Vorstellungen
Filmkritik
Der Traum von Olympia endet im Security-Zelt. Blandine (Blandine Madec) ist aus der Normandie zu den Sommerspielen 2024 nach Paris gereist und steht erwartungsvoll am Eingang des Olympia-Geländes. Doch ihr Rucksack sprengt die Toleranzgrenze; in der Obhut der Sicherheitsfrau darf sie ihn aber auch nicht lassen. So muss die junge Frau unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dabei überfordert Paris sie ohnehin. Wie man auf einfachstem Wege in andere Teile der Großstadt kommt, bleibt Blandine trotz Metroplänen und ausführlichen Erklärungen ein Rätsel. Dabei hat sie eigentlich Lust auf eine Erkundung der Stadt, in der sie bis bislang nur einmal als kleines Kind gewesen ist. Doch ihre ursprünglichen Pläne für eine Woche Paris halten der Wirklichkeit nicht stand. Als Blandine auch noch ihren Schlafplatz in der Jugendherberge verliert, weil sie am zweiten Tag ihres Aufenthalts die „18 bis 30 Jahre“-Regel durchbrochen hat, wird sie von ihrer Halbschwester zwar gnädig aufgenommen. Doch auch dort ist sie eher geduldet als wahrhaft-freundlich willkommen.
Inmitten vieler fremder Menschen
Wie sich die Hauptfigur Blandine in „Ein Sommer in Paris“ durch die französische Hauptstadt bewegt, erinnert in manchem an die Touristen in „Playtime“ von Jacques Tati. Wie diese will sich auch die junge Frau bezaubern lassen, erlebt dann aber alle touristischen Highlights lediglich am Rande: den Eiffelturm über Ausschnitte der Lichtspiele bei Nacht, Notre-Dame von der Seine aus und den olympischen Rummel am ehesten als Zuschauerin vor Großleinwänden, mit extrovertierteren Sportfans, die ihr die Sicht versperren.
Die Kamerafrau Naomi Amarger bildet diese Ausgeschlossenheit pointiert ab, indem Blandine inmitten großer Menschenmassen immer wieder erst entdeckt werden muss; über wiederkehrende Straßenbilder vermittelt sich zudem ihre Orientierungslosigkeit. Der Spielfilm von Valentine Cadic, der während der Pariser Sommerspiele gedreht wurde, entzieht sich simpler Olympia-Nostalgie. Vielmehr besitzt der Film einen ambivalenten Blick auf das sportliche Großereignis. Einerseits bestimmt die authentisch eingefangene Feierlaune die Atmosphäre, andererseits werden aber vor unschönen Begleitumständen nicht die Augen verschlossen. Etwa den Abtransport von Obdachlosen durch die Polizei oder die kurzfristige Absage der Schwimmwettbewerbe in der – für 1,4 Milliarden Euro gesäuberten – Seine, was für Blandine eine weitere persönliche Enttäuschung ist. Ihrem Idol, der Schwimmerin Béryl Gastaldello, scheint sie partout nicht nahekommen zu können.
Die Enttäuschung steht der Hauptdarstellerin Blandine Madec wiederholt ins Gesicht geschrieben, doch sie und die Regisseurin finden bemerkenswerte Wege, den Paris-Trip nie als Fiasko erscheinen zu lassen. Blandines häufigste Reaktionen auf Unbill sind ein ungläubiges Nachhaken und ein allenfalls milder Protest, bevor sie mit einem Gleichmut einlenkt, der sie als getroffen, aber nicht schwer verletzt ausweist. Madec verleiht ihrer Figur eine erfrischende Mischung aus äußerer Überforderung und innerer Ausgeglichenheit, die das Beste aus Rückschlägen zu machen versucht. Die häufigen Momente, in denen Blandine gezwungen ist, in einer Warteposition zu verharren, verleiten sie ebenso wenig zu Ungeduld wie der rüde Umgang mit ihr am Olympia-Gelände, in der Jugendherberge und im Umkreis ihrer Halbschwester Julie.
Gefühle werden nicht verborgen
Julie ist nach zehn Jahren Funkstille nur mäßig erfreut über die Wiederbegegnung mit Blandine. Immerhin nimmt sie Blandine auf und führt sie mit ihrer Clique zusammen. Blandines Versuche, über gemeinsame Kindheitserlebnisse wieder einen Draht zu Julie herzustellen, prallen am Gegenüber ab. In ihrem Bedürfnis nach emotionaler Annäherung findet sich die Besucherin immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen.
Die Hauptfigur lässt sich allerdings ebenso wenig zu dramatischen Gesten hinreißen wie der Film um sie herum. Die existenziellen Fragen oder auch Ängste, die Blandine durchaus beschäftigen, scheinen zwar auf, werden durch die sympathische Gelassenheit der Figur aber stets abgefedert. Diese tendiert zudem nicht dazu, ihre Gefühle zu verbergen. Zu den amüsantesten Momenten des Films zählen ebenso unverblümte wie umständliche Erklärungen, die Blandine anstelle von direkten Antworten gibt. Dabei ist en passant von einer Beziehung mit einer Frau zu erfahren, die just vor den Olympischen Spielen zerbrach, von der besonderen Verehrung für die Sportlerin Béryl Gastaldello, von einem bescheidenen Dasein als Klavierlehrerin und von verstreuten Erinnerungen an ihre Kindheit. Was bei Blandine aber offenbar keine so tiefen Spuren hinterlassen hat, dass sie sich nicht weiter durch Paris treiben ließe. Auch wenn ihre Augen mitunter orientierungslos umherschweifen – für neue Erfahrungen bleibt sie immer offen.
Der Reiz des Verschrobenen
In ihrem selbstbewusst inszenierten ersten Spielfilm knüpft Valentine Cadic nicht nur an Jacques Tati und dessen Zeitgenossen von der Nouvelle Vague an. Die schwebende Stimmung sucht zudem den Schulterschluss mit anderen französischen Werken der jüngeren Zeit, etwa der zarten Liebesgeschichte „Frühling in Paris“ von Suzanne Lindon oder den Sommerfilmen von Guillaume Brac. Auch „Sommer in Paris“ ist ein Film über verträumte junge Menschen, die ohne Pläne unterwegs sind und den Kontakt zu anderen zwar suchen, aber nicht für alleinbestimmend halten. Dass sie damit für ein gesellschaftlich-politisches Engagement schwerer zu gewinnen sind, ist ein Nebeneffekt, den man bedauern kann; der Umgang mit den Pariser Obdachlosen berührt Blandine zwar, doch die Proteste überlässt sie anderen, etwa dem Ex-Partner ihrer Halbschwester. „Ein Sommer in Paris“ erzählt nicht von einem Aufbruch oder einem Wandel, sondern bildet mit impressionistischen Tupfern eine Suche ab, die nicht zwangsläufig zu Ergebnissen führt. Dennoch steckt in Blandines verschrobener Art etwas Reizvolles, dem man sich schwer entziehen kann.





