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Truly Naked

102 minDramaFSK 16
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Alec (Caolán O’Gorman), ein sanftmütiger und introvertierter Teenager, hat das Leben stets durch die Brille der Pornofilmproduktion betrachtet, die er gemeinsam mit seinem Vater Dylan (Andrew Howard) von zu Hause aus betreibt. Er dreht und schneidet die Filme, in denen sein Vater die Hauptrolle spielt. Als die beiden aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage von London in eine verschlafene Küstenstadt ziehen, hofft Alec auf einen Neuanfang und versucht, Freunde zu finden, ohne seinen unkonventionellen Lebensalltag preiszugeben. Alles ändert sich, als er bei einem Schulprojekt die unabhängige Nina (Safiya Benaddi) kennenlernt, die ihm einen neuen Blickwinkel auf die Welt vermittelt. Je enger das Band zwischen ihnen wird, desto mehr erfährt Alec eine Nähe und Verletzlichkeit, die es vor der Kamera nicht gibt – und begreift allmählich, was es eigentlich bedeutet, wirklich nackt zu sein und gesehen zu werden.

Der schüchterne Alec (Caolán O’Gorman) geht zwar noch zur Schule, arbeitet zugleich aber schon im Unternehmen seines alleinerziehenden Vaters Dylan (Andrew Howard). Weil das Geschäft nicht mehr so gut wie früher läuft, wird es in einem Zimmer des typisch englischen Backsteinhauses der Familie abgewickelt. Dass es sich bei der Arbeit um selbst gedrehte Pornos handelt, bei denen Dylan Regisseur und Hauptdarsteller ist, während sein minderjähriger Sohn hinter der Kamera steht, soll, zumindest wenn es nach Alec geht, lieber ein Familiengeheimnis bleiben.

Das Regiedebüt von Muriel d’Ansembourg lässt auf diese Ausgangssituation zwei Zufälle folgen, mit denen umgehend ihre Absichten offenbart werden. Als in Alecs Schule Internetsucht auf dem Lehrplan steht, meldet sich der Junge als heimlicher Experte für das Thema Online-Pornos. Wie es das Schicksal zudem will, bekommt Alec für das Projekt keinen Jungen an die Seite gestellt, sondern die punkige und selbstbewusste Nina (Safiya Benaddi), die sich als Feministin versteht und das genaue Gegenteil von jenen stets willigen weiblichen Fantasiegebilden ist, auf die Alec sonst seine Kamera richtet.

Zärtlichkeit und Intimität

„Truly Naked“ heißt d’Ansembourgs Film und meint mit seinem Titel nicht die körperliche Nacktheit, der Alec ohnehin ständig ausgesetzt ist, sondern Zärtlichkeit und Intimität. Wie wenig Gespür der Protagonist für letzteres hat, zeichnet sich ab, als sich die beiden Jugendlichen langsam näherkommen. Die gegenseitige Sympathie ist offensichtlich, aber der erste Sex wird zur Katastrophe. Alec will nur möglichst schnell Druck ablassen, kann seinem Gegenüber nicht in die Augen schauen und lässt sich schließlich zu einer Dominanzgeste hinreißen, die zwar in Pornos gang und gäbe ist, bei einer tastenden Annäherung wie dieser aber mehr als nur deplatziert wirkt.

Der Junge hat es nun mal nicht anders gelernt, zeigt uns der Film. Dylan ist zwar gelegentlich wohlmeinend, aber mehr Geschäftsmann als liebevoller Vater und ganz sicher kein Experte für das, was Frauen wollen. Ausführlich widmet sich „Truly Naked“ einem Fotoshooting, bei dem Alec seinem Modell möglichst abstruse Anweisungen gibt, die auf den Wünschen von Fans basieren. Lizzie (Alessa Savage), die Filmpartnerin seines Vaters, räkelt sich dabei professionell auf dem Bett. Ihr ist klar, dass sie nur männliche Fantasien verkörpert, sieht die selbstbewusste Ausführung ihres Jobs aber auch als Akt weiblicher Selbstermächtigung. Dass hier Fantasien verkauft werden, wird auch deutlich, wenn Alec auf den Promo-Fotos großzügig den Hüftspeck seines Vaters wegretuschiert.

Der Dreh muss abgebrochen werden

Zum regelrechten Desaster wird dagegen der Dreh mit einer jungen Darstellerin, die sich wegen Geldsorgen vor die Kamera wagt. Während Dylan harten, schweißtreibenden Sex in Szene setzen will und dabei die Penetration als einzige Attraktion sieht, will seine unerfahrene Partnerin behutsam gestreichelt werden. „Truly Naked“ führt vor Augen, wie sexuelle Träume und die Wirklichkeit partout nicht zueinanderfinden wollen. Der Dreh muss schließlich abgebrochen werden.

Nicht nur in dieser Szene wird überdeutlich, dass „Truly Naked“ nur bedingt eine Coming-of-Age-Geschichte erzählen oder über jugendliche Sexualität im Internetzeitalter nachdenken will, sondern in erster Linie einem pädagogischen Auftrag folgt. Die Hausaufgabe über Pornosucht, zu der Alec und Nina verdonnert werden, gilt in Wahrheit dem Zuschauer. Die Entfremdung junger Männer von realer Sexualität und weiblichem Begehren gerinnt dabei meist zu einem eindimensionalen Szenario, in der Handlung und Figuren darauf reduziert werden, die etwas oberflächlich bleibende Porno-Skepsis des Films zu veranschaulichen.

Das Patriarchat ist eben an allem schuld

Die charmante Chemie, die gelegentlich zwischen den beiden jungen Hauptdarstellern entsteht, wird meist durch ungelenke Dialoge oder überdeutliche Metaphern sabotiert. Zu Beginn etwa zeigt Alec Nina an der Felsenküste seine „Man Cave“, in die er sich zurückzieht, um alleine zu sein. Später, als der Junge dann offener und sensibler wird, lässt Nina ihn schließlich in ihre ähnlich beschaffene „Woman Cave“ in der Nähe. Auch als Nina und die aus völlig anderen sozialen Verhältnissen stammende Lizzie einmal aufeinandertreffen, beginnt es vielversprechend. Man tauscht sich über weibliche Sexualität und männliche Fantasien aus, doch als es beginnt, interessant zu werden, endet die Diskussion plötzlich mit der ernüchternden Erkenntnis, dass eben das Patriarchat an allem schuld sei.

Veröffentlicht auf filmdienst.deTruly NakedVon: Michael Kienzl (20.3.2026)
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