The Blaze - Flucht aus den Flammen

85 min | Drama, Action, Thriller
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Während ein Waldbrand die Region seit Wochen verwüstet, müssen Simon (Alex Lutz) und sein Vater Joseph (André Dussollier) ihr Haus im Süden Frankreichs nach einer Evakuierungswarnung verlassen. Doch der Wind frischt auf und macht es unmöglich für die Rettungskräfte, das Feuer zu kontrollieren. Auf der Flucht vor dem Brand finden sich Simon und Joseph in einem riesigen Stau wieder, während die Flammen immer näher kommen. In ihrem Fahrzeug eingesperrt gehen die beiden Männer im Gespräch auf ihr schwieriges Verhältnis zueinander ein und die Wunden der Vergangenheit kommen wieder ans Licht. Besonders Simon muss sich im Angesicht des Todes seinen lange unterdrückten Schuldgefühlen stellen.

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Filmkritik

„The Blaze – Flucht aus den Flammen“ ist ein Gespensterfilm. Er zeigt Gespenster unterschiedlichster Art, mal in Form schuldbewusster Erinnerungen, mal ganz konkret als spukhafte Erscheinungen inmitten eines Waldes voller Rauch und Flammen. In beiden Fällen sind sie nach einiger Zeit zu identifizieren, zum einen als Tote oder Lebende aus der Biografie der Hauptfigur, zum anderen als brennende Tiere und panische Menschen, die sich rettungslos in einem tobenden Feuer verirren. Denn „The Blaze“ ist ein Katastrophenfilm, der die genretypische Action zurücknimmt und sie mit surrealen Sequenzen durchsetzt; der eine gefährliche Lage beobachtet, diese aber nicht bis zum allgemeinen Aufatmen eindämmt, sondern lieber nahe bei den wenigen Figuren bleibt, die darin feststecken.

Furcht vor dem Unwägbaren

Mit den Gespenstern schafft Regisseur Quentin Reynaud gleichzeitig ein Gegengewicht zum Realismus, mit dem er einen gefräßigen, mit menschlichen Mitteln nicht zu bändigenden Wald- und Flächenbrand im französischen Département Landes ins Bild setzt. Mit ihnen hebt er auch die Furcht, die der Anblick dieses Brandes hervorruft, über dessen Ursache hinaus und verändert sie zur größeren Furcht vor dem Unwägbaren. Er legt also einen Hauch Horror in die Geschichte, eine Idee vom Hereinbrechen der Apokalypse. Das ist ein geschickter Zug, denn dadurch wirkt „The Blaze“ weniger stur als ein Actionfilm und weniger verbissen als ein Psychodrama über einen Vater-Sohn-Konflikt. Stattdessen steigern beide Themen in ihrer Kombination das Unterhaltungspotenzial des Films.

„The Blaze“ ist Quentin Reynauds dritter Langfilm und zeigt ihn als effizienten Regisseur, auch jenseits der Arbeit mit Schauspielern. Vielleicht liegt es aber auch nur an der Montage von Jean-Baptiste Beaudoin, dass man innerhalb kürzester Zeit die Ausgangssituation versteht, ohne dass mühevolle Erklärungen nötig sind. Eine Nachricht auf der Mailbox, eine Meldung im Fernsehen, und schon weiß man, dass die Hauptfigur Simon (Alex Lutz) geschieden ist, seit Jahren seinen Sohn Samuel (Vallier Vaudin) vernachlässigt und dass seit 35 Tagen ein Feuer rund um seinen Wohnort die Gegend verwüstet. Der Ort liegt inmitten großer, zusammenhängender Waldgebiete und nahe an der Atlantikküste – Gefahr und mögliche Rettung liegen also nicht weit voneinander entfernt. Das behauptet zumindest die Polizei, als sie die Bewohner gerade zur Evakuierung antreibt.

Kein Vorwärts und kein Zurück

Simon und sein alter Vater Joseph (André Dussollier) steigen ins Auto, was ebenfalls als kleines visuelles Vergnügen gestaltet ist, wenn die Abfahrt der beiden mit Bildern der Reifen, des Radios und der Temperaturanzeige vergegenwärtigt wird. Selten wird bei einem Film über einen großen Brand einleuchtend verständlich, was das Feuer bewirkt, lange bevor es da ist: Die Hitze, die Menschen und Dinge aufweicht. Der Rauch, der die Sicht nimmt. Der Lärm, den die nahenden Flammen machen. Die Ausweglosigkeit, der man in einem Auto ausgesetzt ist, das im Wald die Straße nicht verlassen kann, da es nicht zwischen den Bäumen hindurch kann. Während all das passiert, bleiben die Protagonisten im Stau der Flüchtenden auf der Landstraße stecken, in genau so einer Situation; es gibt kein Vorwärts und kein Zurück; und rechts und links steht geschlossen der Wald.

Der Tod scheint unaufhaltbar. Brennende Wildschweine und schreiende Feuerwehrmänner tauchen als Boten des nahenden Brandes auf. Vom Kampf gegen das Feuer sieht man wenig; Reynaud interessiert sich vielmehr für die Situation knapp vor dem Feuer. Die Melange aus Bedrohung und dem sinnlosen Warten der beiden Hauptfiguren in ihrem Auto ist beeindruckend. Hustend erzählt Joseph von seinen Tagen als Matrose auf dem Meer; über ein Funkgerät hören sie den Seewetterbericht. Beides wirkt ungewohnt poetisch inmitten des roten Funkenflugs. Staat oder Technologie helfen im Zweifel gegen die Natur nicht weiter. Die Gespenster sind in einer solchen Situation hilfreicher fürs Überleben, denn letztlich führt die Erinnerung Simon und Joseph zu einem fast vergessenen Waldweg, der sie aus dem Feuer rettet. Wenigstens fürs Erste, denn der Brand folgt ihnen, raubt ihnen die Sicht und lässt das Auto verunglücken, bevor die Hoffnung zu groß wird.

Katastrophen lassen sich bewältigen

So wird es weitergehen mit der Hoffnung, als stetes Auf und Ab. Parallel erfährt man ein wenig aus dem Leben von Simon, sieht in knappen Rückblenden das Unglück seiner Familie, die einst vom Meer in eine Katastrophe getrieben wurde; nicht nur das Feuer ist in „The Blaze“ als zerstörende Kraft präsent. Trotzdem zeigt der Film, dass man Katastrophen bewältigen kann – egal ob sie von Gefühlen oder der Natur verursacht werden.

„The Blaze“ ist weniger geradlinig als vergleichbare US-amerikanische Filme und weniger geschwätzig in der Darstellung des Heldentums. Man kann überleben, doch das verdankt sich nicht nur der persönlichen Tatkraft, sondern mindestens zu gleichen Teilen dem Zufall. Nur sein Gewissen muss man ganz allein retten.

Erschienen auf filmdienst.deThe Blaze - Flucht aus den FlammenVon: Doris Kuhn (19.11.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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