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The Bride! - Es lebe die Braut

126 minDrama, Horror, LovestoryFSK 16
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Der einsame Frankenstein (Christian Bale) reist ins Chicago der 1930er-Jahre, um die geniale Wissenschaftlerin Dr. Euphronius (Annette Bening) zu bitten, eine Gefährtin für ihn zu erschaffen. Die beiden reanimieren eine ermordete junge Frau – „die Braut“ (Jessie Buckley) ist geboren. Doch was sich daraufhin entfaltet, sprengt all ihre Erwartungen: Mord! Besessenheit! Eine entfesselte, radikale Kulturbewegung! Und mitten in diesem Strudel ein geächtetes Paar, verstrickt in eine Romanze, deren heiße Glut zugleich entflammt und zerstört.
  • Veröffentlichung05.03.2026
  • Maggie Gyllenhaal
  • Vereinigte Staaten (2024)

Die Geschichte von „The Bride!“ beginnt nicht damit, dass ein Monster (Christian Bale) nach seiner Partnerin sucht. Auch nicht damit, dass die Leiche einer jungen Frau (Jessie Buckley) durch Blitzschläge zum Leben erweckt wird. Sondern mit einem Stöhnen aus dem Schatten der Leinwand herab. Mary Shelley (ebenfalls Jessie Buckley) schält sich aus der Dunkelheit und blickt aus dem Jenseits aufs Publikum. Bevor sie der Braut die Bühne überlässt, muss sie ihrem Ärger Luft machen. Darüber, dass sie in eine Gesellschaft geboren wurde, in der Frauen schweigen müssen, damit Männer umso lauter reden können. Oder dass sie nie wirklich das erzählen durfte, wonach ihr der Sinn stand. Und dass selbst ihr Roman „Frankenstein“, der sie berühmt machte, von Männern genutzt wurde, um die Welt zu erklären.

Der Geist von Mary Shelley

Diese Anklage scheint auch für die Filmwelt zu gelten. Schließlich hatte „Frankensteins Braut“ – womit eigentlich die Braut des Monsters gemeint ist – in dem Film von James Whale aus dem Jahr 1935 nur einen kurzen, wenn auch brillanten Auftritt und war in späteren Neuverfilmungen eher attraktives Beiwerk als vollwertige Protagonistin. All das soll sich jetzt ändern. Denn der Geist von Mary Shelley hat endgültig genug davon, sich hinter einer blumigen Sprache und höflichen Metaphern zu verstecken; vielmehr will sie derbe Flüche hinausbrüllen und aus dem jahrhundertelang aufgestauten Ärger eine neue Geschichte erschaffen. Die Schriftstellerin macht unmissverständlich klar, dass es hier nicht mehr um „Frankensteins Braut“, sondern um „The Motherfucking Bride!“ geht.

Von „Frankensteins Braut“ lässt Regisseurin Maggie Gyllenhaal in „The Bride!“ nur das Skelett übrig: Eine tote Frau wird zum Leben erweckt, um als Gefährtin für ein einsames Monster zu dienen. Alles Weitere trägt eine neue Handschrift. Mit bestechender Ästhetik, die vor Atmosphäre geradezu trieft, erträumt Gyllenhaal ein Zerrbild der 1930er-Jahre – genau der Ära, in der der erste „Frankenstein“-Film (1931) in die Kinos kam. Diese Welt nutzt sie als Bühne für eine verheerende Dreiecksbeziehung. Denn die titelgebende Braut entwickelt nicht nur eine Bindung zu ihrem versprochenen Monstergatten „Frank“, sondern auch zu Mary Shelley, die als Stimme in ihrem Kopf ein neues Leben findet. Ersterer will sie zur unfreiwilligen Ehefrau machen, letztere zum Racheengel wider Willen.

Der zurückgenommene Christian Bale, der Frankensteins Kreatur mit übertriebener Höflichkeit und Vorsicht als sanften Riesen verkörpert, ist dabei ein sorgfältig gewählter Gegenpol zur tobenden Shelley. Das ungleiche Trio begibt sich auf eine – nicht ganz unblutige – Reise durch eine USA, in der der Tonfilm die Massen verzaubert und viele Männer bereits Monster sind.

