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Filmkritik
Der Mann, der die semi-fiktive Heavy-Metal-Band „Spinal Tap“ im Film „This Is Spinal Tap“ vor gut 40 Jahren aus der Taufe hob und sie nun mit einer Fortsetzung wieder zum Leben erweckte, lebt selbst nicht mehr: Rob Reiner, weltbekannter Regisseur von Spielfilmen wie „Stand by Me“ oder „Harry und Sally“, und seine Frau Michele Singer wurden am 14. Dezember 2025 erstochen aufgefunden - mutmaßlich vom eigenen Sohn. Die Tat gilt als tragisches Ende einer von der Opioidkrise in Beschlag genommenen Familie, deren besorgter Umgang mit dem abdriftenden Sohn den schlimmstmöglichen Ausgang fand. Eindrücklich spiegelt sich das Schicksal der Familie in Rob Reiners Familiendrama „Being Charlie“ wider – ein Aufarbeitungsversuch, bei dem Sohn Nick noch als Koautor fungierte.
Eine späte Band-Reunion für einen letzten Auftritt
Allein das schon verleiht der posthumen Veröffentlichung der eigentlich auf amüsante Blödelei getrimmten „Spinal Tap“-Fortsetzung, die gleichsam Realität und Fiktion ineinanderfließen lässt, eine äußerst tragische Note. „Spinal Tap II“ setzt dabei vier Jahrzehnte nach dem Vorgänger „This Is Spinal Tap“ ein. Die völlig überraschend zum Kult-Hit avancierte Mockumentary war Rob Reiners erster Kinofilm nach einigen TV-Arbeiten, und sein erster Auftritt in Gestalt des fiktiven Dokumentarfilmers Marty DiBergi, eine Art parodistisches Regie-Alter-Ego. Dieser nunmehr weißhaarige, aber gleichsam sympathische Mann mit Käppi stellt sich erneut bewusst hemdsärmelig vor die Kamera und erklärt, wie es dazu kam, dass er die in aller Welt verstreuten Bandmitglieder „heimsuchte“ und zu einem letzten Auftritt vereinte. Initiatorin dieser Unternehmung ist Hope Faith, Nichte des kürzlich verstorbenen Band-Managers Ian Faith, die von ihrem Onkel einen Vertrag geerbt hat, der einen letzten Auftritt der Band vorschreibt. Showtime or „No Dime“.
Und bei Hope Faith ist der Name Programm: Hoffnung und Glaube schwingen bei allen Beteiligten mit, dass die betagten Herren kurz vorm Rollator-Stadium solch einen Auftritt nochmal gewuppt bekommen. Schließlich springt auch der über 80-jährige Mick Jagger noch über die Bühnen dieser Welt! Unter den Argusaugen ihres neuen, wortwörtlich musiktauben Managers raufen sich die drei „Silberfüchse“ in New Orleans zusammen und beginnen zu proben, wobei vor allem die persönlichen Ressentiments zwischen den beiden Leadgitarristen David und Nigel die Vorbereitungen torpedieren.
Das Ende geht weiter
Ging es in „This is Spinal Tap“ noch um die Chronik einer US-Abschiedstournee, wobei erst nach dem Film der ganz große reale Erfolg folgte, deutet schon der Titel „Spinal Tap II – The Ending Continues“ die Kontinuität eines schon einmal fälschlich deklarierten Endes an. Dabei sind David, Nigel und Derek mittlerweile weitaus tattriger als ihre Ü60-Fans, die begeistert grölend die Fanreihen füllen – ein Wiederaufflammen des Banderfolgs gilt als unwahrscheinlich.
Der Film hingegen hätte eine absonderliche, aber schöne Abhandlung über die letzten Körner (wie es im Sportjargon so optimistisch heißt) im Rockstar-Alter werden können. Doch die skurrilen Momente zünden nur selten – und wenn, dann oft in Verbindung mit Rob Reiners Interviews mit den Beteiligten. In Erinnerung bleiben eher (geschmackliche wie sexistische) Ausrutscher wie der pupsende Frauenhintern aus Pappmache, der zum Hit „Big Bottom“ („Großer Hintern“, als Parodie zu Queens „Fat Bottomed Girls“) von der Decke gelassen wird. Oder der Song „Bitch School“, in dem überlegt wird, die ungehörige Geliebte doch nochmal zur „Schlampenschule“ zu schicken. Das wirkt nicht nur, 40 Jahre später, noch angegilbter als schon zuvor. Tatsächlich wurde der Sexismus 1984 sogar besser eingefangen und ins humorvoll Überzeichnete überführt, als es um ein im Wortsinne „anrüchiges“ Plattencover ging. Damals noch ausdiskutiert mit der cleveren Partykönigin Bobbi Flekman (Fran Drescher), die der Band und Ex-Manager Ian Faith gehörig Paroli bot.
Altherren-Rockattitüde
Diese eingeschobene Reflexionsebene, die den Sexismus anprangert und karikiert, fehlt in „Spinal Tap II“ dagegen völlig. Da hilft es auch nicht, dass die lesbische Schlagzeugerin kurz nach der Anmache durch Bassspieler Derek, von der sie sich durchaus geschmeichelt fühlt, ihre sexy Partnerin präsentiert. Der Gestus der Altherren-Rockattitüde ist ohne gewitzten Gegenwind schlicht nicht sonderlich witzig.
Den vor allem parodistischen Drive des ersten Teils hat „Spinal Tap II“ also verloren. Und das liegt nicht an 40 Jahren Altersunterschied, sondern schlicht an den fehlenden narrativen Konzepten. Konzertproben, Star-Auftritte, ein lange zurückliegender Clinch (natürlich um den Sex mit einer Frau). Daraus lässt sich keine spannende Fortsetzung drehen.
Sehenswerte Cameos von Stars wie Elton John und Paul McCartney
Da wird auf der Suche nach einem Drummer für die Wiedervereinigung – wir erinnern uns, alle Drummer der Band segnen über kurz oder lang das Zeitliche – mal eben mit Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers und Lars Ulrich von Metallica per Videocall geschnackt. Ganz real kommen im Proberaum nicht nur Elton John, sondern auch Ex-Beatle Paul McCartney vorbei, um ihre Bewunderung auszudrücken und eine Runde mitzumusizieren. Diese prominenten Zusammentreffen, die wohl dem Kultstatus von Spinal Tap und Regisseur Rob Reiner gleichermaßen geschuldet sind, bilden zugleich den gelungensten Teil dieses zu selten den richtigen Ton treffenden Films, der irgendwie in der Produktion stecken geblieben scheint.
Das macht es umso trauriger, dass Rob Reiners Karriere von diesen beiden Doku-Parodien über die Erlebnisse der Heavy-, oder besser Soft-Metal-Band gerahmt wird. Wobei die „II“ im Titel nicht nur für die Fortsetzung, sondern ziemlich bildlich auch für ein gewaltsames Finale steht: Nämlich für eine riesige Stonehenge-Bühnenkonstruktion, die am Ende des Films, so viel sei verraten, mit ihren zwei Säulen auf die Bandmitglieder kippt. Die narrativen und finanziellen Mittel scheinen begrenzt gewesen zu sein, vielleicht waren aber auch die persönlichen Probleme einfach zu groß. Was bleibt, ist das Vergnügen, Rob Reiner bei seiner eigenen Freude am Filmemachen noch einmal begleitet zu haben.







