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Filmkritik
Ihr Image als bewunderter Star in der „Twilight“-Reihe hatte Kristen Stewart bereits mit den Filmen „Die Wolken von Sils Maria“ (2014) und „Personal Shopper“ (2016) von Olivier Assayas abgelegt. Später brillierte sie als Prinzessin Diana in „Spencer“ (2021). Die US-Schauspielerin hat sich bewusst vom Hollywood-Kino und dem damit verbundenen Ruhm abgewandt; nur erfolgreich und beliebt zu sein, war ihr nicht mehr genug. Zu dieser Entwicklung passt, dass sie nach dem 17-minütigen Kurzfilm „Come Swim“ (2017) nun ihr Spielfilmdebüt „The Chronology of Water“ präsentiert. Stewart hat es sich dabei nicht einfach gemacht. Die gleichnamigen Memoiren der Schriftstellerin Lidia Yuknavitch sind ein Text voller Schmerz und Sehnsucht, in dem es um Disziplin, Leistung, Befreiung, Schreiben, Überleben, Blut und Wasser geht. Filmisch wird daraus eine Collage aus Bildern, Geräuschen, Erinnerungsfetzen, Einsprengseln und Fragmenten, schnell geschnitten, mit lautem Sound und lebendigem Rhythmus.
„Erinnerungen sind Geschichten“, heißt es einmal. Diese Erinnerungen unterbrechen immer wieder die Linearität der Erzählung und lassen Gegenwart und Vergangenheit gleichberechtigt nebeneinander verlaufen. Stewart, die acht Jahre am Drehbuch schrieb, macht es dem Zuschauer besonders zu Beginn nicht leicht; man muss wie schon in der literarischen Vorlage die Bruchstücke selbst zusammensetzen. Doch mit zunehmender Dauer entsteht ein Sog, der einen nicht mehr loslässt.
Scheinbar schwerelos durchs Wasser
Es beginnt mit fragmentarischen Aufnahmen einer schwimmenden Frau. Später kniet sie blutend in einem Duschraum. Noch erklären sich die Bilder nicht von selbst. Dann führt die Hauptfigur als Off-Erzählerin in kurzen, monoton gesprochenen Sätzen ein. Man sieht schwimmende Körper, die scheinbar schwerelos durchs Wasser schweben, Mädchen in Badeanzügen, die dem Becken entsteigen, Jubel, Trophäen. Lidia Yuknavitch (Imogen Poots) ist als Jugendliche eine begeisterte Leistungsschwimmerin. „Wie viele Meilen braucht es, um zu sich selbst zu schwimmen?“, fragt sie sich selbst und verweist auf die befreiende, haltende Kraft des Wassers. Sie und ihre ältere Schwester Claudia werden von ihrem Vater sexuell missbraucht. Er verhindert auch mit Macht, dass sich die junge Frau vom Elternhaus löst. „Ich kontrolliere dich“, sagt er zu ihr in einer beklemmenden Szene.
Mit einem Schwimmstipendium gelingt ihr schließlich die Flucht an eine Universität in Texas, doch mit ihrer Alkoholsucht und ihrem selbstzerstörerischen Verhalten verbaut sie sich ihre sportliche Zukunft. Sie lernt einen viel zu introvertierten jungen Mann kennen, wird schwanger, erleidet aber eine Fehlgeburt, was zu den blutgetränkten Bildern des Anfangs zurückführt.
Das Schreiben wird zur Befreiung
Zur zentralen Szene des Films wird Lidias Begegnung mit Ken Kesey, dem Autor der Vorlage von „Einer flog über das Kuckucksnest“. Lidia schreibt sich Ende der 1980er-Jahre an der Universität von Oregon ein. Kesey, der hier als Professor lehrt, ermuntert sie gemeinsam mit anderen Studenten, einen Roman zu schreiben, der 1989 unter dem Titel „Caverns“ veröffentlicht wird. Jim Belushi spielt diese einstmals berühmte Legende als menschliches Wrack mit rotem Barett, der gleichwohl ein imposanter Lehrer ist. „Ich will, dass du großartig bist“, ruft er Lidia zu. Die junge Frau widmet sich fortan dem Schreiben. Mit ihren Kurzgeschichten über ihre Verletzungen und Traumata eckt sie häufig an. Und doch hat sie Erfolg, bei Lesungen, Preisverleihungen, Herausgebern. Das Schreiben ist für sie, ähnlich wie zuvor das Schwimmen, zur Befreiung geworden.
Kristen Stewart erspart dem Zuschauer nichts. In ihren Bildern, aber auch in den Dialogen, ist sie sehr direkt und offen, roh und radikal. Das Leiden ihrer Hauptfigur, egal ob angesichts der beängstigenden Präsenz ihres Vaters oder der selbstzerstörerischen Odyssee während des Schwimmstipendiums, stellt sie erbarmungslos heraus. Einmal wird Lidia von einer Domina (Kim Gordon) gnadenlos ausgepeitscht. „Führ den Schmerz irgendwohin“, sagt die Domina zu ihr. Der Schmerz als Selbstbestrafung, vor allem aber als Erlösung.
Unerschrockene Vision
Ohne die Darstellung von Imogen Poots wäre der Film nicht denkbar. Unerschrocken lässt sich die britische Schauspielerin auf die Vision der Regisseurin ein. Ekel und Schmerz, Schrecken und Trauer, Hässlichkeit und Scham, aber auch Lust und Freude, sogar Übermut spiegeln sich auf ihrem Gesicht, das die Kamera häufig in Nahaufnahme einfängt. Auch Thora Birch als ältere Schwester, die frühzeitig vor dem gewalttätigen Vater geflüchtet ist und Lidia zurückgelassen hat, ist bemerkenswert in ihrer Trauer und Zuneigung. Ein kraftvoller, komplexer, besonderer Film, der das Publikum herausfordert. Doch „das Wasser wird dich halten“, heißt es im letzten Satz von „The Chronology of Water“.








