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The Education of Jane Cumming

Komödie, Horror
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Eine Kutsche fährt durch eine reifbedeckte, schottische Heidelandschaft. Die Insassen sind allesamt weiblich: zwei junge Schwestern, etwa 10 und 15 Jahre alt, ein düster dreinschauendes junges Mädchen und eine ältere Dame mit hochmütigem Gesichtsausdruck. Von draußen dringt die raue Witterung in das Gefährt; die Reisenden frieren. Schließlich kommen sie an ihrem Ziel an, einer Mädchenschule, die im Jahre 1810 von zwei Frauen, Miss Pirie (Flora Nicholson) und Miss Woods (Clare Dunne), geführt wird. Die ältere Dame entpuppt sich als die reiche Adlige Lady Cumming (Fiona Shaw), die ihre drei Enkelinnen in der Schule unterbringen will. Sie scheint von der Einrichtung – zu Recht – angetan und fährt allein wieder nach Hause.

„The Education of Jane Cumming“ macht dann mit dem Schullalltag bekannt: Pirie und Woods kennen sich nicht nur in Geistes- und Naturwissenschaften bestens aus, sondern lehren auch den Tanz oder bewegen sich mit ihren Schützlingen in der freien Natur. Die Schülerinnen, ein knappes Dutzend, erhalten von den beiden Frauen eine aus heutiger Sicht erstaunlich fortschrittliche Bildung. Es wird wenig, wenn überhaupt, bestraft, stattdessen stehen Gespräche und Schlichtung an, wenn Probleme anfallen. Die gibt es mit Jane (Mia Tharia), dem in sich gekehrten jungen Mädchen, zuhauf, und das ist beileibe nicht ihre Schuld. Das Mädchen stammt aus Indien, ist die uneheliche Tochter des verstorbenen Sohns von Lady Cumming und einer Inderin. Wegen ihrer Herkunft wird Jane von ihren Mitschülerinnen und dem Personal gemieden. Zum anderen hält ihr ihre dünkelhafte Kusine ihre vermeintlich mindere Abstammung vor.

In den Sommerferien an der See

Als Jane allerdings in den Sommerferien mit Miss Pirie und Miss Woods an die See fahren darf, knüpft sie freundschaftliche Bande mit ihren beiden Erzieherinnen. Vor allem Miss Pirie achtet allerdings darauf, keine zu innige Beziehung zu ihren Schülerinnen aufzubauen und eine gewisse Distanz zu ihnen zu wahren. Insgeheim liebt die etwas verhärmte Miss Pirie die sanfte Miss Woods, traut sich aber in der moralisch strengen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts nicht, ihr ihre Gefühle eindeutig zu offenbaren. Dabei werden sie von Miss Woods durchaus erwidert.

Doch die Sorgfaltspflicht für ihre Schülerinnen steht für die beiden Frauen an erster Stelle. Immer achten sie darauf, dass es den Schülerinnen gut geht und dass alles korrekt in der Schule abläuft, auch in den Schlafstuben, wo die Mädchen und Lehrerinnen sich ein Bett teilen müssen. Doch eines Tages erhebt ausgerechnet Jane schwere Anschuldigungen gegen Pirie und Woods: Sie hätten neben ihr im Bett Sex gehabt, sie vom Schlaf abgehalten und traumatisiert. Es kommt zu einem Prozess.

Die Geschichte der beiden engagierten Lehrerinnen und der Verleumdungskampagne gegen sie beruht auf historischen Tatsachen. Zehn Jahre dauerte der Prozess, den Miss Pirie anstrengte, bis sie zwar rehabilitiert, nervlich und beruflich jedoch in den Ruin getrieben war. Zudem wurden die beiden Frauen, die im Film ihre Liebesbeziehung schließlich kurz ausleben, räumlich getrennt. Die deutsche Regisseurin Sophie Heldman hat aus der verbürgten Geschichte ein sehenswertes Historiendrama in schönen, verhaltenen Bildern inszeniert, das Schauplätze und Kostüme, aber auch die Mentalität der Epoche sehr anschaulich nachstellt. Sie erzählt zwei Geschichten: die der Außenseiterin Jane und die der beiden Frauen und ihrer verborgenen Liebe.

