Zum Hauptinhalt springen

Sounds of Paris

77 minDramaFSK 12
Tickets
Szenebild von Sounds of Paris 1
Szenebild von Sounds of Paris 2
Szenebild von Sounds of Paris 3
Am Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele vibriert Paris vor Energie. Mitten in diesem Ausnahmezustand kämpft Elisabeth um ihr inneres Gleichgewicht. Die hörgeschädigte junge Frau arbeitet für eine Appartementvermittlung und hetzt zwischen Ferienwohnungen, gestressten Gästen und den Erwartungen ihres Arbeitgebers umher. Als sie dabei dem unbeschwerten Amerikaner Elijah begegnet, entsteht zwischen der in sich gekehrten jungen Frau und dem quirligen Rucksacktouristen inmitten des urbanen Trubels eine unerwartete Freundschaft.
SOUNDS OF PARIS von Laurent Slama ist ein poetisches Stadtporträt zwischen dokumentarischer Beobachtung und modernem Märchen – eine zarte Ode an Freundschaft, Zufall und die Möglichkeit eines Neuanfangs, getragen von Agathe Rousselle (TITANE) und Alex Lawther (THE END OF THE F*** WORLD).

Eigentlich möchte Elisabeth Vogler (Agathe Rousselle) den Rucksacktouristen Elijah (Alex Lawther) an dem vielleicht stressigsten Tag ihres Concierge-Jobs nur zu seinem Pariser Apartment bringen. Aber auch nach Stunden ist sie keinen Schritt weitergekommen. Zum einen, weil durch eine versehentliche Doppelbuchung die vorgesehene Wohnung schon belegt ist – hörbar durch die Geräusche eines Liebespaars. Zum anderen durch das erratische Verhalten des jungen Amerikaners.

Elijah, fluffige Haare wie rosa Zuckerwatte und ein breites Lächeln im Gesicht, folgt der schwer höreingeschränkten Ferienwohnungsvermittlerin und autodidaktischen Technik-Expertin auf Schritt und Tritt dauerquasselnd durch die Stadt, die kurz vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024 aus allen Nähten platzt. Dabei springt er ihr immer wieder wie ein Gummiball davon, lässt sich von diesem und jenem ablenken – „Oh, Croissants“ – und macht spontane Bekanntschaften auf der Straße. Oder er führt ihr beim Abstecher in den Park seine Hypnosetechniken vor, die Elisabeth für eineinhalb Stunden in den Schlaf befördern, wodurch sie noch mehr in Zeitnot gerät.

In ihrer Isolation eingerichtet

Mit jeder Abschweifung wandelt sich „Sounds of Paris“ immer mehr zur Komödie. Dabei beginnt der Film als Porträt einer Depression. Abgetrennt von der Außenwelt steht Elisabeth an einer Straßenkreuzung und erinnert sich an die Worte einer Ex-Geliebten, bevor sie sich mit Suizidabsichten einen Tabletten-Cocktail mixt. Nach einer Krankheit klingt die Welt für sie wie unter Wasser, abgedämpft und weit weg, nur mit Hörgeräten kann sie kommunizieren. Elisabeth hat sich in ihrer Isolation eingerichtet, der Welt begegnet sie mit Feindseligkeit, die Menschen hält sie für Idioten.

„Sounds of Paris“ spielt sich im Wesentlichen an einem einzigen Tag ab: dem „D-Day“ wie der Vorgesetzte der Agentur in seiner Motivationsansprache den Tag der Eröffnung nennt. Den Mitarbeiter:innen trichtert er ein, ihre beste Seite zu zeigen und sich 5-Sterne-Bewertungen zu verdienen. Auf die ist Elisabeth dringend angewiesen, um ihren Job – und damit die Verlängerung ihres Visums – zu behalten. Allerdings kann sie sich nur mit größter Mühe zu einem Lächeln zwingen.

Regisseur Laurent Slama, der seine beiden vorherigen Filme unter dem Pseudonym der Hauptfigur Elisabeth Vogler veröffentlichte (der Name der verstummten Schauspielerin aus Ingmar Bergmans „Persona“), wirft seine Protagonistin in einen Stressraum, der jedoch mehr gezeigt als wirklich spürbar wird. Elisabeth spult bei Wohnungsführungen ihren Text herunter, hetzt zum Motorroller, joggt zur nächsten Adresse, rennt Treppen hoch, fährt U-Bahn; zwischendurch telefoniert sie oder tippt hastig Nachrichten ins Handy, während bereits die ersten Bewertungen einploppen („Ein Lächeln würde nicht schaden.“). Agathe Rousselle verkörpert die um ihr inneres Gleichgewicht kämpfende Frau mit verpanzerter Miene – als spiele sie ihre Rolle in Julia Ducournaus „Titane“ noch ein bisschen weiter. Wenn sie auf ihren Wegen ihre Hörgeräte abnimmt, um sich vom tosenden Dauerlärm eine Pause zu nehmen, wechselt der Film in die (auditive) Subjektive. Dabei mischt sich in die stark gedämpfte Klangwelt die dramatische Musik von Jean-Charles Bastion. Auch die Kamera driftet gelegentlich in eine halb-überhöhte Realität ab und gleitet in tastenden Bewegungen über Monets „Seerosen“-Gemälde.

Laufen und Reden vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele

Mit seiner grenzenlosen Begeisterung und Menschenliebe bringt Elijah Elisabeth schier zum Wahnsinn – bevor er etwas in ihrem Innersten berührt und aufweicht. Laurent Slama filmt das ungleiche Gespann bei langen Walk-and-Talk-Shots durch das sich für die Feierlichkeiten vorglühende Paris. Nach „Ein Sommer in Paris“ von Valentine Cadic ist „Sounds of Paris“ ein weiterer Film, der die reale Umgebung der Olympischen Spiele als Kulisse nutzt. Hier bleibt der dokumentarische Hintergrund jedoch ausschließlich: Hintergrund. Zu fixiert ist der Film auf das Gesicht seiner Hauptfigur, ihre Einschränkung und Krisen – unter anderem ausgelöst durch den Verlust der Hörgeräte im Trubel der Massen.

Quirlige Nonsense-Passagen, die Elisabeth, Elijah und seine zwei neuen Freunde in ein angeblich mit Bettwanzen verseuchtes Apartment führen, wechseln mit dem bedeutungsschweren Pathos von Elisabeths Voiceover. Zuletzt fragt man sich, wie ernst der Film es damit meint, dass flüchtige Begegnungen mit Nervenzusammenbrüchen die Tür zum Neuanfang sind.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSounds of ParisVon: Esther Buss (12.6.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de