Das Fegefeuer der weiblichen Wut

„The Bride!“ fühlt sich wie die Rolle an, für die Jessie Buckley geboren wurde. Ihr unbändiges Spiel durchzuckt den Film wie ein Gewitter, das die alte Story immer wieder zu neuem Leben erweckt. Wer das nicht aushält, muss sich eine zahmere Braut suchen. Aus dem Ursprung dieser zerstörerischen Energie macht der Film kein Geheimnis. Der übergewichtige, sexistische Gangsterboss, der Frauen wie Gegenstände behandelt, ist ein erster Hinweis darauf, worum es eigentlich geht. Später wird es expliziter: Die zornige Braut zählt eine Reihe von Frauen auf, denen Gewalt angetan wurde, und ergänzt immer wieder: „And me too! Me too! Me too!“

Es ist die Subtilität eines Holzhammers, doch diesen Hammer schwingt „The Bride!“ mit bemerkenswertem Gusto. Die Botschaft der #MeToo-Bewegung ist mittlerweile hinlänglich bekannt; doch wie sie vermittelt wird, macht den Unterschied. Die weibliche Wut, die sich hier Bahn bricht, ist ebenso inspirierend wie erschütternd. Selbst die Braut bricht kurz zusammen, weil sie es nicht aushält, die komplette Erblast der weiblichen Unterdrückung auf ihren Schultern zu tragen.

Maggie Gyllenhaal sorgt dafür, dass sich alle Themen in „The Bride!“ permanent im Krieg miteinander befinden: Die Last der Weiblichkeit kollidiert mit ihrer Ermächtigung. Die Liebe des Monsters ringt mit der Wut von Mary Shelley. Der Hass auf die Welt kämpft gegen das Bedürfnis, sie lebenswerter zu machen. Selbst über die Leinwand hinaus scheinen sich diese Dualitäten fortzusetzen, denn Gyllenhaal bewundert offensichtlich das Quellmaterial – und will es dennoch unbedingt zerstören. Wenn sich die Braut also darüber erzürnt, dass sie unfreiwillig zur feministischen Galionsfigur erhoben wird, richtet Gyllenhaal diesen Zorn auch auf sich selbst als Regisseurin. Sie ist die Person, die ihrer Figur auferlegt hat, diese Qualen zu durchleben, damit sie eine stimmige Geschichte erzählen kann. Die Schöpfung hasst, wie es die Legende verlangt, ihre Schöpferin, und die Schöpferin hasst sich selbst, weil sie ein Monster erschaffen musste, um denen eine Stimme zu geben, die sie nicht mehr selbst erheben können.

Ein gänzlich neues Monster

Mit „The Bride!“ zerreißt Maggie Gyllenhaal den „Frankenstein“-Mythos in der Luft, um aus den Einzelteilen ein völlig neues Monster zu erschaffen. Eine Mischung aus Gothic-Horror, Gangsterfilm und Punk-Rock. Von Mary Shelleys Originaltext bis zu Mel Brooks’ „Frankenstein Junior“ nimmt sie sich, was sie braucht, und lässt den Rest verwesen. Gyllenhaal nutzt die klassische Geschichte als Rahmen, um den Aufschrei der modernen Frauenbewegungen greifbar zu machen und ihn Jessie Buckley in den Mund zu legen. Die Braut soll aber weder Antworten finden, noch Lösungen vorschlagen, sondern dient primär zur Kanalisierung einer unbändigen Wut und der damit einhergehenden Lust an der Zerstörung. Das Resultat dieser Inszenierung, die eher auf emotionaler und ästhetischer als auf narrativer Ebene funktioniert, ist kein perfekter Film, sondern ein bewundernswerter Flickenteppich, der sich für seine Nähte nicht schämt. Nur wenn sich die Story vom zentralen Paar abwendet und auf die Seite der Gesetzeshüter wechselt, wirkt er träge. Eine überraschend hölzerne Penélope Cruz schleppt sich durch eine Nebenhandlung mit klobigen Dialogen, die in einem Finale mündet, das dem subversiven Monster-Road-Movie nicht gerecht wird.

Abgesehen davon legt Gyllenhaal jedoch ein sicheres Gespür für den Stoff an den Tag. Vor allem versteht sie, dass Rachefantasien, egal wie gerechtfertigt sie sind, zu ähnlichen Teilen aus Schmerz und aus Ekstase bestehen. Das Trio Gyllenhaal, Bale und allen voran Buckley tut alles dafür, um genau diesen Schnittpunkt zu treffen. Wo dies gelingt, explodiert die Leinwand förmlich und gibt den Blick frei auf die Vision, die hinter diesem Film steckt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deThe Bride! - Es lebe die BrautVon: Christoph Dobbitsch (5.11.2026)
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