam ins Subversiv-Ironische gewendet. In seiner gleichermaßen von Kafka und dem Absurden Theater inspirierten Dystopie ist es das „Amt für Ruhe und Ordnung“, das auf die Idee kommt, besonders schwierige Sozialfälle zur Begegnung mit der Kunst zu zwingen. Die Behörde geht davon aus, dass jemand, der beim Malen einer Blumenwiese in Tränen ausbricht, als geheilt gilt und nicht mehr länger das Straßenbild ruiniert. Vielleicht lassen sich Menschen so zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft machen. Wobei der Film mit seiner äußerst forcierten Schwarz-weiß-Gestaltung und der Vorliebe für Brutalismus seinerseits es fast auszuschließen scheint, dass es irgendwo eine Blumenwiese gibt, die sich zu malen lohnt.
Jedenfalls sind Gesangs-, Malerei- und Schauspielkurse äußerst nachgefragt, während für den Schreibkurs nur eine Anmeldung vorliegt, nämlich die von Hugo Drowak (Karl Markovics). Der passionierte Alkoholiker und Misanthrop erklärt einmal recht schlüssig, dass sein größtes Glück auf Erden auf zwei Dingen basiere: die Anwesenheit von Alkohol und die Abwesenheit von Menschen. Markovics spielt diesen stets beleidigten Menschenfeind mit Hingabe. Seine Wohnung hat er mit Leergut in ein fragiles Kunstwerk verwandelt. Zudem versteht er es, die Exekutive mit Urinbomben und Aschenregen auf Distanz zu halten. In diese Idylle des Delirium tremens dringt nun die kecke Sozialarbeiterin Lena Jacobi (Luna Wedler), die Germanistik, Soziologie und Puppenspiel studiert hat und sich als geeigneter Schreibcoach von Hugo Drowak verdingt.
Ein Coup mit Schreibmaschine
Drowak spürt instinktiv, dass sich hinter der Fassade der stets gut gelaunten Frau ein Geheimnis verbirgt, das reichlich Möglichkeiten für verletzende Invektiven bietet. Trotzdem gelingt der Coup. Mit Hilfe einer alten Schreibmaschine verwandelt sich der Alkoholiker recht unvermittelt in einen erstaunlich produktiven Schriftsteller, der seine Traumata aus dem Keller aufs Papier tippt. Was dem Film wiederum zu einigen farbigen Erinnerungssequenzen verhilft.
Im Pressematerial erzählt Regisseur Nicolas Steiner davon, dass er unmittelbar vor der Beschäftigung mit dem Stoff noch einmal „Barfly“ von Barbet Schroeder gesehen habe, was seinem Film auf die Sprünge geholfen habe. Die Beziehung zwischen Hugo und Lena variiert folglich ein anderes Erfolgsmodell des Kinos der letzten Jahre: die Edel-Schnulze „Ziemlich beste Freunde“. Die wenigen Freiräume, die zwischen den Grundpfeilern von „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ offenbleiben, werden mit allerlei Einfällen wie albanischen oder finnischen Vokabeln verputzt.
Zudem ist da der von Lars Eidinger gespielte, zwischen Übergriffigkeit und Traumverlorenheit changierende Amtsleiter, der die dramaturgische Unschärfe seiner Figur für eine Reihe von Kabinettstücken nutzt, wenngleich diese dramaturgisch im eitel Ornamentalen verbleiben. Dazu gehören auch der Aufzug mit der viel zu kleinen Tür im Eingangsbereich des Amtes, der der Abschreckung dient, und ein Treppenhaus, dessen Besteigung Reinhold Messner Respekt abgenötigt hätte. Hinzu kommen auch die drei maskierten Eishockeyspieler, die wiederholt ziemlich aggressiv durchs Bild gleiten, ein Auto, das beim Blick aus dem Fenster vom Dach ins Haus gegenüberstürzt, und die Wuppertaler Schwebebahn, die einsam ihre Runde zieht. Schließlich sitzt auch noch ein einsames Kind auf einer Bank, das sich erst mit Hugo anfreundet und schließlich, weil so unschuldig wie altklug Pablo Neruda zitierend, von Lena als Licht am Ende des Tunnels betreut wird.
Ein Feuerwerk abgründiger Poesie
„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ ist ein Feuerwerk abgründiger Poesie, bis zum Rand gefüllt mit Menschenhass und Lebensfreude. Hier wird, ungewöhnlich genug, gesoffen, geraucht, gefressen und gestunken, wie man es lange nicht mehr gesehen hat. Für etwas Vergleichbares muss man bis zu den stark verschwitzten, ungelüfteten Folgen zurückgehen, die der Tscheche Zbynek Brynych einst für die Fernsehserie „Der Kommissar“ gedreht hat.
Als wäre dies alles nicht schon zu viel, gibt es zum absurden Horror-Ratten-Müllabfuhr-Finale auch noch grandiose Filmmusik, die Christian Zehnders einschlägige Mischung aus Jodeln und Obertongesang mit Tribal Drumming kombiniert. „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ ist eine Wundertüte voller disparater Einfälle, die derart großzügig wie undiszipliniert kombiniert sind, als stehe zu fürchten, es werde kein zweites Mal geben.