Der Adel liebt seine Skandale

Im Vereinigten Königreich der Regency-Ära ist Berufstätigkeit für Frauen nicht vorgesehen, und wenn sie wie die Lehrerinnen im Film arbeiteten, dürfen sie nicht verheiratet sein – und eine gleichgeschlechtliche Liebe ist völlig tabu. Jane weiß dies und will sich an den beiden aufgrund einer Kränkung eigentlich nur spontan rächen. Dass ein wegen sein Herkunft und Hautfarbe zur Außenseiterin gemachtes junges Mädchen zwei weitere Außenseiterinnen verrät, entbehrt nicht einer bitteren Ironie. Janes Anschuldigungen sind falsch, werden von der höheren Gesellschaft aber nur zu gern geglaubt. Der Adel, müßig und gelangweilt, liebt seine Skandale. So kontrastieren die geschmackvollen Interieurs der beiden bürgerlichen, selbstständigen Frauen in der Mädchenschule mit dem Prunk in Lady Cummings Palast.

Letztere hält sich für die Hüterin der Moral und wird zur Hauptanklägerin der beiden Lehrerinnen. Sie werden durch den Skandal, der ihnen aufgebürdet wird und den sie zunächst gütlich zu regeln versuchen, jedoch in ihrer Existenz bedroht. Ihr Fleiß, ihr Wissen und ihre Beliebtheit bei ihren Schützlingen werden nicht belohnt. Ein Rufmord wird losgetreten, wie man ihn bis heute in Massenmedien oder Sozialen Netzwerken kennt, nur dass er damals durch Klatsch und üble Nachrede physisch verbreitet wurde.

Während der Film also durchaus Parallelen zur Gegenwart aufweist, ist er durch seine Optik, die Dialoge und die Nachstellung der Epoche eindeutig in der Vergangenheit verortet. Kostüme, Mobiliar und Interieurs atmen die Zeit und den Geist der späten Jane Austen. Nur gibt es hier weder die heitere Ironie der berühmten Autorin noch das Happy End ihrer Romane. Die (Aus-)Bildung für junge Mädchen aus besserem Hause, geistig und sittlich möglichst umfassend für die Ehe vorbereitet zu werden, bildet hier quasi die Vorgeschichte einer Austen’schen Heldin. So verbindet der Film auch die Gegebenheiten von damals mit Symbolik. Räume in der Schule werden abends mit Kerzen beleuchtet, Zimmer und Flure bleiben oft im Dunkeln.

Das Begehren schlummert im Verborgenen

Das verdeutlicht zum einen die Beziehung der beiden Frauen: Ihr wahres Begehren, in dem entgegen der allgemein vorherrschenden Meinung keine Männer vorkommen, schlummert für die Figuren lange im Verborgenen (nicht für das Kinopublikum). Zum anderen thematisiert der Film aber auch die Tabuisierung von Sexualität, für die sich die (vor-)pubertären Schülerinnen dennoch sehr interessieren. Ihr Halbwissen zeitigt dann allerdings die Denunziation durch Jane, die sich der Tragweite ihrer Handlung nicht bewusst ist. Lachen darf man, wenn Juristen im Film voller Furcht und Unwissenheit über die Sexualität von Frauen debattieren, denen sie keinerlei Lust zugestehen.

So beinhaltet der Filmtitel zwar nur den Namen der jungen Schülerin; inhaltlich aber stehen die beiden Lehrerinnen ebenso im Fokus. Und am Ende werden sie alle drei um ihr Lebensglück betrogen – von einer ignoranten Gesellschaft, die sich im Recht wähnt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deThe Education of Jane CummingVon: Kira Taszman (16.2.2026)
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