





- Veröffentlichung15.01.2026
- RegieHille Norden
- ProduktionDeutschland (2024)
- Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Jonna (Luna Jordan) starrt gebannt auf ihre frühere Schulkameradin Nore (Dana Herfurth). Irgendetwas fasziniert sie an dieser scheinbar so zwanglosen jungen Frau, die sich in ihrer Selbstentfaltung nicht von gesellschaftlichen Konventionen zügeln lässt. Sex ist Nores Sprache wie auch ihr Lebenselixier. In der Bar, in der sich die beiden Frauen begegnen, bietet sie sich einem Mann nach dem anderen an. Die meisten sind deutlich älter als sie und auch nicht im herkömmlichen Sinn attraktiv. Dennoch beantworten einige von ihnen die offensiven Flirtversuche mit einer Abfuhr.
So wie sich Nore mit ihrem rosa Prinzessinnenkleid als fantastisches Geschöpf präsentiert, so nimmt die introvertiertere Jonna sie auch als romantische Personifikation grenzenloser Freiheit wahr. Ihr ergebener Blick und ihr burschikoses Auftreten werfen zunächst die Frage auf, ob Jonna in ihre exaltierte Freundin verliebt ist. Doch Nore scheint sie eher zu fesseln, weil sie alle die Eigenschaften vermissen lässt, die Jonna bei sich selbst als unzulänglich empfindet: Eine gewisse Schüchternheit etwa, sowie Vorsicht und Scham. Als die beiden Frauen zusammenziehen, eifert Jonna ihrer Mitbewohnerin anfangs in Sachen freier Liebe nach, macht es sich aber dann schnell in einer herkömmlichen Paarbeziehung bequem.
Ein zwanghafter Durst nach Männern
Was Jonna lange nicht sehen will, für die Zuschauer von „Smalltown Girl“ aber von Anfang an klar ist: Nores unersättlicher Durst nach Männern ist nicht sinnlich und verspielt, sondern zwanghaft. „Ein bisschen eklig und ziemlich leer“, fühlt sie sich nach ihren sexuellen Abenteuern, worauf sie erst einmal unter die Dusche steigen muss.
Nach zwei Dokumentationen hat die Regisseurin Hille Norden für ihren ersten Spielfilm eine Ästhetik gewählt, die die Falschheit dieser vermeintlichen Idylle regelrecht unter die Nase reibt. Die Dialoge sind sprunghaft und ein wenig gestelzt, das Schauspiel häufig überkandidelt, und die leblosen Settings werden durch das sterile Sounddesign noch zusätzlich in ihrer Bühnenhaftigkeit betont. Etwas bemüht weist „Smalltown Girl“ beharrlich auf seine eigene Künstlichkeit hin, bis die Filmwelt buchstäblich zu zerbröseln beginnt.
Kaum hat sich das ohnehin nicht sehr heimelige Wohnzimmer aufgelöst, begeben sich die beiden Protagonistinnen auf eine Zeitreise in Nores Vergangenheit. Mit seinem älteren und blumig daherredenden, in Wahrheit aber hinterlistig-sadistischen ersten Freund (Campbell Caspary) gerät das 14-jährige Mädchen in ein missbräuchliches Abhängigkeitsverhältnis. Als es brutal wird, schwenkt die Kamera zur sich sichtlich unwohl fühlenden Jonna, die das Geschehen beobachtet.
Zwischen emotionalen Extremen
In den Rückblenden lernt man ein Mädchen kennen, das Sex mit Liebe verwechselt, das nicht Nein sagen kann, das ihre eigenen Bedürfnisse kleinredet und süchtig nach Anerkennung ist, die sie lediglich dann zu bekommen glaubt, wenn sie ältere Männer zur schnellen Triebbefriedigung benutzen. „Smalltown Girl“ erzählt von einem gequälten, zwischen emotionalen Extremen pendelnden Mädchen, das sich gewissermaßen mental neu programmieren muss.
Dabei geht es dem Film jedoch weder um jene Erlebnisse in Nores früher Biografie, die ihre unstillbare Sehnsucht nach sexueller Zuneigung erklären würden, noch um ein therapeutisches Endziel, mit dem sich ihr Trauma schließlich in Wohlgefallen auflöst. Die Inszenierung widmet sich stattdessen dem Erkennen und der Analyse des Problems. Einerseits bedeutet das, Nores ins Selbstzerstörerische kippende Handlungsmuster aufzudecken, andererseits, ein Bewusstsein für die moralische Grauzone von Mündigkeit, Verantwortung und Schuld zu finden.
Der Weg dorthin gerät allerdings wegen seiner diskursiven Methoden ein wenig dröge. Der Film packt viel Inhalt in seine leicht manierierten Dialoge und arbeitet sein Thema etwas steif und didaktisch auf. Bei ihrer Zeitreise mahnt nicht nur Jonna ihre Freundin, das Geschehene kritischer zu hinterfragen; auch die Männer müssen in den Zeugenstand, um sich für ihre Taten zu rechtfertigen. Einige Regieeinfälle werden der ambivalenten Hauptfigur durchaus gerecht. Etwa wenn die erwachsene Nore ein Zwiegespräch mit ihrem jüngeren Ich führt und dabei konsequent versucht, das Unbehagen des Mädchens als Einbildung abzutun.
Gemischte Signale
Worauf „Smalltown Girl“ letztlich hinauswill, bleibt jedoch im Unklaren. In seinen stolzen zwei Stunden Laufzeit schlingert der Film immer wieder orientierungslos herum und sendet dabei ähnlich gemischte Signale wie Jonnas Freund Michel (Jakob Geßner): ein viriler Typ mit schwarz lackierten Fingernägeln, der sich sanft und einfühlsam gibt, letztlich aber selbst Dreck am Stecken hat. Was ihn allerdings nicht hindert, sich mehrmals als Retter aufzuspielen. Auch sonst ist Nore immer wieder Belehrungen von Männern ausgesetzt, die klar und analytisch sehen, was sie beharrlich verdrängt. Bei einer Protagonistin, die lernen muss, auf ihre wahren Bedürfnisse zu hören, wirkt das ein wenig seltsam.
