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Spasmeni Fleva - Broken Vein

127 minDrama, Thriller, Krimi
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Szenebild von Spasmeni Fleva - Broken Vein 1
Szenebild von Spasmeni Fleva - Broken Vein 2
Thomas Alexopoulos ist ein Geschäftsmann, der in Schulden versinkt und spürt, wie sich die Schlinge um ihn zusammenzieht. Von einem bedrohlichen Kredithai in die Enge getrieben und mit nur noch wenigen Tagen Zeit, um sein Zuhause zu retten, setzt er einen scheinbar makellosen Plan in die Tat um.

Das allererste Bild des Films „Spasmeni Fleva“ ist eine Wasserschildkröte, die im Aquarium sehr lange so hektisch strampelt, dass man nicht weiß, ob sie womöglich ertrinkt, oder ob das doch nur ihr Alltagsverhalten ist. Diese Schildkröte kann man als Metapher nehmen, denn im Anschluss wird man Zeuge von ähnlich chaotischem menschlichem Gezappel, bei dem aber schnell klar ist, dass es zwar nicht um Leben oder Tod geht, aber doch um die Rettung der Existenzgrundlage. Wobei interessanterweise nie geklärt wird, wie gefährdet die Existenz wirklich ist. Wie viel Armut etwa mit dem Verlust eines Hauses einhergeht, ob damit wirklich ein Leben sein Ende findet, oder vielleicht doch bloß ein Leben im Luxus.

Der Mann, dessen Existenz bei „Spasmeni Fleva“ in Gefahr kommt, heißt Thomas Alexopoulos (Vassilis Bisbikis), lebt nahe der griechischen Küste und betreibt einen Laden für Bad-Ausstattung – Waschbecken, Badewannen und so weiter. Er ist mit einer gleichgültigen Blondine verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn, die beide schon länger aus dem Haus sind. Um seinen Vater kümmert er sich nicht, die Kinder nutzt er für geschäftliche finanzielle Vorteile oder schlicht, um sich bei ihnen Geld zu leihen. Man sieht an Thomas eine soziale Verwahrlosung, wie sie keinesfalls nur in Griechenland auftritt, eine Rücksichtslosigkeit gegenüber der Familie, fehlendes Interesse an allem außer sich selbst.

Nur Hohngelächter für die Gemeinschaft

Am Anfang des Films wird das noch von bürgerlichem Rollenspiel übertüncht. In den ersten Bildern trifft man die Großfamilie Alexopoulos in heller Aufregung in einem Krankenhaus, wo sie sich benehmen, als wären sie Teil einer griechischen Komödie. Damit hören sie aber bald auf; wenn man die Familienmitglieder später einzeln wiedertrifft, haben sie für die vermeintlich innige Gemeinschaft nur Hohngelächter übrig. Trotz der zahlreichen Figuren ist der Film eine Studie über das Alleinsein. Während er Thomas beobachtet, befasst er sich mit der Lüge, dass man allein besser klarkommt als in Gesellschaft.

Thomas Alexopoulos ist ein Mann mit Sakkos, schicker Wohnung und einem Mercedes. Ein Mann, der niemals das Gesicht verzieht, nicht im Guten, nicht im Bösen. Wie sich herausstellt, hat er kein Geld mehr und vor der Pleite ein paar blödsinnige Entscheidungen getroffen. Sein Laden lief nicht, er lieh sich Geld, unter anderem bei einem Kredithai. Die Konsequenzen dieses Handelns hat er unterschätzt, denn jetzt kommt der Moment, in dem die Rückzahlung fällig ist. 327 000 Euro muss er bis zum nächsten Montag abliefern, das ist in sechs Tagen.

Sollte Thomas nicht zahlen, gehört seine Wohnung dem Kreditgeber, mit allem, was darin ist. Das macht dieser unmissverständlich klar; er uriniert auf Thomas’ Badmöbel als ziemlich nachdrückliche Geste der Überlegenheit.

Diesen Kredithai zeichnet Regisseur Yannis Economides so garstig, wie es im Neo-Noir-Kino schon lang keinen Gangster mehr gegeben hat. Keine Gnade, dafür Humor von der übergriffigen Sorte und latente Gewalt sind immer spürbar. An seinen Auftritten kann man großes Genre-Vergnügen haben, obwohl oder gerade weil er tatsächlich furchterregend ist. Thomas ist zwar auch garstig, aber ihn macht Economides zum Verlierer, indem er die Schwäche betont, die hier hervortritt.

Der Zeitdruck wächst

Thomas versucht, sich binnen der Woche, die ihm bleibt, genug Geld zu leihen, damit er bezahlen kann. Er pumpt jeden an, der ihm einfällt. Er lügt, betrügt, demütigt sich immer krasser, um das Geld zusammenzutragen. Der Film erzählt ausschließlich von dieser Katastropheneingrenzung, den Economides wie einen Thriller strukturiert. Es wird viel hin- und hergefahren, der Zeitdruck wächst, unliebsame Business-Partner müssen bezirzt, die Kontakte zu reichen Ex-Geliebten aufgefrischt werden. Die Spannung liegt schon in der Frage, wie freundlich das jeweilige Gegenüber reagieren wird, erst dann kommt der entscheidende Vorstoß aufs Geld. Economides forciert dabei das mangelnde Mitgefühl; diese Haltung stellt er durch die ganze Handlung aus.

„Spasmeni Fleva“ erzählt von einer Reise in die Finsternis, die fast durchgehend im hellsten Tageslicht abläuft. Man sieht die blaue Küste, den Sonnenschein, nichts verweist auf die Schildkröten, die hinter den Bars und Stränden strampeln. Oft sind die Bilder geometrisch; Totalen verweilen ohne Worte; in ihnen läuft griechischer Alltag ab. Die Protagonisten werden im Detail beobachtet, was sie nicht schöner macht; lange kann man in Gesichter voller starrer Unzufriedenheit schauen. Nie spiegeln sich darin Reaktionen; die erlebt man dafür verbal, denn geflucht wird viel und eloquent, was ausreicht, um die Zerrüttung zu transportieren. All das ist langsam erzählt; im Gegensatz zur wilden Bewegung von Thomas zieht der Film seinen Rhythmus weit ins Verhaltene, um die Geschichte bedrückender zu machen.

Weder Lösung oder Erlösung

Yannis Economides hat vor 20 Jahren das neue griechische Kino mit auf den Weg gebracht. Noir-Thriller voll überraschender Gewalt, sehr düsterer Humor, Kritik an der bourgeoisen griechischen Gesellschaft. Das hat fast jedem seiner Filme zu Preisen verholfen. Diese Elemente sind auch in „Spasmeni Fleva“ zu finden, hier allerdings kombiniert mit einer Tragödie, die das Geschehen noch viel deprimierender macht, nicht zuletzt, weil die Geschichte knapp vor einer halbwegs funktionierenden Auflösung scheitert. Aber eine Lösung oder gar eine Erlösung ist nicht das, was Economides interessiert. Lieber baut er eine böse Versuchsanordnung, um zu zeigen, wie bereitwillig der Kapitalismus und dessen Mechanismen von seinen Protagonisten verinnerlicht werden.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSpasmeni Fleva - Broken VeinVon: Doris Kuhn (4.5.2026)
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