Vorstellungen
Filmkritik
„sir“ oder „sür“ spricht man das Wort sr aus, das dem Film seinen Titel gibt. Es bezeichnet ein Hieroglyph aus dem Altägyptischen, das im ersten erhaltenen ägyptischen Wörterbuch auftaucht und „Giraffe“ bedeutet, aber auch „ankündigen“ und „vorhersagen“. Noch komplizierter steht die Sache mit dem Ki-Lin, einem Wesen, von dem man nicht genau sagen kann, ob es eine Giraffe ist oder nicht. Ursprünglich bezeichnete es in China ein Fabelwesen, das einem Einhorn ähnelt; als während der Ming-Dynastie im 15. Jahrhundert nach Christus zwei Giraffen von Ostafrika aus an den chinesischen Kaiserhof verschifft wurden, erhielten die langhalsigen Tiere ebenfalls den Namen Ki-Lin. Auch ob das hebräische Wort „zemer“, das in der Tora auftaucht, tatsächlich eine Giraffe bezeichnet, ist keineswegs abschließend geklärt. Jedenfalls bezeichnet zemer ein koscheres Tier. Falls es sich bei zemer um eine Giraffe handelt, sind Giraffen koscher.
Tiere, Bilder und Geschichten
sr, Ki-Lin, zemer: scheinbar simple, ein- oder zweisilbige Worte, die einen schnurstracks in ein semantisches Dickicht führen. Ein Dickicht, in dem sich der nach dem Giraffen-Hieroglyph benannte Film von Lea Hartlaub pudelwohl fühlt. Die Tiere, von denen „sr“ erzählt, tauchen in seinen Bildern auch leibhaftig auf. Allerdings nur gelegentlich und gegen Ende hin immer seltener. Gleich zu Beginn sieht man Giraffen in einer Savanne ihre Hälse durchs Blattwerk strecken. Bald darauf stehen einige neben einer Straße, die von Giraffentouristen befahren wird. Aber es ist nicht die biologische Gattung Giraffe (wissenschaftlich: Giraffa), die Hartlaub interessiert. Mehr und mehr werden die Tiere durch die Bilder und Geschichten ersetzt, die die Menschen von ihnen angefertigt haben. Oder durch die Namen, mit denen sie sie bezeichnet haben.
Wichtig ist jeweils der Plural: Bilder, Geschichten, Namen. Einmal quer durch die Kontinente und die Weltgeschichte geht die Reise, vom Nahostkonflikt der Gegenwart bis zu vielen tausend Jahre alten afrikanischen Höhlenmalereien. „Giraffen sind nicht territorial“, heißt es ganz zu Beginn. Immer wieder setzt der Film neu an, und plötzlich ist man an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit. „16 Fragmente einer Kulturgeschichte der Giraffe“ könnte man den Film alternativ auch nennen.
Giraffen werden zum 5-Uhr-Tee geladen
Ein paar Verbindungen gibt es zwischen den Fragmenten. Dafür sorgt, unter anderem, historische Gewalt. Ein Tierparkbesitzer beklagt sich in den 1920er-Jahren darüber, dass der Mangel an deutschen Kolonien seinem Metier schade. In Kenia wiederum wird viele Jahrzehnte später ein altes, herrschaftliches britisches Kolonialanwesen zum Erlebnishotel für wohlhabende Tierfreunde umgemodelt; die Giraffen werden zum 5-Uhr-Tee geladen.
Der europäische Kolonialismus ist aber nur eine von vielen Fährten, denen der Film folgt. Eine andere führt auf die Philippinen, wo der Diktator Ferdinand Marcos in den 1970er-Jahren den Versuch unternahm, Giraffen und andere afrikanische Tierarten auf einer Insel anzusiedeln. Wieder eine andere geleitet in den Niger, wo sich drei Männer darüber unterhalten, was ein im Aïr-Gebirge erhaltenes, uraltes, in Stein gehauenes Giraffenbild für ihr Leben bedeutet. Der Anthropologe Berthold Laufer, Autor der Schrift „The Giraffe in History and Art“, ist besonders wichtig für den Film. Hartlaub sucht bald nicht nur nach Spuren von Giraffen, sondern auch nach denen des Giraffenforschers. Die Giraffe: eine Vielheit, die sich nicht zu einer Mastererzählung zusammenfügt.
Was der Film mit der Giraffe gemeinsam hat: Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Das gilt für die Bilder, die Hartlaub aufnimmt – „sr“ besteht hauptsächlich aus Totalen, die die Giraffen, wenn sie denn überhaupt zu sehen sind, in größere Zusammenhänge einrücken. Es gilt aber ganz besonders für den Kommentar, eingesprochen von der Schweizer Romanautorin Dorothee Elmiger, der den Film trägt und dessen Intonation allen Giraffenzusammenhängen, den nahen wie den fernen, den brutalen wie den friedlichen, dasselbe nüchterne, gelassene Interesse entgegenbringt.
Kleine Überraschungen
Das Verhältnis von Bild zu Ton wiederum ist dabei nie lediglich illustrativ. Manchmal verweist der Kommentar auf ein Detail, das der Film durchaus zeigen könnte, aber das er den Zuschauern gleichwohl vorenthält. Hartlaub baut auch kleine Überraschungen in den Film ein. Einmal blickt man auf eine historische Karte, die vor der Kamera entrollt wurde, und realisiert erst mit einer kleinen Verspätung, dass sie an den Seiten von Menschen gehalten und für den Blick der Zuschauer fixiert wird. An anderer Stelle ist von einem Hafen die Rede, von dem aus Giraffen verschifft werden; zu sehen ist jedoch ein Hafen, vor dem viele Autos ihrer Verschiffung harren. Die Ladekräne weiter hinten im Bild haben freilich etwas Giraffenartiges.




