Vorstellungen
Filmkritik
Die Betroffenen schauen nach vorn, die Behörden zurück. Wenn Souleymane (Abou Sangare) auf seinem Lastenfahrrad durch die Straßen von Paris rast, um Essen auszuliefern, gelten seine Blicke nicht dem, was hinter oder neben ihm liegt. Starr hat der Mittzwanziger aus Guinea sein nächstes Ziel im Visier. Ein ums andere Mal fährt er zwischen Restaurants und Bestellern hin und her und riskiert im Verkehr der Metropole beständig einen Unfall. Das umso mehr, als er mit dem Kopf ganz woanders ist, nämlich beim Einprägen der richtigen Worte für den übernächsten Tag. Dann wird sein Asylantrag geprüft, und er darf einer Sachbearbeiterin Fragen zu seiner Vergangenheit beantworten. Verlangt wird eine wasserdichte Erklärung, warum er sein Heimatland verlassen musste und um Aufnahme in Frankreich bittet.
Unter denjenigen von Souleymanes Bekannten, die schon länger im Land sind, herrscht allerdings Einigkeit, dass „den Weißen“ bei dieser Gelegenheit nicht irgendeine x-beliebige Lebensgeschichte vorgetragen werden darf, auch wenn sie wahr sein sollte. Immer wieder hört Souleymane, welche Schlüsselwörter unbedingt fallen müssen, um erfolgreich Asyl zu beantragen: politisches Engagement, Verfolgung durch das Regime in seiner Heimat, Verhaftung, Gefängnis, Folter. „Wichtig sind Details“, wird ihm eingetrichtert. Deshalb geht Souleymane im Geist immer wieder seinen „Text“ durch, um nicht bei der Prüfung zu scheitern, von der seine weitere Existenz abhängt.
Eine Geschichte, nicht seine
Souleymanes „Geschichte“ soll nicht seine eigene sein, das ist die erste bittere Pointe, die der Film von Boris Lojkine setzt. Auch das, was der junge Guineer in Frankreich bereits erreicht hat und worum ihn viele seiner Leidensgenossen beneiden, ist ein höchst fragiler Status. Zwar hat er sich ein Fahrrad kaufen können, doch das Geld dafür fehlt ihm nun an anderer Stelle. Nämlich bei dem Mann, der ihm neben den Tipps für das Asylgespräch auch Dokumente beschaffen kann, ohne die Souleymane dort nicht aufzutauchen braucht.
Eine Pause vom Job kommt deshalb nicht in Frage. Allerdings riskiert er auch durch die Arbeit schon viel, denn die ist ihm als Asylsuchendem eigentlich verboten. So verwendet er den Namen und das Diensthandy eines anderen, was bei jeder Kontrolle auffliegen kann. Und nicht zuletzt ist Souleymane auch in derselben problematischen Lage wie alle Fahrradlieferanten. Da er sowohl von Kunden als auch von den Restaurantbetreibern abhängig ist, muss er negative Bewertungen um jeden Preis vermeiden, auch wenn er seinen Frust im Dauerstress nicht immer unterdrücken kann.
Der Regisseur Boris Lojkine und sein Kameramann Tristan Galand heften sich an die Fahrradpedale der Hauptfigur und folgen ihr durch die überfüllte, nur unscharf wahrzunehmende Stadt. Auch wenn Souleymane vom Sattel steigt, behält der Film das Tempo bei und zeigt unter Hochdruck ablaufende Gespräche im Rahmen des Jobs, aber auch mit Kumpanen, die möglichst rasch abgekanzelt werden. Brenzlige Situationen gibt es zuhauf. Einmal stößt Souleymane im Dunkeln mit einem Auto zusammen, ein anderes Mal erweist sich seine Kundschaft als Besatzung eines Polizeiwagens, die ihn erst eine Weile mit Fragen nach der Illegalität seines Tuns löchert, bevor sie ihn gnädig laufen lässt. Ruhe in den Plot bringen nur die Momente, in denen Souleymane sich die Zeit nimmt, mit Menschen in Guinea zu telefonieren. Dann erkundigt er sich nach dem Gesundheitszustand seiner Mutter oder redet mit der Frau, die er unter anderen Voraussetzungen vielleicht geheiratet hätte – Gespräche, mit denen er sich selbst noch einmal daran erinnert, warum er die Tortur der Migration auf sich genommen hat.
Auf andere Hilfe angewiesen
Der Laiendarsteller Abou Sangare schlägt sich bravourös bei der Herausforderung, Souleymane in teilweise abrupt wechselnden Gemütslagen zu verkörpern. Der Darsteller und das Drehbuch von Lojkine und Delphine Agut legen es nicht auf einen glatten Sympathieträger an, sondern machen die zwiespältige Lage der Asylbewerber deutlich. Im Alleingang schafft es keiner; die Hilfe von Mitmenschen ist unumgänglich und wird auch gewährt – in Maßen und in erster Linie gegen Bares, obwohl der Film auch kleinere Gesten der Großmut zeigt. So verlässt sich Souleymane immer wieder auf seine Freunde und erreicht damit auch tatsächlich Etappenziele.
Allerdings hat die Solidarität unter den Asylsuchenden ihre Grenzen, was der Film über pointierte Szenen ebenfalls an der Hauptfigur aufzeigt. Wenn andere versuchen, von Souleymanes Erfahrungen zu lernen und ihm in seinem Job zu folgen, reagiert er abweisend auf die drohende Konkurrenz. Im Zweifel ist Souleymane sich dann doch selbst der Nächste, und es spielt plötzlich eine Rolle, dass er Guineer ist, die Bittsteller aber Ivorer sind. Es gelingt ihm im Laufe der 48 Stunden, die der Film umfasst, nicht ganz, seine Integrität unbefleckt zu halten.
Ein falsches Wort
„Souleymans Geschichte“ stellt die fragwürdigen und würdelosen Aspekte der Situation, in der sich Migranten ohne gültigen Aufenthaltsstatus befinden, unverblümt und in dokumentarischer Genauigkeit dar. Die Inszenierung weckt Erinnerungen an den Neorealismus – angesichts der elementaren Bedeutung des Fahrrads für die Hauptfigur insbesondere Vittorio De Sicas „Fahrraddiebe“ – oder auch die Werke der Dardenne-Brüder. Mit diesen humanistischen Vorbildern hat der Film auch gemein, dass die unerträglichen Verhältnisse zwar benannt, die Behörden aber nicht dämonisiert werden. Deren Vertreter erscheinen nicht feindselig, jedoch schwer einschätzbar. Die permanente Sorge von Souleymane, auf der Hut vor einer Falle sein zu müssen, überträgt sich unmittelbar auf die Zuschauer. Der Tonfall mag sachlich und freundlich bleiben, doch die Anspannung ist immens. Hier scheint in der Tat ein falsches Wort über die Zukunft eines Menschen entscheiden zu können.




