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Sirens Call

121 minDokumentarfilm
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Szenebild von Sirens Call 1
Eine Sirene in einem menschlichen Körper nomadisiert durch die postmoderne Realität eines austrocknenden Planeten während sie Überleben, Identität und Zugehörigkeit auslotet. Teils Sci-Fi, teils Dokumentarfilm, taucht das hybride Debüt in die Merfolk-Subkultur zwischen Selbsterhaltung und politischem Aktivismus ein.

Auf einem Globus aus dem frühen 16. Jahrhundert, einem der ältesten seiner Art, findet sich über einer in Europa damals kaum bekannten asiatischen Region der Schriftzug „Hic sunt dracones“ – „Hier sind Drachen“. Ein später sprichwörtlich gewordener Hinweis auf die Schrecken, möglicherweise aber auch auf die Verlockungen, die jenseits der Grenzen des eigenen Horizonts auf einen warten. In „Sirens Call“ von Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann taucht im Vorspann ebenfalls historisches Kartenmaterial auf, das Fabelwesen in der Nähe Südamerikas verortet: Geschöpfe, deren menschliche Oberkörper sich in Fischschwänze fortsetzen.

Außerdem zeigt der Vorspann historische Zeichnungen und Gemälde, die dieselben Wesen darstellen – aber auch blau behandschuhte Finger, die einen modernen Touchscreen bearbeiten, sowie eine glitschige, grünlich illuminierte Schwanzflosse, die von einem roten Laserlicht abgetastet wird. Alles fließt ineinander: Historiografie und Science-Fiction, moderne Wissenschaft und Mythologie, analoge und digitale Bilder. „Ich verstehe mich als ein Hybrid“, lautet dementsprechend auch einer der ersten Sätze, der im Film gesprochen wird.

Den Menschen ähnlich

Er stammt von Una (Gina Rønning), einem Mischwesen, wie sie selbst sagt, äußerlich den Menschen ähnlich und doch nicht ganz ein Mensch. Da ist noch etwas Anderes in ihr, etwas Älteres, das aus der Zeit stammt, als das, was heute Erde ist, noch vom Wasser bedeckt war. Die deutsche Bezeichnung „Meerjungfrau“ passt gleichwohl nicht auf Una, weil das Wort zu sehr das Geschlechtliche betont und außerdem einen arg altertümlichen Einschlag besitzt. Passender ist das englische „Merfolk“, für das es keine deutsche Entsprechung gibt. Merfolk meint eine Gemeinschaft von Wasserwesen; eine Gemeinschaft, zu der man sich, wie „Sirens Call“ zeigt, auch in unserer Gegenwart bekennen kann.

Zunächst gibt es jedoch keine Gemeinschaft, sondern nur Una, die Eine, eine Vereinzelte in einem großen Land, den USA. Una ist zunächst auch mehr Stimme als Körper und bewegt sich durch urbane Räume, die etwas Unwirkliches an sich haben. Die Hybride der Moderne: Hochhäuser über den Bäumen des New Yorker Central Parks, ein lockendes Ozeanpanorama, das sich nur virtuell, via Headset, erkunden lässt. Wenn Una doch einmal ins Bild tritt, trägt sie eine eindrucksvolle blonde Haartracht, die sich allerdings bald als Perücke erweist.

Lange hält es den Film nicht in der Stadt. Gemeinsam mit Una zieht es ihn in ein anderes Amerika. Zunächst geht es in den Südosten, nach Florida: verschlafene Vorortstraßen, schwüle Hitze, Spanisches Moos, das von den Bäumen hängt, Konföderierten-Fahnen, Berichte über Homo- und Transphobie aus dem Autoradio, ein Schriftzug: „Please God, no more Democrats“. Una versucht, Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen. Größtenteils vergeblich. Bis sie auf Moth (Moth Rønning-Bötel) trifft, eine junge Frau in dunkler Kleidung.

Das Meerwesen und die Motte

Auch Moth ist eine Außenseiterin, auch sie fühlt sich nicht heimisch in dem Land, in dem sie lebt. Im Unterschied zu Una zieht sie pragmatische und politische Schlüsse aus ihrer Außenseiterschaft. Sie sucht nicht mehr Anschluss an die Mainstreamgesellschaft, sondern sieht sich vielmehr als – vorläufig noch vereinzeltes – Teil einer Gegenwelt der Ausgeschlossenen. Mit der Begegnung von Moth und Una erweitert sich der vielgestaltige Film „Sirens Call“ zum Außenseiterporträt, und neben den kulturhistorischen Essayfilm gesellt sich ein politisches Road Movie.

Florida ist auf Dauer nichts für die beiden. Sie machen sich auf den Weg, einmal quer durchs Land, in den pazifischen Nordwesten. Wenn irgendwo in den USA noch Drachen hausen, dann hier, unter hohen, grünen Bäumen, an wilden Küsten, hinter Wasserfällen. Tatsächlich erweitert sich „Sirens Call“ in den Wäldern des Staates Washington ein weiteres Mal: zu einem Dokumentarfilm. Una trifft auf Gleichgesinnte, auf weiteres Merfolk – selbstbewusste Hybridwesen, die, der Kamera zugewandt, von ihrer Existenzform berichten. Das Merfolk rekrutiert seine Mitglieder, so ist zu erfahren, aus den Reihen der Marginalisierten, die unter anderem von Ableismus, Fat Shaming und Transphobie betroffen sind.

Der mit dem Merfolk solidarische Film erteilt den Hybridwesen nicht nur das Wort, sondern stellt ihnen den gesamten Bildraum als Bühne zur Verfügung. Farbfilter und optische Tricks fügen sich zu einer Feier der exzentrischen, ätherisch-glamourösen Schönheit, einer Schönheit, die auf Differenz, nicht auf Identität gründet.

Eine neue Gemeinschaft

Das ist das politische Projekt der Merfolk: auf Grundlage der Differenz eine neue Gemeinschaft gründen. Damit solidarisiert sich auch der Film uneingeschränkt. Dass diese aktivistische Schlagseite nicht ganz unproblematisch ist, zeigt sich, wenn raue dokumentarische Aufnahmen der „Black Lives Matter“-Proteste in den Film eindringen. Es erscheint latent übergriffig, junge schwarze Männer, die Opfer rassistischer Polizeigewalt wurden, ungefragt in die ansonsten hochgradig selbstselektive Gemeinschaft der Hybridwesen aufzunehmen.

Die Kämpfe, die der Film porträtiert, sind es zweifellos allesamt wert, ausgefochten zu werden. Dass sie alle miteinander zusammenhängen, bleibt hingegen eine Behauptung. „Sirens Call“ ist ein ästhetisch wagemutiger Film, der als Einfühlung in existenzielle Entfremdung vom gesellschaftlichen Mainstream überzeugender ist, denn als Gründungsdokument einer Gegengemeinschaft.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSirens CallVon: Lukas Foerster (27.4.2026)
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