Vorstellungen
Filmkritik
Auf das Ärgernis "Viridiana" und das Rätsel "El angel exterminador" folgt, nicht so ungestüm wie jenes, leichter verständlich als dieses, "Tagebuch einer Kammerzofe". Ein Roman des Franzosen Octave Mirbeau, der schon Jean Renoir den Stoff für einen Film des gleichen Titels geliefert hat, liegt dem Film zugrunde, wobei Bunuel allerdings nur eine Partie daraus (und eine andere als Renoir) benutzt hat. Die Handlung hat er von der Jahrhundertwende in die Zwischenkriegszeit verlegt, was ihm Gelegenheit zu Anspielungen auf bestimmte politische Gegebenheiten jener Epoche gab. Im übrigen scheint die Vorlage seinen Intentionen weitgehend entgegengekommen zu sein.
Die Geschichte dreht sich, vorerst wenigstens, um die Gestalt der Kammerzofe Célestine, die in der französischen Provinz eine neue Stelle antritt. Sie gerät dort in ein - man kann es kaum mehr anders nennen - Bunuelsches Milieu, in welchem Personen ohne Komplexe und Triebverirrungen überhaupt nur am Rande in Erscheinung treten. Von dem eher harmlosen Fetischismus des alten Herrn über die krankhafte Schürzenjägerei seines von der frigiden Gattin tyrannisierten Schwiegersohnes bis zum Sadismus des Gärtners Joseph reicht die Auswahl, der in der Nachbarschaft und mit der Figur des Geistlichen noch Variationen zugefügt werden. Célestine (von Jeanne Moreau nuanciert gespielt) fügt sich halb amüsiert, halb angewidert in diese Gesellschaft ein. Sie ist, das entspricht durchaus der skeptischen Haltung Bunuels, keine "Heldin". Zwar unternimmt sie es, Joseph, den sie zu Recht des Sexualmordes an einem kleinen Mädchen verdächtigt, der verdienten Strafe zuzuführen. Dann aber heiratet sie den Nachbarn, einen ehemaligen Offizier, und mit dem sozialen Aufstieg erlischt sichtlich ihr Interesse an Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit aber fand nicht statt, denn zum einen sind die Beweise, die Célestine der Polizei geliefert hat, gefälscht, zum anderen hat Joseph "politische Verbindungen", weil er sich in einer rechtsradikalen Bewegung betätigt. Statt im Gefängnis landet er deshalb in Cherbourg, wo er, ganz nach seinen Plänen, ein Soldatenlokal führt und politischen Demonstranten Parolen zuschreit. Sind bereits die Demonstrationsszenen in den Straßen Cherbourgs satirisch überhöht, so wirkt das anschließende Schlußbild mit dem über die Leinwand zuckenden Blitz erst recht wie eine bittere Ironie auf das Weltgericht, das Bunuel auf diese korrumpierte und verlogene Gesellschaft herabfluchen möchte. Obwohl er im übrigen mit Schockeffekten und Symbolen diesmal relativ sparsam umgeht und auch in der Thesenführung vergleichsweise gemäßigt wirkt, so ist "Tagebuch einer Kammerzofe" noch immer ein Werk polemischen Charakters. Die politische Rechte, das Bürgertum, im Hintergrund die Armee und die Kirche, werden durch die ganze Darstellung desavouiert, indem dekadente und verlogene Figuren zu ihren Verkörperungen gemacht werden. So sorgfältig einzelne dieser Gestalten gezeichnet sind - das gilt allerdings nicht für die naive Karikatur des Geistlichen -, so einseitig ist das Gesamtbild, das die Existenz positiver Kräfte in der Gesellschaft schlechthin verneint (wie Bunuel auch dem Christentum immer nur in Zerrformen begegnen will). Auf Grund des übrigen Schaffens von Bunuel muß man annehmen, daß dies nicht nur als böse Vision, sonders als auf die Realität bezogene Behauptung verstanden sein will, die formell die Situation nach dem ersten Weltkrieg anzielt, zweifellos aber zugleich die Gegenwart meint. Daß die Polemik nicht frei ist von persönlichen Ressentiments, mag ein Detail anzeigen: Die Demonstranten in der letzten Szene läßt Bunuel in Hochrufe ausbrechen auf den Mann, der seinerzeit seinen Film "L`Age d`or" verboten und beschlagnahmt hat.



