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Silence Breakers

92 minDokumentarfilmFSK 12
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Szenebild von Silence Breakers 1
Die NGO "Breaking the Silence" - kurz BtS - besteht aus ehemaligen israelischen Soldaten und Soldatinnen, die durch das Sammeln persönlicher Erinnerungsberichte auf den militärischen Alltag und den Umgang mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten aufmerksam machen wollen. Die Regisseurin Silvina Landsmann ermöglicht mit ihrem Film einen Blick hinter die Kulissen einer umstrittenen Gruppierung mit einem kontrovers diskutierten Ansatz inmitten eines über 70 Jahre schwelenden Konflikts.
  • Veröffentlichung24.03.2022
  • Silvina Landsmann

Es gibt viele Menschen, die mit der israelischen Politik in den besetzten palästinensischen Gebieten oder gegenüber dem Gaza-Streifen nicht einverstanden sind. Auch in Israel. Zu ihnen zählen etwa die Aktivisten der 2004 gegründeten Organisation „Breaking the Silence“ (BtS). Das Besondere an dieser Gruppierung ist der Umstand, dass ihre Mitglieder vorwiegend ehemalige oder noch aktive Mitglieder der israelischen Armee sind. Viele von ihnen bezichtigen sich selbst, dass sie als Armeeangehörige an Schikanen oder Misshandlungen gegenüber Palästinensern teilgenommen haben. Neben ihren eigenen Erlebnissen veröffentlichen sie aber auch Erfahrungsberichte aktiver Soldaten, deren Identität geheim gehalten wird. Zugleich betonen die BtS-Aktivisten aber stets, dass sich ihre Arbeit nicht gegen die Armee oder den Staat Israel, sondern lediglich gegen die ihrer Überzeugung nach unrechtmäßige Okkupation palästinensischer Gebiete und die mit ihr verbundenen Menschenrechtverletzungen richte.

Beschimpft, bespuckt und schikaniert

Der Dokumentarfilm „Silence Breakers“ von Silvina Landsmann verfolgt die Aktivitäten der Organisation über einen längeren Zeitraum. So ist die Kamera etwa bei von BtS organisierten Besichtigungstouren für Interessierte durch die geteilte Stadt Hebron oder in ländlichen Gebieten, aber auch bei öffentlichen BtS-Vorträgen mit dabei. Schon in den ersten Bildern wird deutlich, dass die Arbeit der Gruppe meist auf massiven Widerstand stößt. In Hebron wird die Gruppe von israelischen Siedlern als Vaterlandsverräter beschimpft, die palästinensischen Terroristen in die Hände spiele. Die Besucher werden mitunter sogar körperlich angegangen, ohne dass israelische Soldaten, die danebenstehen, einschreiten würden. Bei Diskussionsveranstaltungen oder abendlichen Flugblatt-Aktionen in Tel Aviv oder Jerusalem ergeht es den BtS-Vertretern nicht viel anders.

Auch von jungen Menschen wird immer wieder der Vorwurf laut, dass die Organisation die Sicherheit Israels gefährde; die Aktivisten müssen sich sogar fragen lassen, ob sie aus dem Holocaust nichts gelernt hätten. Ähnlich massiv sind die Angriffe orthodoxer Abgeordneter in der Knesset, wo es zu einer hitzigen Diskussion kommt.

Neben den öffentlichen Auftritten von BtS-Mitgliedern beobachtet der Film auch immer wieder Szenen, die sich im Büro der Organisation abspielen, wo die nächsten Aktionen besprechen oder Videos von Informanten gesichtet werden.

Auch die Gegenseite ist präsent

Die Sympathie der Regisseurin Silvina Landsmann für die Arbeit von „Breaking the Silence“ ist unverkennbar. Dennoch sorgen die vielen Diskussionen auch dafür, dass Gegenargumente durchaus Gehör finden. Aus manchen Beiträgen der BtS-Gegner spricht nicht nur Ignoranz, sondern bisweilen schlichte Angst. Die immer wieder vorgebrachte Kritik, die Berichte über Verfehlungen der Armee seien nicht überprüfbar, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Die bewegliche Handkamera vermittelt durchweg den Eindruck der Unmittelbarkeit, so als befände man sich als Zuschauer mitten im Geschehen. Das verleiht dem Film fraglos eine ungeheure Dynamik, doch bisweilen hätte man sich auch ein paar Pausen für Erklärungen gewünscht. Da die Filmemacherin zu Beginn lediglich zwei spärliche Info-Tafeln aufbietet, sich aber jeden Kommentars enthält und auch keine externen Experten anführt, die die Vorgänge einordnen könnten, fühlt man sich immer mal wieder verloren, wenn man den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht im Detail präsent hat. Ein paar Informationen, wann es zu welcher Okkupation gekommen ist und wer derzeit welche Gebiete betreten beziehungsweise nicht betreten oder als Palästinenser nicht verlassen darf, wären durchaus hilfreich gewesen.

Ein Sieg vor Gericht

Am Ende von „Silence Breakers“, der einen herausfordernden Blick in die tief gespaltene israelische Gesellschaft wirft, steht nicht von ungefähr ein Prozess, in dem die Staatsanwaltschaft die BtS-Organisation zwingen wollte, die Identität ihrer Informanten preiszugeben und eine Reihe ihrer Aktivitäten zu unterlassen. Das Verfahren vor dem obersten israelischen Gericht endet mit einem Freispruch in allen Punkten. Ein Sieg des Rechtsstaates, der dem Anliegen von „Breaking the Silence“ immer wieder legitimen Raum verschafft.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSilence BreakersVon: Reinhard Lüke (23.3.2022)
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